Helga Asmuß

Platzverbot

Platzverbot

 

Oma ist alt, sehr alt, über achtzig schon. Sie hat viele, viele Weihnachtsfeste miterlebt, in guten wie in schlechten Zeiten. Seit kurzem wohnt Sie in ihrem neuen Zuhause, einem Heim für alte Menschen.

 

Katze Minki dagegen ist jung und putzmunter. Wie jung, das weiß keiner so recht. Sie kam sozusagen als Geschenk zu uns. Nun lebt sie seit November in unserer großen Wohnung und feiert ihr erstes Familienweihnachtsfest.

 

Omas Knochen sind müde. Auf der Treppe müssen wir sie feste stützen. Die Beine wollen nicht mehr. In ihrem langen Leben ist sie zu viel gelaufen. Auch der Kopf ist müde, und die Augen und die Ohren. Mit dem Hören klappt's schon lange nicht mehr so recht. Vieles kann sie einfach nicht mehr verstehen.

 

Aber die Katze, ja, die ist drahtig! Die springt wie ein Floh, klettert wie ein Affe, flink und munter, rauf und runter, leichtfüßig, leichtsinnig und ausgesprochen neugierig. Wenn ihr Katzen kennt, dann könnt ihr ein Lied davon singen! Kein Schrank ist zu hoch für sie, der runde Tisch stets voll der schönsten Überraschungen und das alte, schwere Büffet mit den kostbaren Glasgefäßen, den Nippsachen und Kerzenständern - welch eine Wonne, zwischen all dem Zierrat spazieren zu gehen, zumal es doch so streng verboten ist bei dieser Familie! Sie flitzt um die Ecken, schnuppert hier, schnuppert da, aber so richtig verstehen tut sie diesen Weihnachtsrummel auch nicht! Dafür ist sie zu neu bei uns. - Was soll denn zum Beispiel ein Baum auf dem Büffet?

 

Am ersten Weihnachtsfeiertag werden wir die Oma abholen. Den traditionellen Gänse- braten wollen dies Jahr wir für sie machen, für unsere liebe Mutter, die uns früher jedes Jahr zum Weihnachtsbraten eingeladen hatte. Nun soll sie sich ausruhen und das Festessen bei uns genießen, hoffentlich brennt vor lauter Übereifer der Braten nicht an!

 

Die drei Kinder haben Order, die Weihnachtsstimmung nicht durch Zankereien zu stören, denn so alte Omas, das wisst ihr auch, brauchen viel Ruhe und Frieden, noch viel mehr an so einem hohen Festtag!

 

Die Kinder hatten den Baum geschmückt, Heiligabend war ja schon gestern. Das Schmücken ist seit langem ihre große Freude. Hübsch anzuschauen ist das kleine Bäumchen in seinem festlichen Kleid, mit den roten Äpfeln, den Schleifen, den glitzernden Kugeln und dem silbrigen Lametta wie ein Schleier aus Eis!

 

Heute deckt die älteste Tochter den Tisch, extra liebevoll, mit weihnachtlichen Servietten und feinen Gläsern. Dem alten Adventskranz spendiert sie neue Kerzen und weihnachtliche Melodien untermalen ihr emsiges Tun. Die Geschwister sortieren derweil die Geschenke auf dem Büffet, entfernen das hastig aufgerissene Geschenkpapier und  sammeln die Bändchen und Schildchen ein, die auf malerische Weise den Fußboden verzieren, kurz, ein jeder macht sich nützlich für Omas Empfang.

 

Nur die Minki hat nichts zu „tun”. Oder scheint das nur so? Lauert sie vielleicht? Worauf lauert sie denn? Ah, sie will wohl was naschen! Oder etwas haschen? Lametta vielleicht, „was Heiliges", wie der Sohn die glitzernden Metallbändchen nannte, als er noch klein war. Oder soll’s etwa so eine goldglitzernde Kugel sein? Die roten und silbernen sind auch sehr schön! Was immer sie im Schilde führt - sie scheint wirklich zu lauern, sprungbereit - in Deckung, versteht sich!

 

Langsam wird es Zeit, die Oma abzuholen. Der Vater macht sich auf den Weg, derweil die Hausfrau den Braten bewacht. Die Kinder waren fleißig, aber jetzt reicht es ihnen. Sie wollen spielen, denn die vielen Geschenke muss man einer fachgerechten Prüfung unterziehen. Das kann man am besten, wenn man sie gemeinsam ausprobiert. Also, los, alle Mann ins Kinderzimmer!

 

Ah, das ist der Augenblick der Katze! Geschmeidig und schwungvoll nimmt sie die erste Hürde, den Sessel. Gekonnt ist gekonnt, denkt sie. Nun auf das Büffet! Da liegen so viele Sachen heute! Aber der Platz wird mir schon genügen. Ich werde es wagen. Diesen Baum muss ich irgendwie erreichen! Das Zeug, was da in den Zweigen hängt, ist allzu verlockend, glitzert frech und bewegt sich leise in der feinen Zugluft. Welch reizender Gedanke, damit zu spielen... Hopp, aufs Büffet! Perfekter Sprung, nichts umgestoßen! Jetzt erst mal schnuppern. Auf Sammetpfötchen turnt sie über die verbliebenen Geschenkestapel. Darf man mal ein Pfötchen heben zum Antippen? Hei, das wackelt sehr schön, das blanke Ding da! Wie es wohl hinter den Zweigen aussieht? Die Nadeln pieken zwar etwas, aber die Neugierde piekt unser Kätzchen noch mehr. Also drängt es sich zwischen dem festlichen Schmuck hindurch zum Stamm. O, was sehe ich? Da sind ja richtige Kletteräste! Und in dem Gefäß hier ist kühles Wasser! Darf man mal lecken? Hm, sehr frisch! Ein verschwiegenes Plätzchen – der richtige Spielplatz für ein Kätzchen! Jetzt will ich da mal hochklettern. Ich bin ja gut versteckt. Hier sieht mich keiner! Hopp, hopp, hopp - wie eine Leiter! Aber ach, das war wohl zu viel Gewicht für das kleine Bäumchen! Er kippt vornüber und mit erheblichem Krachen stürzt der ganze Segen zu Boden, mit Katze, mit Keramiktopf und mit dem vielen Schmuck auf den Zweigen! Himmel, hilf!

 

Die große Tochter hat’s gehört, springt auf, hechtet zum Wohnzimmer, ein Schrei des Entsetzens! Gerade sieht sie noch die Katze flitzen, wie ein geölter Blitz! Nur raus aus der Stube, bloß weg hier, denkt Minki!

 

Was für eine Bescherung! Einfach tierisch! Das Mädchen steht da, wie vom Donner gerührt. Und gleich wird die Oma kommen! - O je!

 

Nun gibt es in unserer Wohnung zum Schutze der teuren Auslegware viele dicke, weiße Läufer, Flokati heißen die und haben ganz lange, dichte Wollhaare. Ab und an schüttelt man sie aus. Keiner tut das gern, es ist eine rechte Knochenarbeit. Jetzt liegt das schmucke Tannenbäumchen der Länge nach auf dem weißen Flokati, die Keramikschüssel ist zersprungen, braune Scherben überall und man sollte nicht glauben, wie viel Wasser in so eine Schale passt! Es schwimmt der ganze Teppich! Entgeistert starrt jeder auf das Malheur - nur die Minki fehlt!

 

„Katze!!! Was hast du getan? Wo bist du, Untier?”

 

Es ist fünf vor eins. Der Braten ist braun und wartet im Ofen, der Grünkohl ist gar und die Klöße auch. Gleich wird es klingeln. Wir aber haben auf einmal ganz viel Arbeit!

 

„Bewegung, Kinder, ran an die Bouletten! Retten wir, was zu retten ist! Das Essen

muss warten!”

 

Ein eiliges Treiben hebt an. Der holt dies und die holt das: Mülleimer, Wischlappen, Gummihandschuhe, jeder hilft, so gut er kann. Das Bäumchen wird sorgsam wieder aufgerichtet. Jetzt hat es so etwas wie eine Halbglatze. Der Rest der Nadeln hat sich im Flokati verkrümelt, wahrlich der schlechteste Platz für diese piekenden Dinger! Fünf Kugeln haben den Sturz überlebt. Bravo, ihr bekommt einen Ehrenplatz! Das Lametta schwimmt im Wasser. Wir ziehen die Fäden einzeln heraus und werfen sie wahllos über die gelichteten Zweige. Die rotbackigen Äpfel haben den Sturz überstanden - was Wunder, die sind nämlich aus Plastik! Auch die Kerzen in den Halteklammern waren gut befestigt, nur wenige sind gebrochen. Der Sohn holt rasch den alten Baumständer aus dem Keller und befestigt das gerupfte Bäumchen mühevoll mit den rostigen Schrauben.

 

Das Schlimmste aber sind die bunten Glassplitter der schönen Kugeln. So viele winzige Splitter! - Ratlos steht man vor dem „Segen”. Darf man sie zum Fenster ausschütteln? Nein, bitte nicht! Zu dieser Jahreszeit darf Frau Holle wohl die Betten ausschütteln, aber da kommen ja auch keine bunten Splitter raus! Vielleicht sollte man sie aufsaugen? Doch den Staubsauger kann man auch nicht benutzen, der mag kein Wasser! Was tun wir nun damit?

 

„Sammelt sie heraus, aber beeilt euch!”

 

Jetzt hocken die Töchter mit den Nasen am Boden und zupfen mit spitzen Fingern bunte Splitter aus dem durchnässten Flokati - eine wenig weihnachtliche Beschäftigung, fürwahr!

 

Aus der Küche riecht es brenzlig. Die Gans hat jetzt die Ofenhitze satt! Da wird wohl ein Küchenchef gebraucht.

 

„Beeilt euch Kinder, schnell, schnell, gleich ist die Oma da!“

 

Jetzt klingelt’s wirklich! Die Oma! Hilft nichts, der Teppich muss mitsamt den Scherben eingerollt und beiseite geschoben werden, sonst fällt die Oma an diesem festlichen Tag noch auf die Nase.

 

Der Vater stutzt. Was ist denn hier los? Wo ist das Essen? Warum diese Hektik? Kann mich mal jemand aufklären?

 

Gemach, gemach! Jetzt pellen wir zuerst die Oma aus dem Mantel, drücken sie in den Sessel und bitten um Geduld. Dann wird der Vater informiert. Er bemerkt einmal mehr, dass dies sowieso ein Tollhaus ist, steht uns aber augenblicklich helfend zur Seite.

 

Nur die Katze bleibt verschollen. Oma ist sehr erstaunt. Sie versteht das Hin und Her nicht so recht. Sollte sie nicht zum Essen kommen?!

 

Sie langweilt sich. „Wo ist denn euer Kätzchen?” Die Oma liebt Katzen! Hatte früher auch eine.

 

Ja, wo ist es denn? Wo nur? - lm sicheren Versteck wahrscheinlich, denn etwas Schuldgefühl wird die Minki wohl haben, oder?

 

Schließlich dampft der Braten doch noch auf dem Tisch, einen Ton zu braun vielleicht, aber das packen wir schon. lm Grünkohl ist das „Gewürz der Seligen", doch eine perfekte Köchin muss hier niemand sein. Die Klöße sind etwas mehr als gar – schwammen wohl zu lange im Wasser! Aber insgesamt hat der Geschmack nicht gelitten. Das sieht man an den zufriedenen Gesichtern.

 

Die Kinder sind erstaunlich brav, gackern nur manchmal ein wenig wie alberne Gänschen, wenn ihre Blicke verstohlen zum Büffet wandern. Das Bäumchen sieht etwas gerupft aus, aber Oma merkt es gar nicht! Die Kerzen brennen ruhig, und die Stimmung ist jetzt prima.

 

Friedlich vereint sitzt die Familie um den Weihnachtstisch, mit heißen Gesichtern, gerundeten Bäuchen und glänzenden Augen. In der molligen Stube trocknet der Fußboden ungestört vor sich hin, Pantoffeln schützen vor Nässe, Nadeln und bunten Splittern.

 

Aber irgend jemand fehlt doch!

 

Ah, die Katze! - Fragende Blicke. - Wo ist sie nur?

 

Ein Schmunzeln huscht über Vaters Gesicht: „Die weiß bestimmt, was sie heute hat: Platzverbot!“

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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