Irene Lichtenberg

Eine mögliche Weihnachtsgeschichte

Markus war kalt. Eiskalt. Es graupelte und langsam sah die aufgewühlte Erde um ihn herum gesprenkelt aus. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihm jemals in seinem Leben so kalt gewesen war, selbst das Blut in seinen Adern schien kalt zu sein. Seit einer gefühlten Ewigkeit saß er hier in diesem Schützengraben fest, ständig in Todesangst und ohne Hoffnung auf ein Ende dieser grausigen Situation. Er saß schon seit Wochen in diesem Graben, unweit des Feindes und in Reichweite seiner Tod bringenden Kugeln. Er hatte Kameraden fallen sehen, direkt neben ihm, er hatte schon viel zu viel sehen müssen, was ihn wohl für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen würde können. Wie lang auch immer dieser Rest seines Lebens sein könnte, denn obwohl er kaum über 20 Jahre alt war, könnte schon die kommende Stunde seine letzte sein. Soldatenschicksal.

 

Im Moment erschien ihm allerdings ein schneller Tod durch eine feindliche Kugel als der geringere Schrecken, so aussichtslos und elend war seine Lage.  Die Situation seiner Einheit war verzweifelt. Sie hatten kaum mehr etwas zu essen und spürten alle, wie sich die Schwäche und die Kälte in ihren Körpern ausbreiteten. Das Wetter war das typische nasskalte Schmuddelwetter der Vorweihnachtszeit, das die Erde schwer und schlammig machte, so dass es kaum noch Deckung vor dem Feind gab und gar keinen Schutz vor Wind, Regen und Schnee. Lethargisch drehte sich Markus etwas zur Seite um den rechten Arm zu entlasten, der das Maschinengewehr hielt. Munition und Waffen waren das Einzige, was sie im Überfluss hatten, doch die Kämpfer waren zermürbt. Es war fast Weihnachten und doch war die Situation von Markus und seiner Truppe so trostlos wie nie.

 

Markus hatte das Gefühl für die Zeit völlig verloren. Ab und zu gab es mehr oder weniger heftige Schusswechsel, doch im Grunde mehr um nicht völlig in Apathie zu versinken, als um wirkungsvoll gegen den Gegner vorzugehen. Wenigstens schien es der Gegenseite ähnlich schlecht zu gehen, sonst hätten sie Markus’ Einheit schon seit Tagen überrannt. Doch auch diesen Männern schien das Wetter, mangelhafte Ausrüstung und das Ausbleiben von Nachschub-Lieferungen zuzusetzen.

 

Es wurde langsam dunkel, obwohl es erst Nachmittag sein konnte, typisch eben für die Weihnachtszeit, die dunkelste des Jahres. Sehnsüchtig dachte Markus an seine Eltern, die sich um diese Zeit um Weihnachtsplätzchen, Festtagsbraten und Christbaum gekümmert hatten. Er erinnerte sich an die Stimmung, an die Vorfreude und an das gemütlich warme Wohnzimmer, wo bei heißem Kakao und Keksen erzählt, gelacht und auch mal gestritten wurde. Bis zum vergangenen Frühjahr, als ein bislang völlig unmöglich scheinender Krieg ausgebrochen war und jedes Gefühl von Sicherheit und Wohlsein zerstört hatte. Niemand hatte daran geglaubt, dass so etwas passieren könnte. Niemand hatte sich das vorstellen können, Krieg schien ein längst überwundenes Übel gewesen zu sein. Und doch war er plötzlich da. Niemand schien ihn aufhalten zu können und nun fristete Markus, der gelernte Wirtschaftsingenieur, seit Monaten in Blut und Elend ein grausames Dasein. Wieder einmal schüttelte Markus unwillkürlich den Kopf, als ihm zum xten Mal die Gedanken durch den Kopf gingen, die ihn schon lange quälten. Wie hatte es nur so weit kommen können? Wer hatte wann und in welcher Situation versagt? Sicher: allgemein waren die Aggressionen unter den Menschen heftiger geworden, der Ton rauer und die Stimmung geladener. Aber wann genau hatten die Menschen angefangen, auf einander los zu gehen, statt friedlich zu verhandeln? Zunächst war es wie ein Gewitter gewesen, das die Atmosphäre klären sollte, doch dann war die Katastrophe über sie herein gebrochen. Es waren  Kräfte entfesselt worden, die niemand in ihrer Wut, ihrem Hass und ihrer Grausamkeit vorher geahnt hatte. Eine Welle des Wütens und des Blutvergießens hatte die Welt, die Markus kannte, für immer verändert. Und nun saß er hier im Nirgendwo und hatte keine Hoffnung mehr.

 

Motorengeräusch riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Markus späte in die Dämmerung um ausmachen zu können, was es genau war. Sein ganzer Körper war in Alarmbereitschaft und die Nerven auf’s Äußerste gespannt. Das Brummen konnte alles sein und der Tod konnte schon zum Greifen nahe sein. Das Geräusch kam näher, es war offenbar ein Lastwagen, der in einiger Entfernung hielt. Endlich konnte Markus sehen, was da angerollt kam. Es war tatsächlich der lang ersehnte Nachschub. Im Schutz der Dunkelheit luden die Männer ab und der Fahrer war froh, so schnell wie möglich von der Front weg zu kommen.

Die Männer krochen zurück zum Quartier, das diesen Namen nur bedingt verdiente. Es war ein Haufen Steine aufgeschichtet an einem dicken Baum und notdürftig aufgespannte Planen, die nur wenig Schutz vor der Kälte und den Niederschlägen boten. „Wow, unser Weihnachtsgeschenk!“ meinte Mark mit mäßiger Begeisterung. Immerhin: die Kisten waren gleichermaßen zusätzlicher Schutz und dienten der Versorgung der acht Männer, die den Befehl hatten, diese Stellung zu halten. Weshalb auch immer. Aber Befehl war Befehl. Mark und Markus machten es sich zusammen mit dem Rest der Truppe so gut es ging zwischen Steinen und Kisten gemütlich. In einer Kiste waren Decken, die dankbar als erstes ausgepackt wurden, zusammen mit den Päckchen steinharter, aber ewig haltbarer Kekse und eiskalter Dauerwurst. Mehr Kraft hatten die Männer nicht  mehr. Sobald der größte Hunger gestillt war, sanken sie zurück in ihre Lethargie und waren bald tief eingeschlafen. Nur Jürgen musste Wache schieben und hatte Mühe, sich wach zu halten. Als die Sonne blass und fahl aufging, hatte Tobias schon lange Jürgen abgewechselt und weckte nun seine Kameraden.

 

„Drüben tut sich nicht viel. Die Mustafas sind wohl genauso müde wie wir.“ Der Begriff „Mustafas“ war das Synonym für „Feind“, denn die Gesellschaft hatte sich in zwei sich bekämpfende Lager aufgeteilt und wie Jahrhunderte davor ging es oberflächlich um den Glauben. Oberflächlich betrachtet kämpften die Christen gegen Muslime. Doch die Wirklichkeit sah völlig anders aus. Wie immer ging es um Macht und um die menschliche Natur, die sich einfach gern in Kampf und Grausamkeit auszudrücken schien.

 

„Hey Leute! Wisst Ihr was: heute ist Weihnachten!“ rief Tobias und alle sahen sich an. Jeder einzelne der Truppe hing seinen eigenen Gedanken nach: Erinnerungen an das vergangene Weihnachtsfest, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Eine Gewehrsalve von hinter den feindlichen Linien erinnerte die Männer daran, dass „Mustafa“ nicht ganz so müde zu sein schien, wie gedacht. „So viel zum Weihnachtsfest…“ seufzte Markus. Damit machten sich die Männer fertig und daran, die „Aggression“ des Feindes mit „Gegenaggression“ zu beantworten. Damit verging dieser Tag, der den Soldaten, die sich durch  Matsch und Dreck wühlten, wieder einmal alles abverlangte.

 

Markus entdeckte ein Maschinengewehr keine drei Meter von seinem Erdloch entfernt. Es war fast greifbar, doch er hätte sich aus seiner Deckung wagen müssen, um es zu holen. So eine zusätzliche Waffe konnte womöglich einen entscheidenden Vorteil bringen. Er kroch auf das Gewehr zu, immer bemüht, dicht am Boden zu robben. Er kam gut vorwärts und wollte eben nach dem Gewehrlauf greifen, als er aufsah. Markus erstarrte in der Bewegung. Nur zwei Meter entfernt hatte ganz offensichtlich ein „Mustafa“ die gleiche Idee und sah ihn, ebenfalls in der Bewegung erstarrt, mit aufgerissenen Augen an. Es war eine Pattsituation, die von mehreren Männern der feindlichen Seite einige Meter entfernt angespannt verfolgt wurde.

Keiner, weder Markus, noch sein Kontrahent gegenüber konnte sich unbeschadet aus der Situation retten. Es war offensichtlich, dass gleich beide sterben würden, wenn sie das tun würden, was naheliegend und entsprechend der militärischen Anordnungen war: schießen. Markus‘ Gedanken rasten und er sah seinem Gegenüber an, dass auch ihm alle Möglichkeiten durch den Kopf gingen. Beide Männer zögerten. Sie sahen sich an. „Mustafa“ war wohl kaum älter als Markus, die Wangen waren eingefallen und es war offensichtlich, dass der Mann an den gleichen Entbehrungen litt, die auch Markus schon seit so vielen Wochen zu schaffen machten.

„Verdammt!“ entfuhr es Markus leise. Er wusste einfach nicht, was er tun sollte. Hier sah er einem Menschen in die Augen, den er von Rechts wegen eigentlich sofort umbringen sollte. Der Mann gegenüber schien sich mit den gleichen Gedanken herum zu schlagen. Beide Männer bewegten sich nicht, sie sahen sich einfach nur an. „Verdammt!“… kam es, genauso leise, aus dem Mund des Mannes, der Markus gegenüber lag. Es war ein Moment, der beiden Soldaten die Absurdität und die Ausweglosigkeit der Situation sehr deutlich machte. Markus sah den Mann an und fühlte sich verstanden. Wortlos war der Austausch, der durch Blicke zwischen den beiden Männern erfolgte. Markus rutschte mit seinem Körper einen Zentimeter nach hinten. „Mustafa“ machte es ihm nach und so entfernten sich beide Männer langsam von dem Maschinengewehr, wobei keiner den anderen aus den Augen ließ. In den Augen des Moslems blitzte Hoffnung auf und Markus sah sie. Das war der Moment, wo Markus eine waghalsige Idee hatte. „Scheißkrieg“ sagte er, mehr zu sich, als zu dem Mann vor ihm. Der nickte langsam. „Scheißkrieg“ bestätigte er mit kaum wahrnehmbarem Akzent. Na super, dieser „Feind“ hatte ganz offensichtlich in Bayern gelebt.

„Ich hab‘ einen von diesen harten Militärkeksen in der Tasche, willst Du einen?“  Der „Mustafa“ machte große Augen. „Habt Ihr gestern Nachschub gekriegt? War das Geräusch ein Nachschublastwagen?“ Nun war es klar. Dieser Mann sprach im eindeutigen Dialekt eines Münchners, auch wenn er noch seinen leicht arabischen Akzent hatte. Ohne darauf zu antworten, holte Markus mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen einen Keks aus der Brusttasche, den er seinem Gegner zuwarf. Der griff schnell danach und stopfte ihn sich in den Mund, ohne ihn mit mehr als einer schnellen Handbewegung vom Schmutz zu befreien.  Es war deutlich erkennbar, dass er schon länger nichts mehr zu essen bekommen hatte. Mit geschlossenen Augen genoss er den Bissen, ohne  sich darum zu scheren, dass er sich höchst unmilitärisch und unvorsichtig verhielt. Markus musste schmunzeln. Da hatte er wohl einen ähnlich miserablen Soldaten vor sich wie er selbst einer war. Er sah aber auch die großen Augen der Männer, die weiter hinten standen und mitverfolgten, was vor sich ging. Markus fluchte einmal, dann zog er seine angebrochene Packung Kekse aus der Tasche und warf sie mit vom Handballtraining früherer Jahre geübtem Schwung den Männern zu, die sich darauf stürzten.

 

„Markus! Tickst du noch richtig?“ rief ihn sein Kamerad Moritz an. „Schon vergessen? Das ist der Feind, es ist Krieg, verdammt!“ Moritz war mit Tobias, Mark und Julian leise hinter Markus hergeschlichen, als sie merkten, dass irgendetwas vorging.

„Hey, der Typ ist aus München, so wie ich! Das hör‘ ich doch sofort. Und außerdem ist Weihnachten. Denen da drüben geht’s genauso schlecht wie uns. Mit einem Nicken wies er in die Richtung, wo die Soldaten der anderen Seite halb in Deckung kauerten. Es war aber genug zu sehen um erkennen zu können, wie zerlumpt die Uniformen waren und wie eingefallen die verschmutzten Gesichter. „Es ist Weihnachten“ sagte Julian und sein Tonfall war versöhnlich.

 

„Habt ihr denn was zu essen?“ fragte nun der Soldat, der Markus am nächsten war. Markus zögerte etwas, dann schien er einen Entschluss zu fassen. „Ja, wir haben was zu essen. Wenn Ihr wollt, beschließen wir für heute Abend einen Waffenstillstand und essen zusammen. Es ist schließlich Heilig Abend.“ Markus zuckte mit den Schultern, als ob das allein Grund und Erklärung genug wäre. „Ok, Waffenstillstand. Für heute Abend. Keine Tricks.“ Das war das statement der Männer gegenüber. Langsam, ja behutsam, standen alle Soldaten auf. Sie streckten demonstrativ die Waffen über den Kopf und legten sie dann ab, auf jede Bewegung achtend, jede Seite für sich und immer mit scharfem Blick auf den „Feind“ um im Zweifelsfall jedes Täuschungsmanöver erkennen und vereiteln zu können.

Nicht jeder von Markus‘ Kameraden war zunächst mit dem, was da vor sich ging, einverstanden, doch alle Männer waren müde, hatten Hunger und Durst und allen war einfach nur kalt. Der Vorteil der Aktion war jedenfalls, dass sie alle zusammen ein Feuer anmachen konnten, denn es war ja nun egal, wer es sehen würde, Freund und Feind saßen zusammen davor um sich zu wärmen.

 

Markus packte die Vorräte aus und reichte sie weiter. Dosen wurden geöffnet und über dem Feuer warm gemacht. Von irgendwo her tauchten einige Flaschen Schnaps auf und wurden herum gereicht. Langsam fingen die Männer an, sich zu entspannen. Kalte, nasse Füße wurden ans Feuer gehalten um wieder Leben in die Extremitäten einkehren zu lassen.

 

„Du kommst also auch aus München, ist doch so?“ begann Markus das Gespräch, an den Soldaten gewandt, der mit ihm nach dem Gewehr gegriffen hatte. „Oja!“ meinte der und schob einen vollen Löffel Dosengulasch in den Mund. Ein großes Stück trockenes Brot schob er hinterher, brachte es aber dennoch fertig weiter zu sprechen: „In der Au. If hab‘ in der Au gewohnt, in der Falkenftraffe… meine Familie ift noch da… hoffentlich“ mampfte er und seufzte dabei deutlich. Markus nickte, er kannte die Gegend gut. „Ich komm‘ aus Oberschleißheim, das ist die S1 Richtung Freising…“ erklärte er und dachte sehnsüchtig daran, wie oft er schon im Winter frierend auf die S-Bahn gewartet und geflucht hatte. Was würde er heute darum geben, wieder genau in diese Situation zurückkehren zu dürfen. „Nun nickte sein Gegenüber zur Bestätigung. Dann streckte er die Hand aus und meinte, immer noch auf seinem Stück Brot kauend: „Ich bin übrigens der Nuri. Danke, dass wir heute da sein dürfen, danke für’s Essen und überhaupt.“ Fest drückte er Markus‘ Hand und sah ihm in die Augen. Es war deutlich, dass er meinte, was er sagte und sich der Großzügigkeit der Geste bewusst war. „Ihr seid ja auch nur Menschen, auch wenn Ihr Moslems seid“ meinte Markus dazu zwinkernd.

 

Alle Männer, die ums Feuer herum saßen, grinsten und jeder stellte sich vor. Es gab einige aus dem Moslem-Lager, die aus denselben Regionen stammten wie Markus‘ Kameraden. „Na sowas“, stellte Tobias fest. „Da haben wir nun einen Trupp feindlicher Moslems vor uns und nicht einer davon heißt Mustafa.“ Einige Männer lachten. „Von Euch heißt auch keiner Dennis, passt genauso wenig.“ Das war die prompte Retourkutsche von Nuri, der breit grinste.

Es wurden Erinnerungen ausgetauscht aus der Schul- oder Studentenzeit, über vertraute Örtlichkeiten und Treffpunkte. Tobias stutzte plötzlich und hielt eine der leeren Lebensmitteldosen in der Hand Er verkündete laut: „Hey, ich hatte ganz vergessen, darauf hinzuweisen. Wir haben eben alle Gulasch gegessen. Schweinegulasch. Hab‘ ich vergessen…“ Seine Stimme wurde leise, er blickte angespannt in die Runde. Es war ganz still geworden, die Gesichter der Männer waren alle erschrocken, sogar die der Nicht-Moslems. Es war wiederum Nuri, der nach einer kleinen Weile sagte „Scheiße, ich bin sowieso nicht besonders religiös. Ich würd’s wieder tun, denn ich fand’s lecker und wir hatten schon zwei Tage nichts mehr zu essen. Und den Schnaps brauchen wir um warm zu werden, weil wir schon halb erfroren sind. Passt scho.“

 

Der Rest seiner Truppe atmete kollektiv auf und mit ihm Markus‘ Männer. „Ich verstehe ohnehin nicht wirklich, was der Koran gegen ein richtig leckeres Schweineschnitzel hat“ meinte ein junger Mann, der sich als Murat vorgestellt hatte. „Wen interessiert’s, ich bin nur auf dem Papier Moslem, eigentlich geht mich dieser Krieg ja überhaupt nichts an. Das will nur keiner wissen“ erzählte Fadil, der neben Murat saß und erntete Zustimmung von mehreren Soldaten aus der „Christen“-Abteilung. Die nächste Schnapsflasche machte unterdessen die Runde und langsam tauten auch die schweigsamen Typen unter den Soldaten auf.

 

„Hab‘ ich sowieso nie verstanden“ tönte Julian laut. „Wir sind doch die meiste Zeit über ganz gut miteinander ausgekommen. Wieso zetteln denn ein paar Vollpfosten plötzlich einen Glaubenskrieg an? Iss‘ doch purer Anachron… iss‘ doch Steinzeitdenken. Ich bin für Mulitkulti!“ Damit hielt er demonstrativ die Schnapsflasche hoch und reichte sie nach einem tiefen Schluck dem Mann neben ihm, ein Mann namens Ahmed, der sie gerne ergriff, Julian kurz zuprostete und einen herzhaften Schluck daraus nahm. „Soll doch jeder glauben, was und an wen er will. Sehe ich auch so“ gab Tobias zum Besten.

 

Die Atmosphäre wurde immer lockerer und als die nächste Flasche rumging, spielte es in der Runde längst keine Rolle mehr, zu welchem Glauben ein Soldat offiziell zugerechnet wurde. Es wurden lebhafte Gespräche geführt und viel gelacht.

„Auf Weihnachten!“ rief Markus dazwischen. „Ein frohes Fest für Euch alle, ein frohes Fest und Frieden für die Welt, egal ob Christ oder Moslem!“ „Hört hört! So soll es sein“ entgegnete Nuri laut. „Allah ist groß! Der Herr sei mit Euch und Frieden für die Welt!“ fügte Aydin hinzu und alle riefen ihren persönlichen Segen dazu.

 

Es war wieder Markus, der „Stille Nacht“ anstimmte und schlagartig wurde die Stimmung feierlich. Christen und Moslems sangen zusammen das bekannteste Weihnachtslied der Welt und so mancher Mann, ob Christ oder Moslem, hatte dabei Tränen in den Augen. Als der letzte Ton verklungen war, hielt die Stille noch einen Moment an. Jeder hing noch einen Moment seinen Wünschen und Sehnsüchten nach.  „Feliz Navidad!“ sang Aydin im satten Bariton und schon stimmten viele Männerstimmen mit ein und es war egal, wie schief oder richtig es klang.

So endete der Tag, der im Elend, Schmutz und in der Kälte eines Schützengrabens begann, in einer fröhlichen Runde von Menschen, die ums Feuer saßen und einträchtig feierten. Viele lagen sich zu fortgerückter Stunde in den Armen, sangen, tranken und freuten sich über das friedliche Zusammensein mit Freunden. Menschen, die noch am Morgen auf einander geschossen hatten, prosteten sich zu und tranken Brüderschaft.

Am Ende legten sich alle um das Feuer herum zum Schlafen in ihre Schlafsäcke, während zwei Männer, ein Christ und ein Moslem, über das Feuer wachten und sich dabei leise unterhielten.

 

Als der Morgen graute, teilten die Männer, die eigentlich Feinde sein sollten, auch die Kopfschmerzen eines heftigen Katers miteinander. Sie umarmten sich um Abschied und die moslemischen Soldaten zogen zurück auf ihre Seite der Front. Es wurden nicht viele Worte gewechselt und das war auch nicht notwendig. Jeder Einzelne begab sich müde und verkatert zurück in seinen trüben Kriegsalltag. Wie zuvor fristeten die Männer auf beiden Seiten der Front ihre Tage im Dreck der Schützengräben.

Aber eines war anders. Kein einziger der Männer, die den Weihnachtsabend mit dem Feind am Feuer sitzend verbracht hatten, zielte danach noch einmal ernsthaft auf einen Gegner. Keiner dieser Männer war danach noch willens oder fähig, einen der feindlichen Soldaten zu verletzen oder gar zu töten. Es hätte der Mann sein können, mit dem sie am Weihnachtsabend ihre Flasche Schnaps geteilt hatten.

Es fiel zunächst nicht weiter auf, denn jeder der Männer versuchte, so unauffällig wie möglich daneben zu schießen. Doch jeder einzelne dieser Soldaten veränderte sich an diesem Abend und ohne es zu merken oder gar zu beabsichtigen, veränderten sie durch ihre friedliche Haltung ihre Umgebung. Zunächst war es nicht zu bemerken, denn die Veränderung war minimal. Aber genau deshalb konnte sie niemand aufhalten und der Frieden dieser Weihnacht zog mit der Zeit in die Herzen von immer mehr Soldaten, die immer öfter geflissentlich einfach vorbei schossen.

So wurde enorm viel Munition verbraucht und dabei immer weniger Schaden angerichtet. Niemand merkte es und jeder Soldat, besonders diejenigen, die an diesem Abend dabei waren, hätte es geglaubt, doch an diesem Abend zog der Frieden wieder in die Welt ein.

 

 Allah ist groß! Der Herr sei mit Euch und Frieden für die Welt!

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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