Olaf Lüken

Die Sieg - Stille im Tal des Lichts

Ich kenne eine märchenhaft schöne Flusslandschaft. Es ist die Sieg und ihr zauberhaftes Tal. Kommt mit, und hör' auf die Botschaften des Windes, der Wolken und der lauten Stille. Ihre Pforten sind geöffnet. Dahinter stehen Bäume, die riechen nach Luft. Einst waren es  Benediktiner, die vor etwa neunhundert Jahren am kleinen Fluss den Boden bestellten. Das neblige Tal nannten sie mit einem Anflug leichten Schauderns einen verwunschenen Ort, weil Waldfeen, Elfen, Kobolde, Erd- und Flussgeister ihr Unwesen trieben.

Geblieben ist der Fluss. An seinen grünen Ufern fließt - früher wie heute - mit dem Wasser auch die Zeit dahin. Ich mag die Sieg, wenn sie so unscheinbar, und unspektakulär daher kommt, umhüllt von aufkommenden Nebelschwaden an mir vorüberzieht, nachströmt und in einer Schleife wieder verschwindet. Bereit zu waschen, was verschmutzt, zu erquicken, was dürstet und zugleich ruhelos. Alles verströmt, entkommt und wird dennoch wiedergegeben. 
 

Der verliebte Grashalm

Da drinnen im Waldesgrunde,
am mild beschatteten Fluss,
da stand ein verliebter Grashalm
und gab der Sieg einen Kuss.
Entschwindend sah das Wasser zum Halme,
mit funkelnden Augen empor.
Die zärtlich schäumenden Wellen warfen
sich drängend zum Stengel vor.
Sie trugen ihn leicht umarmend und voller Ehr
mit sich hinaus auf den Rhein ins nordische Meer. (Nordsee)

 

Janik, ein lebhafter Münsterländer Rüde und ich erkunden die Umgebung der Sieg oder ruhen an einem der geschützten Plätze aus. Wir  schauen auf das, was da kreucht und fleucht. Stundenlang wandere ich ich mit ihm durch das Gestrüpp, vorbei an Disteln, Brombeer- und Himbeersträucher. Stacheln piksen meine Schienbeine. Der Weg scheint wie zugewachsen und hinter einer floralen Buschwand zu enden. Hier und da kreuzt ein kleiner Pfad das Dickicht. Dann sehen wir ihn,  unseren kleinen und wildromantischen  Fluss. Die Sieg. Manchmal bin ich seltsam erschöpft, zugleich aber auch seltsam glücklich. Janik und ich entdecken Landschaften, Orte und kleine, ganz versteckt liegende Weiler zwischen dem Quellgebiet im Rothaargebirge, über Siegen und Siegburg, bis der stille Fluss in den Rhein bei Bonn mündet. Während ich mich von den Resten des Buschwerks befreie, jagt Janik Schmetterlinge. Die arg gebeutelten Zitronenfalter und Pfauenaugen tanzen auf und ab und während ich auf den Fluss schaue, unterbricht mich Janiks lautes Geheul. Übermütig geworden, schnappt der Hund nach den Schaumkronen auf den Wellen und rutscht dabei ins tiefere Wasser. Das erschrockene Tier rudert zielstrebig ans rettende Ufer,  schüttelt sich und verspritzt gleich eimerweise kühles Nass. Am Himmel ziehen regenschwere Wolken auf, während ein wütend gewordener Wind an den Uferbüschen zerrt. Aus dem Wasser taucht der bläulich schimmernde Rücken einer Forelle auf, um gleich wieder zu verschwinden. Während der Mond in voller Pracht am Himmel steht, die Wiesen dampfen und über allen Gräsern der Tau ruht, stehen die Kronen der Laubbäume dunkel glänzend in einem Meer aus dünn gesponnenem Licht. Die große Welt am kleinen Fluss ist still geworden. Nur die Sieg zieht durch Gottes freie Natur ihre ureigenen Wege im nimmermüden Selbstgespräch.

 

Der Morgen bricht an im Nebelgewand. Die Luft ist wie in einem Dampfbad wabbelig weiß. Das weiche Wabern ringsum ist im Grund nichts weiter als eine Ansammlung schwebender Wassertröpfchen, nicht viel anders als eine harmlose Wolke mit Bodenkontakt. Wenn eine Landschaft sich in Nebel einhüllt, erscheint sie größer, erhabener und erhöht die Einbildungskraft gleich einem verschleierten Mädchen (Caspar David Friedrich). Ohne Farbenpracht und Horizont kommt mir jeder Zweig plötzlich staunenswert vor. Die Reduktion der Reize lenkt den Blick auf das Wesentliche. Im Winter, wenn Rauhreif das Tal mit einer matt glitzernden Schicht überzieht, beachten wir Dinge wie silbrig schimmerndes Moos oder gefrorene Spinnweben, die wie Lametta von den Tannen hängen. Komplexe Strukturen aus Eiskristallen oder ein paar vertrocknete Stängel lassen die Flusslandschaft wie feinstes Zuckerwerk aussehen. Jetzt, im Nebel, wandere ich über Stock und Stein, über wurzelige Waldböden und erlebe die Naturschönheit durch beschlagene Brillengläser.

 

Der nächste Tag: Janik und ich sitzen am Ufer. Hier und da ein Geräusch. Vereinzelt keuchen Joggerinnen über die Kieswege. Ein untersetzter Pensionist mit Sonnenhut, schiebt sich einen Krapfen in den Mund. Auf der anderen Seite des Flusses steigt ein junger Hüne in sein Kanu und bindet es vom Boot aus  los. Das Kanu legt ab und gleitet wenig später lautlos dahin. Sein Schatten geht mit, groß wie ein Kaiman, ausgestreckt, länglich. Andere, auch junge Erwachsene, schultern breite Schlauchboote und Paddel. Fünf ältere Wanderer erscheinen auf dem Laufweg.  Wenige Meter davon entfernt, steht in einem losen Halbrund eine Gruppe pubertierender Schülerinnen vor ihrer Dozentin, die die körperliche Fitness  ihrer Elevinnen prüft. Die Mädels strecken ihre Arme himmelwärts, biegen sich etwas nach vorn und spreizen dabei ihre Finger. Mehr schlaff als geübt. Einige kichern. Das Tal der Sieg taucht die Abendsonne langsam  in ein honigfarbenenes Licht. Die Nacht legt sich über das Tal, und Grün wird Grau. Wer durch das Tal der Sieg wandert findet sein Wohlbefinden zurück und erlebt Vitalität im wahrsten Sinne des Wortes. Für Körper, Geist und Seele.

 

Ich ziehe aus dem Rucksack ein Buch, während Janik die Umgebung erkundet. In der Geschichte von der rotgestreiften Höhle erzählt der chinesische Philosoph Laotse: "Wenn das Sehen  vergessen ist wird das das Licht unendlich. Wenn das Hören vernichtet ist, sammelt sich das Herz auf die ewigen Tiefen. Wenn die Sinne der Wahrnehmung aufgehoben sind, wird der Mensch fähig, sich von allen Reizen der Welt los zu schließen, offen und vollständig.

 

Und während ich auf den unterschiedlichsten Gedankenwellen schwimme, spricht der Fluss ganz leise zu mir: "Hallo, ich bin die Sieg." "Na klar, wer auch sonst, denke ich." "Ich bin da, sagt der Fluss. "Du bist immer da", antworte ich. Was hast du vor ?" "Ich fließe. Alles, was ich von mir weiß ist rasch gesagt. Ich bin was ich tue, was ich sage, was ich bin und so immer fort - alle Tage, alle Nächte.  Wasser ist mein Element. Ich verdampfe und verdunste. Ich fliege als Wolke und bringe auf der Erde den Samen zum Keimen. Im Fruchtwasser bist du entstanden. In meinem Element spürst du - während du schwimmst, deine Schwerelosigkeit. Und mit deinen Tränen bewegst du. Erdenmensch, große Gefühle von Trauer und Freude."

 

Glücklicher Fluss, denke ich. Du bist Wasser, das stürzt, auch mal tröpfelt, rauscht, fließt, reißt oder sich in eine kleine Gischt zu wandeln weiß. Wo du bist, da ist Reinheit und Kühle,Sand und Gestein, auch Moos und webende Algenfäden. Und manches Mal schaue ich auf das Ufergrün, das wie mit Ölfarbe dick aufgetragen ist. Ein Gedicht von Goethe kommt mir in den Sinn:
 

Rausche Fluss, das Tal entlang,
ohne Rast und Ruh.
Rausche, flüstere meinem Sang
Melodien hinzu.

 

Am Ufer erkenne ich eine kleine Furt, die ich durchschreiten will.Janik, mein Beutegreifer springt voran und schleppt einen nassen Zweig mit, der nicht so will wie der Hund, sich sperrt und sich schwer macht, sich an den Steinen klammert, die aus dem Wasser ragen - auch dies alles, Kieselsteine und Sand, die der Fluss mit sich führt auf seinen Weg zum Rhein.

 

Naturfreunde freut euch, wenn die Sieg zu euch spricht und euch ihre Geschichten erzählt. Immer alt, immer jung, die schon sprach vor deiner und meiner Geburt und sprechen wird, wenn unsere Ohren sie nicht mehr hören werden.

(c) Olaf Lüken (2017)



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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