Matthias Neumann

Die Flaschenpost

Die Flaschenpost

 

Eigentlich mochte Anna das Meer gar nicht. Eine weitere Eigenschaft, die sie mit niemandem zu teilen schien, alle anderen schwärmten immer davon. Aber hier an der Küste, weitab von Häfen und Stränden, war es wenigstens ruhig. Obwohl alle Menschen vom Meer förmlich angezogen wurden, begaben sie sich dabei nur an die ausgewiesenen Sammelstellen. Gleichzeitig war die Stadt nur wenige Minuten zu Fuß entfernt und Annas üblicher Weg für ihre Spaziergänge schnell zu erreichen. Zusätzlich verbarg der Deich die Sicht auf Häuser und Straßen. Selbst die Geräusche blieben hinter dem schützenden Wall.

Diese Auszeiten waren einfach notwendig. Der Kontakt mit lebhaften Personen war für Anna nur selten angenehm. Ob das nun an ihr selbst oder den anderen lag, konnte sie nicht so richtig bestimmen. Immerhin war nie jemand gemein zu ihr. Keiner setzte sie unter Druck oder grenzte sie aus. Soweit sie sich erinnern konnte, wurde sie noch nie angeschrien. Vorwürfe oder gar Bestrafungen waren ihr fremd. Selbst ihre abweisende Art nahm ihr niemand übel. Es war Anna, die ein Problem mit ihrem Umfeld hatte, die von allem und jedem entweder genervt oder gelangweilt war. Alles war für sie eintönig. Oder vielmehr keintönig..

Reichlich verschrobene Gedanken für eine Zwölfjährige, befand sie selbst. Trotzdem hielt Anna sie für begründet. Auch wenn sie es versuchte, fand sie keinen Weg aus ihren Ansichten, sie wurden nur noch mehr bestätigt.

Um dem zu entgehen, suchte sie beständig Ablenkung. Das war gar nicht so einfach. Selbst wenn es einmal gelang, die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, wurden sie schnell wieder auf die üblichen Pfade geführt. Meist durch Einflüsse von außen. Überall wurde sie wieder an das unvernünftige Verhalten der Menschen erinnert.

So wie durch die Flasche, die, in kurzer Entfernung von ihr, am Ufer lag und von Wellen umspült wurde. Auch noch eine aus Glas, wie sie feststellte.

Annas Gedanken überschlugen sich, wanderten von Fragen über Vorstellungen und Fantasien, zu Bewertungen, was wieder der Ausgangspunkt für neue Gedanken war. Gedankenkreisen nannte sie es.

Wie kommt eigentlich eine Flasche an diesen Ort? Die Stadt ist nah, das nächste Geschäft liegt aber doch etwas entfernt. Wodurch sich die Frage stellt, ob sie mit der Absicht gekauft wurde, sie hier erst zu leeren. Oder ob es unterwegs geschah, und die Küste den Endpunkt des Weges darstellte, an dem der letzte Rest getrunken wurde.

Viele Menschen würden sich mit Sicherheit über die Umweltverschmutzung beschweren, aber es gab weit und breit keinen Mülleimer. Allerdings wäre es doch sicherlich nicht zu viel verlangt, wenn die Flasche bis hierher getragen wurde, sie auch wieder mitzunehmen. Vielleicht war sie Teil eines Gepäcks gewesen und jemand hat hier eine Pause gemacht. Oder ein Picknick.

All die Vermutungen über die Herkunft der Flasche waren für Anna nachvollziehbar, aber nicht sehr wahrscheinlich. Dafür waren sie zu ungewöhnlich. Im Grunde kritisierte sie den oder die Unbekannten, die diesen Gegenstand hier zurückgelassen hatten, verspürte jedoch gleichzeitig auch Bewunderung. Denn bei allem, was ihr an den Menschen ihrer Umgebung missfiel, war Anna zwar nicht in ihrem Denken, wohl aber in ihren Handlungen, genauso banal und gewöhnlich wie diese. Genau genommen war deren Leben sogar viel abwechslungsreicher.

Eine Sehnsucht überkam Anna. Sehnsucht nach Gesellschaft von Menschen, die es fertig bringen, eine leere Flasche am Strand zurückzulassen. Zielstrebig richtete sie ihre Schritte auf das mysteriöse Objekt.

Das Glas war dunkelgrün, der Bauch lang und schmal. Der Hals war ungewöhnlich dünn und setzte sich weit nach oben fort. Keine normale Flasche. Sieht nach Alkohol aus, vielleicht aber auch ein teures Mineralwasser. Anna bezweifelte, dass man so ein Getränk in dem kleinen Ort kaufen konnte. Wer so etwas kauft, macht sich keine Sorgen ums Pfand.

Erst als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, konnte sie durch das dunkle Glas erkennen, dass die Flasche nicht leer war. Ein Gegenstand befand sich darin. Die Vermutung bestätigte sich, als sie die Flasche aufhob und genau den Inhalt betrachtete. Es handelte sich um ein zusammengerolltes Blatt Papier.

Es war unglaublich. Anna hielt tatsächlich eine Flaschenpost in den Händen. Für einen Moment dachte sie an gar nichts, bestaunte nur das Fundstück.

Wer verschickt wohl eine Flaschenpost?

Eines war jedenfalls eindeutig sicher: auf keinen Fall konnte der Absender ein auf einer einsamen Insel Gestrandeter sein, der seine Hoffnung in diese Art Hilferuf setzte. Eine absurde Vorstellung. Wie sollte das eigentlich funktionieren? Als Schiffbrüchiger würde er doch wohl kaum seine genaue Position kennen. Wie sollte man ihn also finden, wenn man seine Nachricht erhielt?

Außer natürlich es war ein erfahrener Kapitän eines Frachtschiffes. Dann hätte er aber schon beim Untergang des Schiffes um Hilfe gefunkt. Vielleicht hatte er ja keine Gelegenheit dazu gehabt. Es gab gar kein Unglück, er wurde von der meuternden Mannschaft ausgesetzt.

Oder ein Segler, mitten auf einer Weltumrundung. Aus welchem Teil der Welt er wohl kam? Wie viel des zu bewältigenden Weges hatte er bereits geschafft? Nicht auszudenken, wie groß die Enttäuschung sein müsste, handelte es sich um einen Segler aus der Gegend, der gerade erst aufgebrochen war. Gescheitert, bevor er überhaupt begonnen hatte.

Jemand der schon länger unterwegs war, hätte dagegen schon einige Abenteuer erlebt. Wobei das größte Abenteuer das Überleben auf der Insel wäre.

- Wäre! Denn es war ja gar nicht geschehen. Wenn die Nachricht überhaupt von einer Insel kam, dann von einer Hallig. - Komme leider nicht weg. Strom und Telefon sind ausgefallen. Bitte Lebensmittel mitbringen!-

Wie ärgerlich! Dachten diese Leute nicht an die Enttäuschung, die sie damit beim Finder verursachten? Könnte nicht stattdessen jemand eine Nachricht schreiben, um Unbekannten eine Freude zu bereiten? Sie einfach in Erstaunen versetzen, über den langen Weg, den die zerbrechliche Flasche zurückgelegt hat. Über die fremde Kultur, aus der der Absender stammt. Oder einfach nur, um einen Gegenstand zu erhalten, der selten ist. Bestimmt seltener, als die ungewöhnlichsten und rarsten Elemente auf der Erde. Seltener als Gestein aus dem Weltraum. Wertvoll wie ein Schatz.

Allein der Gegenstand an sich war schon etwas Besonderes. Der tatsächliche Wert hängt jedoch letztendlich vom Inhalt ab. Von dem Inhalt des Schriftstücks. Bevor Anna diesen überprüfen konnte, musste sie sich noch etwas in Geduld üben. Es war undenkbar, die Flasche hier zu öffnen. So etwas benötigt die richtige Stimmung und Umgebung, um es wertzuschätzen und im vollen Umfang wahrzunehmen.

Ob die Luft in der Flasche wohl anders roch? Immerhin stammte sie aus einem anderen Teil der Welt. Hier war es Herbst. Vielleicht kam die Flasche aus einer sommerlichen Gegend, in der es gerade blühte. Der Absender hat davon gar nichts mitbekommen und den Duft der Pflanzen mit eingeschlossen.

Aber eigentlich glaubte Anna nicht daran. Selbst wenn es so wäre, ist der menschliche Geruchssinn nicht ausgeprägt genug: Eher noch würde das Papier riechen. Manche Sorten riechen ja schon an sich, besonders wenn sie neu sind und aus der Verpackung kommen. Vielleicht war es auch schon sehr alt. Wie lange war die Flasche eigentlich unterwegs gewesen? Lebte der Absender überhaupt noch?

Hoffentlich war die Schrift überhaupt noch zu lesen. Wenn sie nicht schon verblasst war, war sie bestimmt in einer uralten Handschrift verfasst, die in der heutigen Zeit kaum noch jemand entziffern kann.Damals war Schreiben noch etwas alltägliches, egal ob privat oder als Korrespondenz. Berühmte Menschen hinterließen immer ganze Berge an Dokumenten und Manuskripten, die ein viel klareres Bild der Person hervorbrachten; über dessen Denken, die Zeit, die Einflüsse. Auch die Freunde und Bekannten bewahrten alle erhaltenen Briefe auf. Solche Menschen hatten auch noch etwas mitzuteilen. Eine Flaschenpost aus alter Zeit musste einen gehaltvollen Inhalt haben.

Dennoch brachten all diese Überlegungen Anna nicht dazu, so schnell wie möglich nach Hause zu gehen. Bei jeder Rückkehr von Ihren Spaziergängen, fühlte sie sich immer zunehmend der Normalität der gewohnten Umgebung ausgesetzt. Die Flasche in der Hand machte den Weg in seiner Gänze außergewöhnlich, in dem sie all diese Gedanken auslöste, etwas von außerhalb in Annas Überlegungen brachte. Unverändert setzte sie ihre Schritte in der gleichen gemächlichen Geschwindigkeit fort.

Das hatte die Flasche wohl nicht erwartet, noch einmal auf dem Land zu reisen. Für das Papier hingegen war es sicher eine Erleichterung, aus der Gefahr des Wassers entkommen zu sein. Der Aufbewahrungsort für die Botschaft, war schon an sich eine Zweckentfremdung. Flaschen waren dazu gemacht, um mit Flüssigkeit gefüllt zu werden, nicht um vor dieser zu schützen.

Wenn die beiden Gegenstände denken könnten, würden sie sich überhaupt vertragen? Man hätte keine unterschiedlicheren Gefährten wählen können. Das Schriftstück war bestimmt erleichtert, die Reise unbeschadet überstanden zu haben. Doch lag das überhaupt im Interesse der Flasche? Mit dem Ende der Reise war auch ihre Aufgabe beendet. Was sollte nun aus ihr werden? Und fühlte sich das Papier, nach diesem Abenteurer, überhaupt noch wohl zwischen anderen gewöhnlichen seiner Art? Hatte nicht sein seltsames Leben, es von allem anderen Beschriebenem und Bedrucktem entfremdet? Selbst die am weitesten gereisten Briefe konnten sich nicht damit vergleichen, aufgrund ihres unspektakulären Transports.

Doch es nützte alles nichts, beide konnten ihrer Bestimmung nicht entkommen. Anna würde die Flasche öffnen und die Nachricht lesen. Die Geschichte der beiden Gegenstände würde wieder eine Wendung erfahren. Nur diesmal würde es ihr Endpunkt sein. Anna fand das ein wenig schade, ihre Neugier ließ sie jedoch darauf keine Rücksicht nehmen.

Am Abend, als es sicher war, dass es keine Ablenkung mehr geben würde, Schritt sie zur Tat. Der Schraubverschluss öffnete sich ohne Kraftanstrengung. Es erfolgte kein Geräusch austretender Luft, ein bemerkbarer Geruch blieb aus. Ohne sich zu verkannten, glitt die Papierrolle hinaus. Kein Siegel, kein Band oder Faden. Sie wurde zusammengehalten von einem kleinen Stück Klebestreifen.

Erwartungsvoll entrollte Anne das Schriftstück. Ein kurzer Gruß, eine Adresse, nicht einmal ein Datum. Dieses Ding, dieser Gegenstand, kam zwar aus dem Ausland, der Ursprungsort war aber mit dem Auto in ein paar Stunden erreichbar. Offensichtlich hatte jemand aus reiner Neugier diese inhaltslose Flaschenpost abgeschickt, nur um zu sehen, ob sie auch wirklich eine andere Person erreicht. Um zu prüfen, ob so etwas nicht der Stoff aus alten Erzählungen war. Nur Geschichten, die zum Träumen anregten, aber keinen Bestand in der Realität hatten.

Anna geriet ins Zweifeln. Selbst wenn es nicht so gekommen wäre, wenn sich ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt hätten, wäre am Ende nicht doch eine Enttäuschung geblieben? Am Leben der Person war Anna gar nicht richtig interessiert gewesen. Das wirklich spannende war für sie die Geschichte der Nachricht gewesen, und nicht ihr reiner Inhalt. Und es gab keinen Weg, diese vollständig mitzuteilen. Mit dem Abschicken endete die Möglichkeit des Mitteilens aller weiteren Begebenheiten der Reise. Außerdem würde der Verfasser nur über sich selbst berichten.

Anna wollte das ändern, der Flaschenpost eine zweite Gelegenheit bieten. Sie schreib alles, was sie bereits über das seltsame Schriftstück wusste, auf ein neues Blatt Papier. Sie gab der Flasche eine Persönlichkeit, machte das beschriebene Blatt zu seiner Stimme. Und sie wollte, dass alle weiteren Empfänger damit fortsetzen würden. Aus der Form des verfassten Textes ging hervor, dass es sich um eine unvollendete Geschichte handelte. Jeder weitere Leser sollte sie fortführen. Alles in ihrer Umgebung hielt Anna fest, beschrieb alle Umstände aus der Sicht der Flasche.

Am nächsten Tag begab sie sich wieder zum Fundort. Behutsam setzte sie die Flasche am Rand des Wassers ab, gerade tief genug, dass sie den Boden nicht mehr berührte. Die eben einsetzende Ebbe würde den Rest erledigen.

Lange noch stand Anna am Ufer und schaute hinterher. Durch das Glas, das an der Wasseroberfläche frei lag, schimmerten ein paar Worte hindurch:

„...somit begab ich mich auf die Reise...“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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