Sabine Sener

Familienbande, Teil 4 und 5

"Baby Mike", nun 12 Jahre alt, versetzte uns alle in Angst und Schrecken, als er den Film "Nachts im Museum" zu wörtlich nahm. Nur nicht, dass er im Museum plötzlich verschwand, sondern im Zoo während einer Nachtwanderung. Alle waren in heller Aufregung, und wir suchten den ganzen Zoo ab. Und wo fanden wir ihn dann schließlich? Bei seinen heißgeliebten Chamäleons, die er seit neuestem bewunderte. Mit leuchtend blauen Augen betrachtete er die faszinierenden Tiere, und er klebte förmlich an der Scheibe, was das Chamäleon nicht so toll fand, denn plötzlich wechselte es seine Farbe. "Baby Mike" konnte nicht genug davon bekommen, denn zu Hause durfte er diese Tiere natürlich nicht halten, auf Rücksicht auf seine Mutter, die eine panische Angst vor Reptilien hatte; und außerdem war dieses Hobby sehr kostspielig.

"Baby Mike" ist mittlerweile auf dem Gymnasium, denn er ist ein sehr kluges Kerlchen. Biologie hat es ihm besonders angetan, ich glaube beruflich wird er mal diese Richtung einschlagen.

Mein Bruder Klaus überlegte sich das mit dem Restaurant nochmal, das er eröffnen wollte. Nach langem Hin und Her kam er zu dem Schluss, dass es doch nicht das Richtige für ihn war, denn er wollte eigentlich noch etwas von der Welt sehen. Als Opa Rudi und Oma Traude von ihrer zweiten Kreuzfahrt aus Brasilien zurückkamen, kam ihm die rettende Idee, und er bewarb sich als Koch auf einem Kreuzfahrtschiff, das wäre es doch! Klar, dort hat man sehr viel zu tun, aber er war unabhängig und würde viele neue Leute kennenlernen. Nach vier Wochen war es dann soweit. Auf dem Schiff wurde dringend ein zweiter Koch gesucht, und Klaus konnte sofort anfangen. Er war Feuer und Flamme und freute sich riesig, denn diese Gelegenheit bekam man nicht so oft. Meine Mutter war den Tränen nahe, aber Klaus versprach, sich regelmäßig zu melden. Ich freute mich für meinen Bruder, auch wenn ich jetzt nur noch selten sah.

Auch meine Schwester Britta kam beruflich in die Gänge. Sie schloss erfolgreich die Kosmetikschule ab und bildete sich als Visagistin weiter. Das lag ihr total, und ich weiß endlich, welche Lippenstiftfarbe mir besonders gut steht!

Mein Vater legte sich ein neues Hobby zu: Wandern, raus in die Natur. Er versuchte meine Mutter zu überreden, sich auch im Wanderverein anzumelden, aber da kannte er diese schlecht. Die war froh, wenn sie nicht irgendwelche Krabbeltiere sah und verkroch sich lieber mit einem spannenden Krimi auf der gemütlichen Couch.

Nun ja, dass mein Vater noch eine Strecke von 20 km schaffte, dafür konnte ich ihn nur bewundern. Für mich war das auch nichts, ich fuhr lieber mit dem Fahrrad, denn einen Führerschein wollte ich nicht machen. Ich und hinter dem Steuer, die reinste Katastrophe. Ich bekam schon Panik als Beifahrer, wenn uns ein LKW entgegenkam. Also fuhr ich mit dem Fahrrad regelmäßig zu meinem Arbeitsplatz, denn dies ist zudem für die Umwelt besser. Mein Chef ist mit mir sehr zufrieden und mit macht die Arbeit auch viel Spaß, außer als ich die Empfangsdame vertreten musste, die die Grippe hatte. Manch englischsprachigen Kunden versteht man am Telefon nicht immer so deutlich, aber ich blieb immer freundlich und kompetent. Bald hatte ich Urlaub, und ich werde meinen Bruder Klaus auf Mallorca treffen, wo er Zwischenstation hat. Ich freue mich schon riesig, denn ich habe meinen Bruder mindestens ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen. Der Job als Koch auf dem Kreuzfahrtschiff füllt ihn total aus, und er hat die richtige Entscheidung getroffen. Wenn er Glück hat, trifft er Opa Rudi und Oma Traude auch auf dem Schiff, denn das Reisefieber packte sie wieder, und sie wollen in Mallorca zusteigen. Welch glückliche Fügung: Ich werde dann meine Großeltern endlich wiedersehen.

"Baby Mike" hat auch bald Sommerferien und meine Eltern meldeten ihn in einem Feriencamp an. Ich kann nur hoffen, dass er dort nicht zu viele Streiche ausheckt, zumal er zusammen mit seinem besten Freund Tom dahinfährt. Die beiden haben es faustdick hinter den Ohren und nichts ist vor ihnen sicher. Meine Mutter kann ein Lied davon singen, und sie ist froh, dass für ein paar Wochen Ruhe im Haus herrscht. Der schöne Rosengarten ist genau der Ort, wo sie prima mit ihren Büchern entspannen kann. Erholung pur! Das wird sie brauchen, denn bald wird "Baby Mike" wieder zu Hause sein!



Tante Käthe hatte sich zum Besuch angekündigt. Jetzt da unser Beo nicht mehr da ist, fühlte sie sich wieder sicherer bei uns. Die Beschimpfung "Nun reicht's aber!" konnte sie lange nicht vergessen und fragte meine Mutter jetzt vorsichtig, ob sie vorbeikommen könnte. Diese wunderte sich nur und fragte: "Seid wann bist du denn so empfindlich? Du nimmst doch sonst auch kein Blatt vor den Mund!" Betretendes Schweigen, "Ach, weißt du, ich habe da jemanden kennengelernt und da bin ich etwas vorsichtig geworden. Wahrscheinlich habe ich ihn mit meinem Geplapper etwas vergrault, denn er meldet sich schon seit ein paar Tagen nicht mehr bei mir. Hoffentlich ist er nicht sauer!" Es war etwas ungewöhnlich, dass sich Tante Käthe überhaupt wieder auf einen Mann einließ, denn als eingefleischte Junggesellin mit strengen Prinzipien war diese Nuss nicht leicht zu knacken. Also fasste sich meine Mutter ein Herz und lud Tante Käthe ein, damit sie sich bei ihr ausheulen konnte. Diese kam dann auch ganz aufgeregt zu uns und begann ihre Geschichte zu erzählen. Diesmal nahmen wir es ihr nicht übel, sondern trösteten sie, so dass sie bald wieder lachte: "Diese Männer, wenn man schon einmal einen kennenlernt!" Eine Woche später meldete sich dann Walter bei ihr und lud sie spontan zu einem schicken Essen ein. Tante Käthe konnte ihr Glück kaum fassen und bombardierte meine Mutter mit einem langen Telefonanruf. Diese zwinkerte mir zu und sagte:" Na, jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel!"

Ich grübelte, sollte das etwa eine Anspielung sein? Auch ich war noch immer Solo! Wahrscheinlich war ich zu anspruchsvoll, denn keiner konnte mein Herz bis heute gewinnen. Ich wünsche mir eine "Liebe auf den ersten Blick", das ist ja so richtig romantisch. Schaut euch Opa Rudi und Oma Traude an, die sind jetzt 45 Jahre verheiratet und frischen ihre Liebe mit vielen Reisen auf. Na ja, irgendwann wird für mich auch noch der Richtige kommen, ich habe es nicht eilig. Meine Arbeit als Fremdsprachenkorrespondentin nimmt mich voll in Anspruch und mein Chef plant, mich für eine halbes Jahr nach Toronto in eine Tochterfirma zu schicken, die dringend eine Übersetzerin suchen. Mir soll es recht sein, denn ich mag diese Stadt sehr und ich denke, es wird eine aufregende Zeit.

Als meine Schwester Britta eines Tages anrief und meinen Eltern erklärte, dass sie sich verlobt hatte, fiel meine Mutter aus allen Wolken. "Was, du willst mit 20 heiraten? Bist du noch ganz gescheit?" Dann erinnerte sie sich, dass sie damals nicht viel älter war und früh "ihre Bande" bekam. Aber sie wollte jetzt noch nicht Oma werden! Dafür fühlte sie sich noch zu jung, aber auf ein graues Haar mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an. Was machte sie sich denn eigentlich verrückt! Dieses Thema stand ja noch gar nicht zur Debatte, erstmal musste Britta "unter die Haube". Ihren Verlobten lernte sie in der Visagistenschule kennen, und die beiden hatten ganz andere Pläne. Kinder kamen vorerst nicht in Frage. Die nächsten Jahre werden sie beruflich sehr eingespannt sein, und der Job macht ihnen großen Spaß. Na, dann ist das Thema wohl erstmal erledigt!

"Baby Mike", der immer zu irgendwelchen Streichen aufgelegt war, hat diesmal den Vogel abgeschossen! Seine Lehrerin rief bei uns ganz aufgeregt an, dass sie meine Eltern dringend sprechen wollte. Ihr Sohn hätte es auf die Spitze getrieben, die Eltern eines Mädchens aus seiner Klasse hätten sich bei ihr beschwert. Meine Eltern, auf alles vorbereitet, fuhren zur Schule. Dort trafen sie die Eltern mit einem weinenden Mädchen, das sich immer wieder verzweifelt an ihren Kopf fuhr. Meine Mutter kannte das Kind, es war die Tochter meines Hausarztes, kurz Susi genannt. Aber wo waren ihre schönen langen blonden Zöpfe?! Ihr schwante böses, hat "Baby Mike" etwa.....! Ja, "Baby Mike" hatte! Diese verflixte Pubertät! Nachdem Susi die Englischarbeit mit "Sehr gut" geschrieben hatte, war er stinksauer, denn er war nicht so gut in Englisch. Dann gab diese blöde Kuh auch noch überall damit an. Das konnte er überhaupt nicht ertragen. Auch sein Freund Tom war betroffen, denn auch er war neidisch auf das Mädchen. In der Pause schlichen sie sich langsam und sehr leise von hinten an Susi heran, die alleine ihr Butterbrot aß. Tom hielt sie fest und "Baby Mike" schnitt (schnipp schnapp) mit einer großen Schere ihre wunderschönen Zöpfe ab. Das Geschrei war groß, es war auf dem ganzen Schulhof zu hören, und die Aufsichtsperson, die wahrscheinlich nicht gut aufgepasst hatte, rief die Klassenlehrerin und diese den Direktor. Und nun standen meine Eltern hier und mussten das Verhalten ihres Sohnes erklären, dem das Ganze kein bisschen leid tat. Was sollten meine Eltern bloß machen!? Ich weiß es nicht! Auf jeden Fall würde "Baby Mike" einen Schulverweis bekommen, wenn er nochmal bei einem Streich erwischt würde, ebenso sein Freund Tom. Und das wäre fatal, denn sie sind ansonsten gute Schüler. Ich hoffe sehr, dass er in den nächsten Jahren problemlos sein Abitur schafft, denn er möchte gerne Biologie studieren! Ansonsten wäre es sehr schade!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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