Christa Astl

Die kleine Fee im Altersheim


 

 

Heiliger Abend. Frau Hundertthaler merkt nichts davon. Seit Juni ist sie im Altersheim, mit ihren Schmerzen in Knien und Gelenken schafft sie es nicht mehr, den Haushalt in einer Wohnung im 4. Stock zu bewältigen.

Im Heim konnte sie sich nicht eingewöhnen. Wenn man jahrelang alleine gelebt hat, tut man sich im Alter umso schwerer, Anschluss an Menschen zu finden. Früher hat ihr das Alleinsein nichts ausgemacht, sie hatte genug zu tun, und das tat sie auch alleine. Hier im Heim dauern die Tage endlos lang, sie hat nichts mehr zum Arbeiten, und nur in den Fernseher zu starren ist noch langweiliger als aus dem Fenster in das Stück Himmel über den Bergen zu schauen.

Am Vormittag hat es zu schneien begonnen und der Schnee ist liegen geblieben. Schön sieht es aus, richtig weihnachtlich, denkt die alte Frau. Und im Zimmer ist es so wohlig warm, eigentlich sollte ich zufrieden sein. Doch gerade heute fehlt ihr etwas: die Kinder. Sie weiß, beide haben Familie, vielleicht müssen sie sogar arbeiten, und sie sind auch viel zu weit entfernt, in Amerika. Wer aber könnte sie sonst besuchen? Zum ersten Mal fühlt sie sich richtig verlassen und einsam.

Während sie noch nachdenkt und dabei in die beginnende Dämmerung schaut, glaubt sie vor dem Fenster etwas Helles vorbei huschen zu sehen. Ihr wird eigenartig zu Mute. „Spinne ich, sehe ich schon Gespenster?“ fragt sie sich. Als Kind sah sie wohl am Hl. Abend die Engel vom Himmel fliegen, „Aber das sind Kindereien!“, schilt sie sich energisch.

Das war aber keine Kinderei. Das war die kleine Fee, die zu den Menschen geschickt wird, um ihnen Freude zu bringen. Jetzt zu Weihnachten hat die Fee genug zu tun! Es gibt so viele einsame Menschen, die heute traurig zu Hause in der finsteren Wohnung sitzen, wo es genau so dunkel ist wie in ihren Herzen.

In ihrem Zauberspiegel sieht die kleine Fee, zu wem sie zu fliegen hat, und sie findet immer den Weg dorthin.

Das Heim kennt sie schon lange, oft hat sie dort Menschen besucht, sie getröstet, aufgemuntert, ihnen ein klein wenig Freude geschenkt. Doch das wissen die Menschen nachher nicht mehr, denn die Fee verschwindet, wenn sie nicht mehr gebraucht wird, so plötzlich, wie sie gekommen ist.

Wieder lugt sie in das dunkle Zimmer, in dem Frau Hundertthaler in ihrem Lehnstuhl sitzt und zeitweise die Augen geschlossen hat. Kein Stern ist am Himmel zu sehen, aber es hat zu schneien aufgehört. Licht einschalten will sie aber auf keinen Fall, so kann sie sich doch aus ihrem trostlosen Zimmer an einen schönen Ort träumen.

Nun sieht sie wieder das helle Flimmern draußen, als ob jemand vor dem Fenster wäre und hört, obwohl sie schwerhörig ist, ein leises Klopfen an der Scheibe. Soll sie wirklich aufstehen und der Kälte das Fenster öffnen?

Aber Feen haben die Gabe, auch in geschlossene Räume einzudringen, und plötzlich sitzt die kleine Fee auf der Armlehne von Frau Hundertthalers Sessel. Die Frau will  erschreckt zurückweichen, kann aber nicht, da der Stuhl bereits an der Wand steht.

Als sie sich etwas erholt hat, erkennt sie aber das freundliche Lächeln im Gesicht der kleinen Fee. Diese fragt nur: „Wie geht es Ihnen?“ Frau Hundertthaler holt tief Atem und dann beginnt sie zu erzählen: von ihrer Einsamkeit immer und heute besonders, von ihren Kindern, ihrer Wohnung, in der jetzt fremde Leute leben, sogar noch von ihrem Mann, der bereits vor zwanzig Jahren verstorben ist, berichtet sie; so vieles will hervorbrechen, worüber sie lange nicht sprechen konnte.

Die Fee sitzt ganz still auf der Lehne und hört nur zu. Sie muss kein Wort sagen, schon ihre Anwesenheit scheint die Einsamkeit der alten Frau zu mildern.

Es ist jemand da! Jemand hört mir zu! Sie spricht es nicht aus, aber sie spürt es.

Die Zeit verrinnt, Frau Hundertthaler merkt nicht, dass es inzwischen ganz dunkel geworden ist.

Plötzlich öffnet sich schwungvoll  die Türe: „Besuch für Sie“, verkündet lautstark eine Pflegerin und schaltet die grelle Deckenlampe ein. Die kleine Fee ist vor Schreck fast von der Lehne gefallen und schnell durch das Fenster entflohen. Doch zur Türe kommen zwei junge Männer herein. „Hallo Oma, guten Tag! – Merry Christmas, dear Granny!“ So begrüßen die Beiden die Seniorin. Lange muss sie nachdenken, wer da vor ihr steht. Die jungen Männer amüsieren sich sehr, doch dann klären sie die Oma auf. Es sind die Söhne der Tochter, also ihre Enkel aus Amerika, die als Austauschstudenten ein Semester hier bleiben wollen.

Ein herzliches Händeschütteln und Umarmen folgt. Sie kann es nicht glauben, dass diese Besucher echt sind und extra aus Amerika zu ihr gekommen sind. Hat sie die kleine Fee hergeschickt?

Doch die Fee weiß nichts von dem Besuch, der wie ein Weihnachtswunder zu Frau Hundertthaler gekommen ist. Sie ist bereits auf dem Weg zum nächsten Fenster, hinter dem sich ein trauriger, schwer kranker Mann befindet. Und auch hier kehren durch ihr Dasein ein wenig Freude und Frieden ein.

 

ChA 20.12.17

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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