Olaf Lüken

Bücher statt Bratkartoffeln

Meine Bratkartoffeln sind wirklich gut. Ich kriege wunderbare Frühstückseier hin, und das süßsaure Huhn taue ich exakt so auf, wie es der Hersteller beschreibt. Mein Umfeld sagt: Der Mann kann kochen. Kann er leider nicht. Niemand weiß es besser als ich, dass alles nur Bluff ist. Fassungslos sitze ich vor den Erfindungen der großen Köche, frage mich, wie sie in so fragile Dinge wie Wachteln auch noch eine Füllung hineinbekommen und wie sie einen Lachs  so behandeln, dass er anschließend nicht strohtrocken zwischen den Zähnen stecken bleibt.

Neulich habe ich versucht, diesen Komplex mit Gewalt aufzuknacken. Beladen mit einem Packen der wichtigsten Kochbücher kehrte ich an den Herd zurück und begann mit dem Studium. Bei "Kochen mit Phantasie" verguckte ich mich sofort in einen Steinbutt mit Würzsud und marschierte mit einer Zutatenliste los. "Weißwein, Jahrgang 1992", fragte mein Weinhändler, "da hätte ich noch einen wunderbaren Mersault auf Lager. Wenn Sie einen Liter brauchen, würde ich Ihnen die beiden letzten Flaschen für 185 Euro lassen." Ich überlegte kurz, ob ich ihm gestehen sollte, dass der Wein - zusammen mit dem Fischfond, Wermut und Kräutern in einen Bräter gekippt werden würde - und verließ den Laden mit einer undeutlich gemurmelten Entschuldigung. Der vor kurzem verstorbene, einst hochbegabte Monsieur Bocuse, das weiß man aus dem Fernsehen, war ein kerniger Typ, der anständige Sachen zubereitete. Weltweit. Ich vertiefte mich in eine Anleitung, zum Filettieren von Plattfischen: "Nun schiebt man die Spitze eines biegsamen Messers hinter den Kopf möglichst flach in den mittleren Einschnitt und zieht das Messer fest aufdrückend zwischen Gräten und Filet gleitend wieder zu sich hin. Ich entschied mich das Problem einem Fischhändler zu überlassen: "Einen schönen mittelgroßen Steinbutt bitte - und würden sie ihn gleich filettieren ?" rief ich der Verkäuferin zu, die daraufhin sanft errötete -sie sei ja nur Verkäuferin und müsse allein so viele Kunden bedienen, ob es nicht auch eine Portion von diesem schönen aufgetauten Schollenfilets sein dürfe, das schmecke genauso gut. Aufgetaute Schollenfilets ? Nie würde mich der Beginn meiner Kochkarriere in solche Niederungen führen! Steinbutt war ohnehin nicht da. Ich verließ das Geschäft schließlich mit zwei soeben ermordeten Forellen, blätterte bei Bocuse nach und beschloss, dass das Einfache ohnehin das Beste sei. Forelle Müllerin zum Beispiel. Das Anbraten muss auf großer Flamme schnell ausgeführt werden, damit der Fisch nicht in der Pfanne festklebt. Ich ließ die Pfanne heiß werden und legte die Forellen sorgfältig hinein - sofort klebten beide Fische wie angenagelt fest. Ich fuhr rigoros mit einem scharfkantigen Bratenwender dazwischen und hatte nach wenigen Sekunden etwas produziert, das mich an den Kaiserschmarren aus frühen Kindertagen erinnerte, aber leider nicht annähernd so gut roch. Ich stellte den Herd ab und genehmigte mir ein volles Glas Weißwein, Jahrgang 1999. Mit dem Kochen war Schluss !

 

Tage später wandte ich mich wieder einmal meinen Kochbüchern zu - diesmal systematisch und mit einem Notizblock auf dem Tisch. Der füllte sich rasch mit Begriffen, deren Sinn sich mir leider nicht erschließen wollte. Troussieren, Sautieren, Pochieren, Farcieren, Gratinieren, Glasieren. Aaah ! Es war einfach hoffnungslos. Jetzt gehe ich wieder gern durch den Einkaufsmarkt und betrachte neugierig, was die Tiefkühlkostenhersteller so alles erfinden. Ich bin vorsichtiger geworden und nehme öfter auch mal Bratkartoffeln aus der Kühltheke mit. Und der Kuchen vom Bäcker, gleich an der Ecke, ist auch nicht so übel.


(c) Olaf Lüken (2018)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Olaf Lüken).
Der Beitrag wurde von Olaf Lüken auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Wir sind die Kinder vom Biobauern! von Simone Wegmeyer



Ein Buch über die Anfänge der Biowelle.
Zum totlachen komisch aus kindlicher Sicht geschildert.
Für Fastfoodjunkies und Müsliesser geeignet!
Illustriert und geschrieben von Simone Wegmeyer.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Olaf Lüken hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Olaf Lüken

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Zeit ist Geld - Geld ist Zeit von Olaf Lüken (Sonstige)
Menschen im Hotel XII von Margit Farwig (Sonstige)
Eine E-Mail-Liebe von Barbara Greskamp (Liebesgeschichten)