Helga Eberle

Weihnacht 1933

Es ist heiliger Abend
Der kleine mit ein paar Glaskugeln und etwas Lametta geschmückte Baum steht auf der Nähmaschine. Die weißen Kerzen warten auf ihr Licht. Anna wartet auf ihren Mann. Sie hat sich diese erste Weihnacht in ihrer Ehe so schön vorgestellt. Ein wenig soll es sein wie früher bei meinen Eltern. Eugen, kennt das alles nicht. Bei ihm zu Hause ging es immer nur um Existenz und das hieß arbeiten bis zum Umfallen. Doch wo bleibt er denn jetzt nur? Er wollte doch nur beim Gesangverein kurz bei der Weihnachtsfeier reinschauen. Er müsste längst da sein. Das Kind im Bauch wird unruhig, es strampelt heftig. Ja, du mein Kind bist munter. Weißt du, dass heute Weihnacht ist? Ich muss an Weihnacht immer an zu Hause denken, habe Heimweh, nach etwas, was es nicht mehr gibt.
Anna setzt sich an den gedeckten Tisch. Es soll heute Abend etwas Feines geben. Alles ist gerichtet, Kartoffelsalat und Wienerle. Der Wecker steht vor ihr. Was, schon 10 Uhr! Das darf nicht wahr sein. Hoffentlich ist nichts passiert. Angst kommt auf. Anna verdrängt sie und beginnt ein Weihnachtslied für das Kind zu summen. Es strampelt nicht mehr, es schläft. Anna auch.

Da schwere Schritte kommen die Treppe rauf. Die Türe scheppert auf und schlägt zu. Anna schreckt auf und schaut als erstes auf den Wecker. Es ist kurz vor Mitternacht. Eugen, leicht beschwipst, aber fröhlich lachend schlenkert durch den Raum auf Anna zu. Er küsst sie, bevor sie etwas sagen kann und wirbelt laufend etwas an einer Schnur um ihren Kopf. Anna, Du glaubst es nicht, ich habe das große Los beim Gesangverein gezogen. Schau nur was ich gewonnen habe, ein herrlich duftendes Kinnbäckle (Unterkiefer vom Schwein, geräuchert) Da haben wir mindestens zwei Tage zu essen. Anna gibt heftig zurück, was sagst du? Gewonnen? unseren Heiligen Abend haben wir verloren, er ist vorbei. Du hast uns vergessen, alles nur wegen dem Gesangverein. Das Kinnbäckle kannst du dir an den Hut stecken. Ich will es nicht sehen. Eugen ist betroffen, doch er sieht seine Schuld an der verfahrenen Situation nicht ein. Er zieht seinen letzten Trumpf aus der Tasche: Du wirst dich freuen, ich habe noch ein ganz besonderes Geschenk für dich. Anna wird ruhiger und schaut interessiert. Eugen zieht einen Karton herein und öffnet ihn umständlich. Was wird darin sein, vielleicht ein Wintermantel, den ich so dringend brauche, oder gar eine Babyausstattung für unser Kind? Nein, weit gefehlt, es ist eine Nudelmaschine mit mehreren Vorsätzen. Vaters Begeisterung über dieses Wunderding ist grenzenlos und gipfelt in der Aufforderung sofort mit der Nudelproduktion zu beginnen. Hole Mehl und Eier her, da kannst du dann gleich anfangen, fordert er auf. Annas Weihnachtsträume fallen endgültig zusammen. Nichts ist mehr wie früher, gar nichts. Sie macht sich Luft und schlägt mit der Faust auf den Tisch, dass er wackelt und die Gläser klirren. Das ist jetzt Eugen, zu viel. So ein Theater, nur weil er mal etwas später heim gekommen ist. Es kommt zu einem Riesenkrach. Bei der sonst stillen Anna ist ein Damm gebrochen und sie hält nichts zurück. Das geht so lange, bis Eugen der Kragen platzt. Er packt den unschuldigen Christbaum und schlägt ihn im Zorn auf den Boden, so dass die Kugeln in tausend kleinen scharfen Scherben davon spritzen.
Plötzliche Stille. So, sagt Eugen ernüchtert, jetzt ist Ruhe. Beide schauen aneinander vorbei.
Anna weint leise vor sich hin. Sie gehen schlafen. Im Bett liegen sie schweigend, wie Fremde nebeneinander. Er versucht es mit körperlicher Annäherung, doch bekommt keine Chance. Anna ist verletzt und in sich zurückgezogen. Ihre Hand sucht den Kontakt mit dem Kind und Mutter und Kind unterhalten sich lautlos miteinander.
Am nächsten Morgen, dem 1. Weihnachtstag sieht die Welt wieder ganz anders aus. Der Kaffeetisch ist gedeckt. Auch der leicht geknickte, verdrückte Tannenbaum ohne Kugeln steht wieder an seinem Platz. Die Kerzen brennen und verbreiten die weihnachtliche Stimmung. Das schlechte Gewissen hat Eugen früh aus dem Bett gejagt. Er will gutmachen, was er kann. Anna zögert, es schmerzt noch. Eugen umarmt sie und flüstert "verzeih". Sie fanden wieder zusammen. Ist Weihnachten nicht das Fest der Liebe?

Nachtrag
Diese Geschichte muss Vater fast jede Weihnacht hören. Dazu kommen noch die Kommentare seiner Kinder: Vater wie kann man so unbeherrscht sein? Wie konntest du das Mutter antun? Es ist deutlich zu sehen, dass er noch jahrelang darunter zu leiden hatte. Und Mutter? Sie hatte längst dazugelernt. Vater hatte eine andere Erziehung, er kannte nur die Arbeit. Und der Heilige Abend wurde bei seiner Mutter gar nicht gefeiert. Das hatte den Grund darin, weil sie bis nachmittags auf dem Weihnachtsmarkt stand, und danach der Rest der Bäume mit der Axt zusammengeschlagen werden musste. Am Abend war sie gottfroh, wenn sie ins Bett konnte. Am 1. Weihnachtstag wurde dann bei Sturms in der Mattenstraße der Baum gestellt und mit Süßkram verziert. Ein gutes Mittagessen und Kuchen für den Nachmittag zauberte Vaters Mutter auch immer. Aber Geschenke gab es keine.
Bei Anna war das vollkommen anders. Die ganze Familie außer der Mutter ging am hl. Abend in die Christmette.
Anna erzählt: Vater und die Brüder waren alle im Orchesterverein und machten Musik am Heiligen Abend in der Kirche. Um 24 Uhr war Christmette. Meine Schwester Hanna und ich stapften in der Nacht durch den tiefen knirschenden Schnee. Damals war es viel kälter wie heute. Wir hatten auch keine so warmen Mäntel und nur schlechte Schuhe. Das machte uns nichts aus. Voller Vorfreude kamen wir in der Kirche an. Wenn das Orchester spielte, hörte ich jeden meiner Brüder heraus. Einmal die Posaune von Eduard, dann die Altflöte von Rudolf. Mein Vater gab sozusagen den Ton an. Die Klänge des Orchesters werde ich nie vergessen. Der Himmel war mir nah. Trotzdem war ich immer froh, wenn die Kirche aus war, denn jetzt marschierten wir, die ganze Familie zusammen heim. Wir hängten uns oft Arm in Arm und begannen unterwegs mehrstimmig Weihnachtslieder in den Sternenhimmel zu singen. Zu Hause empfing uns Mutter in einem wohlig warmen Wohnzimmer. Der Kachelofen wurde sofort mit unseren fast steifen Mänteln und Handschuhen behängt. Dann saß die ganze Familie am Tisch. In der Mitte stand ein frisch gebackener noch warmer Kugelhupf, das war Tradition. Dazu gab es heißen dampfenden Milchkaffee. Am nächsten Morgen sangen wir wieder die ganzen Weihnachtslieder. während Vater und die Brüder musizierten. Ich sage euch, die Leute im Haus haben die Türen von ihren Wohnungen geöffnet, um uns zu hören. Eine Frau im zweiten Stock sagte einmal: Es ist so schön, euch zuzuhören, dass mir das Herz aufg Also verhalten wir Kinder uns ruhig und warten, warten. Auf einmal tut sich da draußen etwas. Jetzt, ruft Mutter und wir hören ein Glöckchen läuten. Das kennen wir. Wir stürmen die Tür raus. Draußen im Flur brennt kein Licht, die Tür zur Wohnküche steht auf. Es duftet, wie nur am heiligen Abend, nach Honig . Die Küche ist dunkel, aber im Eck auf der zusammengeklappten Nähmaschine mit Tischdecke steht der Christbaum mit brennenden Kerzen. Drei Schritte rein in den Raum und wir stehen vor der Herrlichkeit. Vor dem Baum ist auf zwei Hockern eine Puppenküche aufgebaut. In dieser Küche stehen auf einem Herd ein Kochtopf und ein Wasserkessel in Miniatur. Das Unfassbare für mich, auf dem Kochtopf scheppert ein Deckel, weil Wasser im Topf kocht. Im Herd brennt ein Feuer. Das ist für mich sensationell, deshalb will ich gleich nachschauen, aber werde von Vater gestoppt. Halt, jetzt wird erst gesungen. Die alten Weihnachtslieder wurden seit dem 1. Advent täglich geübt. Wir singen mit Inbrunst. Vater und Mutter haben sich beide umarmt, was ich immer schön finde. Doch von dieser Liebe will ich auch etwas und dränge mich dazwischen. Mein Bruder kniet schon am Boden, er hat die Burg entdeckt. Vater richtet schnell eine flackernde Kerze sicher auf, „schaut mal, was wir dieses Jahr einen schönen Baum haben. Dieser alte Schmuck, er deutet auf kleine schwere Kugeln, sind noch aus meiner Kindheit.“ Wir staunen. Es stimmt, der Baum mit seinen feinen Nadeln und den alten bunten Kugeln ist so schön, dass ich mich fast nicht sattsehen kann. Allerdings habe ich entdeckt, dass für jedes von uns Kindern, ein Weihnachtspappteller mit allerlei Weihnachtsbrödle darunter steht. Der Duft der Zimtsterne, oh, mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
Mutter macht das Licht an und Vater bläst die Kerzen aus. Auf dem Küchentisch, der fein in weiß mit ein paar kleinen, darauf liegenden Tannenzweigen gedeckt ist, stehen brennende Kerzen. Das gibt es nur am Geburtstag und an Weihnachten. Dann wird die Schüssel mit dem frischen Kartoffelsalat und die heißen Wiener-Würstchen serviert. Auch das ist ein Traditionsessen an Weihnachten.
Endlich dürfen wir uns auf die Geschenke stürzen. Eine Puppenküche vom Feinsten, so etwas hat bestimmt keines meiner Nachbarkinder. Ein richtiger Küchenschrank mit Töpfen und Geschirr, sogar Besteck, auch Kochlöffel gibt es. Über dem Schrank hängt eine Küchenuhr. In der Mitte steht ein Holztisch und 4 Stühle, alles in Weiß. In einem Eck steht ein kleiner Putzeimer und sogar ein richtiger Bodenblocker. Der Hit ist aber der Herd, der wie mir erklärt wird, mit Esbit-Tabletten beheizt wird. Meine Eltern haben daran genauso eine Freude. Mutter erklärt: „Ich selbst habe als Kind so etwas nie bekommen. Eine Puppe aus Stoff, so eine richtige Schlumpel war mein einziger Schatrz, und sie wurde von meinem damals neidischen Bruder kaputt gemacht.“ Aber das interessiert mich nun garnicht: „Ich will jetzt gleich kochen“ .Mutter assistiert mir. Der Brei aus Wasser und zerdrückten Weihnachtsbrödle ist schnell gemacht. Während Mutter die Puppenküche wieder von den Bröseln reinigt, füttere ich meine Puppe Gerda mit dem feinen Brei, alles rein in das offene Göschle. Vater baut derweil mit meinem Bruder die Burg und die Fallbrücke auf. Eine halbe Stunde sind wir alle einträchtig mit unserem Spielzeug beschäftigt. Dann will Walter kochen und ich liege am Boden und mache Krieg. Ich stelle die Soldaten auf, lasse sie marschieren, kämpfen .Anschließend bringe ich die ganze Mannschaft mit samt den Pferden um, indem ich die Zugbrücke hochziehe und sie im Burggraben ersaufen lasse. Mädchen können das genauso gut wie die Jungs! Währenddessen sitzen die Eltern friedlich umarmt beieinander. Später gibt es dann noch Kaffee (Muggefug) und Kuchen oder Brödle. Wir Kinder müssen dann ins Bett, damit Vater und Mutter auch noch ein wenig Zeit für sich allein haben. Im Bett in unserem gemeinsamen Kinderzimmer reden mein Bruder und ich noch einmal über alles. Nachdem ich vom Christkind so reich beschenkt worden bin, regt sich mein schlechtes Gewissen. Hatte ich mir doch mit Hilfe eines Schemels, den ich auf einen Stuhl gestellt habe,schon vierzehn Tage vor dem Fest die leckeren Springerle und das Buttergebäck schmecken lassen. Dafür steht die Strafe noch aus. Was war da passiert? Jetzt höre ich von Walter , dass Vater auch ein Mitesser gewesen ist. Ich bin also wieder mal davongekommen, was ein Glück. Nehme mir aber vor, mich zu bessern. Ob es gelingt? Diese Kriegsweihnacht bleibt mir in Erinnerung, weil wir im darauffolgenden Jahr nicht mehr zu Hause, sondern als Flüchtlinge in Fischingen a.N. waren. Dort war dann alles ganz anders.



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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