Jutta Schwarz

Die Alte mit den Weihnachtskarten

   Als Inge die alte Frau sah, hatte sie, gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluß,
eine warme Garnitur aus Wollmütze, Handschuhen und Schal, die Armbanduhr
für Harald, das Handy für Anja und das Computerspiel für Dennis erstanden. Wie
jedes Jahr hatte sie es auch dieses Mal nicht geschafft, ihre Weihnachtseinkäufe
vor zu verlegen, obwohl sie es sich immer wieder vornahm. Es war wirklich kein
Vergnügen, einen Tag vor Heiligabend.
   Die Frau saß auf einem klapprigen Hocker unter dem schmalen Vordach des Kauf-
hauses, an dem die Menschenmenge, in warme Mäntel gehüllt, die Krägen hoch ge-
schlagen, die Mützen oder Hüte tief ins Gesicht gezogen zum Schutz vor den wild
durcheinander wirbelnden Schneeflocken und dem eisigen Wind, vorüberwogte.
   Sie trug eine an den Ellenbogen geflickte Strickjacke über einem alten, verfilzten
Wollpullover, eine zerschlissene Decke lag auf ihren Knien. Sie war zu klein, um die
geschwollenen Beine zu verhüllen. Ihr Kopf mit dem schütteren, grauen Haar war
ungeschützt dem wütenden Tanz der Schneeflocken ausgesetzt, und die Hände, die
ein Päckchen bunter Weihnachtskarten umkrampften, waren nackt und blau gefroren.
   Die Schultern hoch gezogen, saß sie da, unbeweglich wie eine Statue, mit erstarr-
tem, grauem Gesicht, die Augen in die hastende Menge gerichtet, blicklos, wie Blin-
de es tun.
   Dies alles nahm Inge wahr, während sie sich vorüber schieben ließ an diesem
Spätnachmittag vor Heiligabend, inmitten tausender von Lichtern, Weihnachtsklän-
gen und dem Duft gebrannter Mandeln, dampfenden Glühweins und Zimtgebäck.
Sie hatte es eilig, sehnte sich nach Hause, in die Wärme. Heraus aus dieser Kälte,
die trotz der gefütterten Stiefeln an ihren Beinen empor kroch. Kaum, daß sie ihre
Finger in den Schaffellhandschuhen noch spürte. Das Gedränge der Anderen mit ih-
ren prall gefüllten Tüten und Taschen ging ihr auf die Nerven. Und sie war müde.
   Zu müde, um den Weg noch einmal zurück zu gehen zu der kleinen, halb erfrore-
nen Gestalt mit der zerschlissenen Decke auf den Knien und den Weihnachtskarten
in den frostblauen Händen. Zurück zu den Augen, die in die gleichgültige Menge
starrten, ohne sie zu sehen, und deren Leere Inge nicht los lassen wollte.
   Die Tüte mit den Geschenken für Harald und die Kinder  und der warmen Garni-
tur aus Mütze, Schal und Handschuhen knisterte bei jedem Schritt, und Inge sah
ganz deutlich den unbedeckten Kopf vor sich, das schüttere, graue Haar, an dem
der Wind zerrte. Sie sah die Menschenmenge, bepackt mit Weihnachtsgeschenken, 
an der alten Frau vorüber hasten, mit Gesichtern, in denen so gar keine Freude war.
Und sie sah sich selbst, keinen Deut anders als sie.
   Wenn ihr nur nicht so kalt gewesen wäre! Und es gab auch noch so viel zu tun.
Gleich kam Harald nach Hause, und sie hatte keine Ahnung, was sie kochen sollte.
Außerdem mußte der Puter für morgen vorbereitet werden. Im Kühlschrank warte-
ten einige Rollen Plätzchenteig, und die Geschenke waren auch noch nicht verpackt.
Es sollte doch ein gelungenes Fest werden mit allem, was dazu gehörte.
   Wie es wohl für die alte Frau aussehen mochte? Wo und mit wem würde sie es
verbringen? Ob es überhaupt irgendjemanden gab?
   Plötzlich machte Inge kehrt. Irgendetwas trieb sie zurück. Die Mütze, die Handschuhe,
der Schal, sie würde sie der Alten schenken. Und ihr dann alle Weihnachtskarten ab-
kaufen. Ein wahrlich geringer Preis für ein gutes Gewissen...
   Auf halbem Weg kam ihr mit gellender Sirene und Blaulicht eine Ambulanz entge-
gen. Inge ging, von einer plötzlichen Unruhe erfaßt, schneller. Dann endlich war sie
da, ihr Blick bahnte sich einen Weg zwischen den Passanten hindurch. Da sah sie, daß
der Hocker leer war. Eine zerschlissene Decke lag auf der Erde. Und nicht weit davon
entfernt, schon fast vom Schnee begraben, ein Päckchen bunter Weihnachtskarten. 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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