Rudolf Kowalleck

Lonely Christmas

Single-Modus. Mein Gott, wie ich diesen Zustand zu hassen gelernt hatte. Single-Modus bedeutete für mich, jeden Abend eine menschenleere Wohnung zu betreten. Keine gemeinsamen Gespräche beim Kochen mehr. Kein Mensch fragte, wie denn der Tag war, niemand nahm mich in den Arm, wenn es mal nicht so gut lief, kein Kuscheln auf der Couch beim Fernsehen und der Platz neben mir im Bett blieb kalt und leer.

Ich hatte ernsthaft darüber nachgedacht, mir wieder einen Hund anzuschaffen.

Der würde mir wenigstens schwanzwedelnd entgegenspringen, wenn ich die Tür aufschloss. Aber wohin mit der Fellnase, wenn Herrchen zur Arbeit musste?  Aus Einsamkeit zum Tierquäler zu werden, war auch keine Lösung. Also ließ ich es lieber sein.

An diesem Tag war es besonders schlimm. Heiligabend alleine. Für mich ein Tag wie jeder andere. Petra hatte früher die Wohnung immer weihnachtlich dekoriert, mit Engeln, Unmengen von Kerzen, einem Adventskranz und vor allem einem festlich geschmückten Baum. Vom Dekorieren hatte sie was weg, das musste ich ihr lassen. Egal, ob es um ein Fest wie Ostern oder Weihnachten ging oder um sich selbst. Jetzt war alles öde, kahl und kalt. Das Wetter machte mir am meisten zu schaffen, passte es doch perfekt zu meiner Stimmung. Die ziehst die Jalousie hoch und trotzdem bleibt es düster. Ich hasste diese Jahreszeit, in der du tagsüber schon den Lichtschalter betätigen musst. Die Wolken segelten so tief über die Dächer der Stadt hinweg, dass ich glaubte, nur den Arm ausstrecken zu müssen, wollte ich sie berühren. Das Fernsehen brachte auch keine Abwechslung. Wenn es ein Synonym für Langeweile gab, hieß das Weihnachts-Fernsehprogramm. Nicht nur das Wham dich im Radio mit ihrem kitschigen Last Christmas nervte, du sämtliche Variationen von Jingle Bells über dich ergehen lassen musstet, waren es im Fernsehen die permanente Wiederholung von Der kleine Lord, Sissi oder vor allem Drei Nüssen für Aschenbrödel, das in allen dritten Programmen rauf und runter lief, teilweise sogar zeitgleich. Hassten die Programmgestalter ihren Job oder ihr Publikum so sehr, waren sie geistig so hohl, sich so einfallslos zu outen oder hielten sie die meisten ihrer Zuschauer für dement?

Ich entschloss mich trotz des schlechten Wetters zu einem Spaziergang, was sich leider auch nicht gerade als tolle Idee entpuppte. All überall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen, Weihnachtsmänner schellten an Türen und Familien saßen an festlich gedeckten Tischen und aus der Kirche erscholl Oh, du fröhliche. Ich kehrte bei Rita ein, die ihr Café  bis spät in den Abend noch offenhielt. Gemeinsam mit anderen Gestrandeten landete ich am Tresen und bestellte dieses Mal keinen Kaffee, sondern ein Bier. Neben mir einer mit einem schwarzen Bart, der mich vermuten ließ, dass irgendein Weihnachtsmann seinen Knecht Ruprecht vergessen hatte. Er schaute mit leeren Augen in sein Glas. Wir kamen ins Gespräch. Er war geschieden und konnte seine Kinder auch an Weihnachten nicht besuchen. Die Familie feierte auf den Kanaren, wie er betonte, hätte nicht zuletzt er diesen Urlaub durch seine Unterhaltszahlungen ermöglicht. Ich fragte mich, was an diesen verdammten Inseln so anziehend war. Obwohl ich ihn noch niemals zuvor gesehen hatte, schütte ich ihm mein Herz aus, während Rita uns gegenüber stand und weiter sichtlich gelangweilt ihre Gläser spülte.

„Weißt du was?“, fragte mich Knecht Ruprecht am Ende meines Vortrags. „Eigentlich gehören auf Familienstammbücher solche Warnhinweise wie auf den Zigarettenschachteln. Zum Beispiel: Achtung! Heiraten gefährdet ihre Gesundheit oder „Vorsicht! Die Eheschließung könnte sie finanziell ruinieren. Oder, wat meinst du, Kumpel?“ Er legte mir seinen Arm um die Schulter. Die Striche auf seinem Deckel verrieten mir, dass er schon länger hier saß. „Noch ein Pils“, lallte er. „Und einen Schnaps dazu. Für meinen Kumpel auch.“

„Ich glaube, das reicht jetzt“, entgegnete Rita. „Du hast schon genug, Freddy.“ Aha, Knecht Ruprecht heißt also in Wahrheit Freddy. Sicher würde er gleich anfangen zu singen, aber statt Stille Nacht, Junge komm bald wieder.“ Nein, das passierte Gott sei Dank nicht. Wir einigten uns auf I’m dreaming of a white Christmas. „Seid ihr bekloppt?”, fragte Rita. “Sowat kann nur einer grölen, der nich‘ mittem Auto zur Arbeit muss!“

„Komm Rita“, bettelte Freddie und setzte einen Hundeblick auf. „Noch eine Runde. Weil heute Heiligabend ist.“

Weihnachten vermag immer wieder, die Menschen milde und großzügig zu stimmen. Wir konnten Rita sogar noch eine dritte Runde entlocken, allerdings mit dem Versprechen, das sei nun wirklich die letzte.

Eine halbe Stunde später hatte es Rita endlich geschafft, uns hinauszukomplimentieren. Sie schloss schnell ab, als Freddie und ich Arm in Arm Richtung Taxistand torkelten und Always look on the bright side of live pfiffen. Wir versprachen uns ewige Treue, schimpften noch eine Runde auf die verdammten Weiber, bis Freddie meinte, ohne Weiber sei auch doof. Er lud mich zu einem Bordellbesuch ein. Dort hätten sie sicher noch offen, aber ich lehnte ab und bat auch Freddie inständig, dieses System nicht auch noch als Freier zu unterstützen, denn die meisten der Liebesdienerinnen würde doch nur auf brutalste Art und Weise ausgenutzt. „Na und?“, fragte mich Freddie. „Wer nützt den wen aus? Haste mir doch selber gerade erst erzählt. Im Puff haben sie wenigstens nie Migräne und ich sie machen es mir so, wie ich will. Komm mit“, forderte er mich erneut auf. „Wir lassen da so richtig die Sau raus. Was willst du denn alleine in deine Bude? Da fällt dich doch nur die Decke auffem Kopp!“

„Trotzdem“, lehnte ich sein großzügiges Angebot weiter ab. „Bist du Pfarrer, oder wat?“ fragte Freddie. „Nein“, sagte ich. „In dem Fall würde ich ja mitgehen.“

Freddy winkte ab und setzte sich ins Taxi. Ich ging nach Hause und dankt des Alkohols hatte ich auch die nötige Bettschwere. Ich bat darum, erst wieder aufzuwachen, wenn Weihnachten vorbei ist

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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