Karin Unkrig

22. April 2016

Ein strahlender Tag, der einzige zwischen zwei Kältewellen. Ich schlendere der Nordendstraße entlang, die gewohnte Route: Blumenladen, Café Moro, französische Buchhandlung. Wegen der Jungs (und der Croissants, die es dort zufälligerweise gibt) schaue ich noch bei der Donutsbar vorbei. Das Zuckergebäck strahlt mich in allen Farben an: Cookies, Muffins, süße Bagels ...

Der Verkäufer gleicht in Figur und Stimme dem Schauspieler Axel Ranisch. Dieselbe fürsorgliche Art, dieselben vertrauenserweckenden Gesten. Während er das Gebäck mit einer Metallzange aus der Vitrine hebt, auf einem weißen Karton drapiert und sorgfältig in Einbindepapier schlägt, stürmt eine junge Frau herein. Schwarze Jeans, olivgrüner Parka, langes blondes Haar. Außer Atem, aufgedreht, ein bisschen durch den Wind. Sie setzt sich auf einen Barhocker und spricht durch mich hindurch. «Benni, es ist aus!» Ein bisschen zu hell, ein bisschen zu laut, sodass ich für mich überlege, mit wem wohl Schluss sei. Ob sie den Job hingeschmissen, den Chef in die Wüste geschickt oder gerade eben eine Liebesbeziehung beendet hat. Zum Glück müssen noch die Croissants sturzsicher eingepackt werden. Ich klaube mein Portemonnaie hervor, zähle umständlich das Kleingeld ab, trödle etwas herum – insgeheim hoffend, dass meine Neugier gestillt wird.

Ich bin sonst eher zurückhaltend, aber nun will ich es wissen. Zumal ich den Gesichtsausdruck der Dame in meinem Rücken nicht eruieren kann. Wäre ein Spiegel hinter dem Ladentisch montiert, müsste ich nicht nach einer Tüte fragen, nur um eine weitere Minute länger bleiben zu können.

Bennis Bekannte ist noch ungeduldiger als ich. «Er hat Schluss gemacht!» platzt es aus ihr heraus. «Einfach so, nach 301 Tagen.» Ich kann ihr nachfühlen, wie das ist, mit Zitterpartien. Liaisons, die man ängstlich zählend über die Runden bringt. Hofft, dass es doch hält. Sich einredet, dass er sonst nicht zehn Monate geblieben, mit in Urlaub gefahren, immer wieder zurückgekommen wäre. Erst kürzlich hat er sie seinen Freunden vorgestellt. Etwas verhalten zwar. Er spricht nie viel, insbesondere nicht über eine gemeinsame Zukunft. Aber das fällt ihr erst heute auf.

Nur zu gut kenne ich die Schmach des Abserviert-Werdens, den bohrenden Liebeskummer, die Panik vor dem Alleinbleiben. Die studierte Psychologin in mir hätte diskret geschwiegen, sich freundlich verabschiedet und der Schicksalsgenossin ein aufmunterndes Lächeln geschenkt. Da ich seit Jahren in der Kommunikation arbeite, kann ich es jedoch nicht lassen, mich umzudrehen. Die Frau mag Mitte 20 sein, die Augen sind weit aufgerissen, eine leise Verzweiflung liegt in ihrem Blick. «Es kommt ein Anderer, ein Besserer», sage ich zu ihr. Jedes weitere Wort wäre zu viel gewesen.

«Verdammt», denke ich, als ich an der Tramhaltestelle wartete. «Sie ist am Boden zerstört und der Kerl geht heute Abend aufs Frühlingsfest, als ob nichts gewesen wäre.»




 

 

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