Paul Theobald

Die Puppen der kleinen Katja

Katja, die in der Ukraine lebt, hatte von ihrer Mutter und Bekannten Puppen geschenkt bekommen. Sie nannte die eine Puppe, Inna, das war der Vorname der Mutter, und Paula und Petra, weil im Kindergarten zwei Mädchen so hießen. Diese Puppen hatten eine helle Hautfarbe, während die vierte schwarz war und Rosi hieß.
Katja sorgte für ihre Puppenkinder wie im richtigen Leben Eltern sich um ihre Kinder kümmern müssen. Sie gab ihnen zu essen und zu trinken und jeden Morgen wurden sie gewaschen und nett angekleidet. Abends brachte sie ihre Kinder zu Bett und las ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Auch lebten die Puppen in einem richtigen Haus, dem Puppenhaus. „Menschen“, so sagte Katja zu ihrer Mutter, „müssen in Häusern wohnen und nicht auf der Straße, denn dort werden sie krank.“ Deshalb musste ein Puppenhaus her.
Die Puppen, die eine helle Hautfarbe hatten, ärgerten die schwarze Puppe. Sie sagen zu dieser: „Du stinkst, weil du schwarz bist!“ Oder sie fragten: „Hast du dich heute nicht gewaschen, weil du schwarz bist?“ Wenn Katja das hörte, schimpfte sie mit ihren Puppen: „Das gehört sich nicht! Habt ihr keinen Anstand! Es kommt doch nicht darauf an, ob jemand schwarz oder weiß ist, sondern wichtig ist nur, ob jemand gut oder böse ist. Und Rosi ist gut! Wehe dem, wer noch einmal schlecht über Rosi redet!“
Eines Tag zog ein schlimmes Unwetter herauf. Katja brachte ihre Puppen, so schnell sie konnte, ins Puppenhaus. Es trat ein heftiger Sturm auf und der Fluss stieg übers Ufer. Dem konnte das Puppenhaus nicht standhalten und es brach zusammen. Nun konnten Katjas Puppen nicht mehr in einem Puppenhaus wohnen, sondern mussten auf der Straße leben. Aber Katja war eine gute Puppenmutter und so musste sie dafür sorgen, dass es wieder ein Puppenhaus gab. Aber niemand war bereit, ihr dafür Geld zu geben, damit sie ein Puppenhaus bauen oder kaufen konnte. Und so kam Katja auf die Idee, nach Deutschland zu schreiben. Sie hatte gehört, dass es dort den Menschen besser ginge als in der Ukraine und sie dachte: Die Menschen, denen es besser geht, müssen denen helfen, die dieses Glück nicht haben. Und warum sollte es bei den Puppen nicht genauso sein? So schrieb sie: „Kann mir und meinen Puppen jemand helfen? Ein Unwetter hat das Puppenhaus meiner Puppen zerstört und ich habe kein Geld, ein solches bauen oder kaufen zu können. Und in der Ukraine gibt es niemanden, der mir dafür Geld gibt! Ist in Deutschland jemand bereit, mir das Geld zu senden? Dafür Tausend Dank! Katja.“
Und tatsächlich: Eines Tages schickte jemand Katja 20,-- € und schrieb: „Natürlich gehört es sich nicht, dass deine Puppen nicht im Puppenhaus, sondern auf der Straße leben müssen. Hoffentlich denkst du auch noch so, wenn du groß bist und es dir gut geht.“
Noch am selben Tage, als Katja die 20,-- € bekam, kaufte sie ein Puppenhaus und schrieb nach Deutschland: „Jetzt sind ich und meine Puppen wieder glücklich. Dafür Tausend Dank und einen Kuss! Ich wünsche allen erwachsenen Menschen und Kindern und natürlich allen Puppen der Welt, dass sie glücklich sind! Katja.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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