Heinz Lechner

Mein geliebtes Tabletchen

Neulich ergab es sich, dass ich den Betrieb, in dem ich als Angestellter beschäftigt bin, aus Mangel an Arbeit einige Stunden früher als sonst verlassen konnte. Das geschieht immer wieder mal und ist mir auch sehr recht um aus dem Arbeitseinerlei entfliehen zu können. Zumeist verbringe ich diese Nachmittage mit Einkaufsbummel oder dem Faulenzen auf der heimatlichen Coach.
Es kommt aber auch vor, dass ich übermannt von einem plötzlich eintretenden, mir unerklärlichen Bierdurst meinen Heimweg unterbreche und eine Gaststätte aufsuche. So geschah es auch heute. Ich hatte einen kleinen kuscheligen Biergarten etwas abseits vom Grossstadttrubel entdeckt. Dort ließ ich mich nieder.
Nachdem ich mir ein Bier bestellt hatte, holte ich mein Tablet aus der Tasche um an einer Kurzgeschichte, mit der ich nicht vorwärts kam, weiter zu schreiben. Als ich mich umblickte, bemerkte ich, dass dieser etwas ungepflegt wirkende Biergarten nur von älteren Herrschaften besucht war.
Auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass es sich lediglich um Männer handelte; alten, irgendwie volkstümlichen, augenscheinlich etwas einfacher gestrickten Männern. Sie dümpelten apathisch vor sich hin und glotzten. Ich hatte den Eindruck, sie musterten mich abschätzig - fast schon feindselig, was vermutlich an meinem etwas arrogant wirkendem Auftreten und dem Vorhandensein eines angeberischen, neumodischen Computerchens lag.
Den meisten hier war dieses seltsame Ding in meinen Händen wohl ziemlich suspekt. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich auch abschätzig geblickt, wäre ein angeberischer Fatzke wie ich gekommen und hätte solch ein "Spielzeug" aus seiner Tasche gezogen. Aber zum Schreiben ist es wirklich sehr nützlich, ich korrigiere und verändere all die Geschichten die ich zur Zeit verbreche. Wunderbar unnütze Dinge kann man damit anstellen. Wählen von hunderten Schriftarten zum Beispiel oder als Hintergrund sich ein Leoparden - oder Grasmuster aussuchen. Aber auch wirklich Nützliches : eine Rechtschreibkorrektur.

Ich änderte mein Vorhaben. Statt an meiner unliebsamen Geschichte weiter zu tippen, begann ich einen bösen Bericht über das Treiben alter Männer in Biergärten zu erstellen. Es machte Spaß, diese Typen zu beobachten, sich deren Charaktere auszumalen und nebenbei am Bierglas zu nippen. Der rechte Mittelfinger tanzte auf dem Display und meine Laune wurde immer besser. Ich stellte mir vor, wie sich diese schmuddeligen Senioren zu Zombies verwandelten und nur noch auf das Kommando warteten, endlich leckeres Fleisch aus dem Leib eines Endfünfzigers reißen zu dürfen.
Nach dem dritten Bier aber kippte meine Stimmung. Ich bemerkte Müdigkeit, versiegenden Schreibwillen und eine allgemeine Unlust, mich hier noch länger aufzuhalten. Auch bin ich es gewöhnt, dass sich nach dem Genuss von einem Zuviel an alkoholischen Getränken meine Laune zumeist rapide verschlechtert. (Seit meinem letzten Altersschub hat sich meine Aufnahmefähigkeit alkoholischer Getränke erheblich verringert.)
So beschloss ich, das zur Gaststätte gehörende Urinal aufzusuchen und mich dann auf den Nachhauseweg zu begeben.

Später, am Bahnsteig Richtung Heimat - wieder unter jüngeren und "normalen" Menschen und wieder in der "echten" Welt fällt mit auf: kein Mensch im Biergarten hatte ein Handy benützt und während der gesamten Zeit drang kein Klingelton an mein Ohr. Da waren nur leise Gesprächsfetzen zu hören und hin und wieder ein etwas bedrohlich wirkendes, dunkles Murmeln. Trotzdem herrschte eine wohltuende Beschaulichkeit, man kann schon sagen, eine angenehme Langeweile. Keine störenden Geräusche und kein Gefühl von Nervosität und Unruhe hatte mich umgeben.
Aber nun war wieder Geschäftigkeit und Hektik angesagt, alles Treiben wie immer auf Schnelligkeit und Tempo ausgelegt. Das Rumoren und Vibrieren hatte mich wieder in seinen Bann genommen. Und obwohl ich täglich diesen Anblick gewöhnt war, bemerkte ich nun - wegen der vorhergegangenen Beschaulichkeit intensiver als sonst - dass die meisten Menschen kleine Mobiltelefone in den Händen hielten. Sie drückten es ans Ohr und schnatterten tiefgreifende Sätze hinein, stocherten hektisch darauf ein oder hantierten umständlich damit herum.
Man sieht Ihnen an, dass ihre Unterhaltungen von großer Wichtigkeit sein müssen.
Mir sind schon Mobiltelefonisten aufgefallen, - meist unter Zwang wegen der Enge in öffentlichen Verkehrsmitteln - die mit bedeutender Miene und Ernsthaftigkeit Tetris, Solitäre oder ähnliches spielten. Darunter befanden sich sogar seriös wirkende, ältere Herren, schlipstragend, in feinem Zwirn, denen man solches Tun gar nicht zugetraut hätte.
Neulich erst hatte ich ein amüsantes Erlebnis als ich eine Rolltreppe befuhr. Wie üblich stand ich auf der rechten Seite, um Platz zu machen für die linkerhand vorbeiziehenden Personen, da ich auch grundsätzlich versuche, niemals in Eile zu sein.
Einer von Ihnen rempelte mich - zweifellos unabsichtlich - beim Überholvorgang an, wurde aber von Vorangehenden ausgebremst und musste kurz neben mir stehenbleiben. So konnte ich erkennen, dass er sogar in höchste Eile auf der Rolltreppe gehend mit seinem Smartphone spielte. Aufgrund der vielen roten Spritzer, die ich in diesem kurzen Moment auf seinem Display zu erkennen glaubte, vermute ich, dass es sich um ein Zombie-in-den-Kopf-schieß Spiel handeln musste, das zum Ziel hatte, auch um ins nächsthöhere Level zu gelangen, möglichst viel Blut, Därme, Eingeweide und Gehirnmasse zu sammeln.
Ich verstehe die Jugend nicht mehr.!
Gerne beobachte ich smartphonebenützende Menschen. Es amüsiert mich. Bei Frauen - und speziell bei jungen Mädchen - bemerke ich oft ein sehr zufriedenes, vergnügtes Verhalten, wenn sie Nachrichten in ihr Handy eintippen oder eine scheinbar frisch eingetroffene Meldung lesen. Dem sich erhellendem Gesichtsausdruck nach zu schließen, handelt es sich hierbei oft um einen Austausch von Liebesnachrichten. Auch tut sich eine neue Spielart der Romantik auf, indem man putzige, süße, sogenannte Emoticons in den Text einbettet um seine Liebesbeteuerungen zu unterstreichen. Glücklicherweise müssen wir Alten uns damit nicht mehr herumschlagen.
Besorgniserregend ist es aber, in letzter Zeit vermehrt feststellen zu müssen, dass viele Menschen zu "Smombies" geworden sind. Es ist ein lächerlicher Anblick. Man muss Rücksicht auf sie nehmen, denn zumeist gehen Sie stur und gedankenverloren ihres Weges.
Irgendwann fiel mir auf, dass viele Menschen die einem in der Öffentlichkeit begegneten einfach so ins Blaue hinein redeten ohne etwas in der Hand zu halten. Anfänglich war ich etwas überrascht, da die Anzahl solcher scheinbar Selbstgespräche führenden Personen rapide zunahm.
Befremdet befürchtete ich bereits eine neue Volkskrankheit.
Doch als ich wieder einmal auf den Zug wartend am Bahnsteig stand, löste sich das Rätsel. Ein Mann stand neben mir und begann plötzlich zu sprechen ohne mich anzusehen. „Wo kann man denn gut Essen gehen?“ fragte er plötzlich. Im ersten Moment war ich sehr erstaunt, von einem wildfremden Menschen solch eine Frage gestellt zu bekommen. „Was ist denn das für eine Art!“ dachte ich, glaubend der Adressat dieser Frage zu sein. Glücklicherweise kapierte ich, bevor ich eine Antwort gab. Dann bemerkte ich die Stöpsel in seinen Ohren und ich Naivling suchte nach einem Mikrophon in das er ja reinsprechen musste.
Zwischenzeitlich habe ich mich daran gewöhnt, Teil dieser absonderlichen, skurrilen Entwicklung zu sein, da ich doch selbst stolzer Besitzer eines Smartphones geworden bin. Und nicht genug; selbst ein Tablet musste her, denn da hat man etwas in der Hand und auch die Benutzung ist viel praktischer für einen älteren Herren.

Ich befand mich also auf dem Heimweg.
Und nachdem ich in die S-Bahn eingestiegen war, geschah etwas Unvermutetes. Die Sitzplätze sind ja wie man weiß in 4er Gruppen unterteilt. Ich fand noch Platz in einer solchen und wie ich mich umblicke stelle ich zu meinem großen Erstaunen fest, dass von jenen drei Frauen die dort sitzen, eine jede in einem Buch liest. Ungläubig glotzte ich sie an.
Und dass in der heutigen Zeit !
Eigentlich zücke ich ja mein Tablet sobald ich in der S-Bahn sitze. Aber diesmal beließ ich es lieber in der Tasche. Aus Diskretion. Es wäre unpassend gewesen, so ein ordinäres Tablet rauszuholen um damit angeben oder protzen zu wollen. Ich genierte mich etwas und kam mir vor wie ein Verräter. Ja, ich begann sogar mich zu schämen bei der Überlegung, wann ich zum letzten Male ein Buch lesend in der S-Bahn sas. Unmöglich konnte ich die Aura, die diese drei ( mutmaßlich Klassiker der Weltliteratur ) lesenden Frauen umgab zerstören. Ich hätte all meine Selbstachtung verloren. Dazu muss ich erwähnen, dass ich, als ich noch vom Papier las, eine eifrige Leseratte war.
So saß ich nur da, bewunderte diese Menschen und versuchte zu erraten, welche Art von Schriftsteller den jeweiligen Frauen zuzuordnen sei. Anfangs blickte ich noch zufrieden aus dem fahrenden Zug, aber mit der Zeit bemerkte ich schuldbewusst, wie langweilig mir ohne mein Computerchen wurde.
Und ich erahnte, wie sehr mich dieses kleine, niedliche, ach so nützliche Teufelszeug schon im Griff hatte und für einen kurzen Moment kamen mir Zweifel ob des Segens dieses elektronischen Wundergerätes. Doch als ich dessen Vor- und Nachteile gegeneinander abwägte, verflogen meine negativen Gedanken schnell wieder.
Und kaum Zuhause angekommen war ich gleich wieder voll in meinem Element.
Ich öffnete das Tablet, besah meine Mails, machte Notizen, suchte was bei Youtube, schrieb an einem Text weiter, schaute nach der Wettervorhersage, durchforstete meine Fotos, bestellte einen USB Stick bei manweißschonwo, las Sportnachrichten, antwortete auf eine Whats app Meldung, speicherte Dateien, ging meine Einkaufsliste durch, kontrollierte mein Giro - Konto, downloadete bestimmte Wikipedia - Artikel und benützte es zwischendurch als Wasserwaage und Brotschneidebrett. Und zum xten Male vermisste ich schmerzlich einen eingebauten Flaschenöffner.

Plötzlich aber glaubte ich in diese Stille hinein, die mich umgab, in der Ferne ein kurzes, leises Lachen zu vernehmen, ein trockenes, koboldhaftes, abwertendes, richtig gehässiges Lachen. Ich streckte horchend meinen Kopf. War da was? Hatte sich vielleicht meine Tochter in der Wohnung versteckt als ich heim kam und will sich jetzt von ihrem Versteck aus bemerkbar machen? Möglicherweise spielten unten auf der Wiese die Nachbarskinder und eines davon hat kurz aufgelacht. Doch der Blick aus dem Fenster brachte kein Ergebnis.
Es war nur das Ticken meiner altmodischen Wohnzimmeruhr zu hören und das Rascheln der Meerschweine in ihrem Käfig. Sicher hatte ich mich getäuscht.
Wie sollte auch...
Nach kurzer Ratlosigkeit machte ich weiter mit meinem Programm. Da war wohl nichts. - Hat sicher nur ein Meerschweinchen gequietscht.

Ende.

Das Ende der Geschichte klingt arg konstruiert und abgedroschen. Das gab's doch schon mal? Es scheint, als wäre mir nichts originelleres eingefallen als solch ein ideenloses, billiges Ende. Hörte eine Stimme.....Haha. Gehässiges Lachen.....kommt mir doch bekannt vor. Tausendmal abgekupfert ist das!
Aber wenn es doch so war ? Wenn dieses Lachen tief aus mir selbst kam, in einem Anflug von Weisheit und Selbsterkenntnis ? Wenn mein Innerstes mich auslachte ob meines kindlichen, wichtigtuerischem Eifers, meiner Hörigkeit für ein kleines elektronisches Gerät?
Da mir aber kein besseres Finale einfallen mag, kann ich mit diesem gut leben. Ich könnte es ja jederzeit ausbessern ( mit meinem Tabletchen natürlich).

Ende.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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