Ingo R. Hesse

Silvester?.. Muss das denn sein?

Wohl kaum ein Tag im Jahr drängt sich so auf, wie ausgerechnet Silvester. Der letzte Tag im Jahr. Und wenn man es mittels Langstreckenflug und korrekter Planung geschafft haben sollte, irgendwo auf diesem Planeten Weihnachten zu entgehen, so ist das in Sachen Silvester kaum möglich. Jedenfalls nicht, wenn man keinesfalls auf fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, auf eine Toilette und auf frisch gebrühten Kaffee verzichten möchte.

 

Ich weiß nicht genau, wann meine Silvester-Skepsis einsetzte. Aber ich denke, es fing mit Knallerbsen an. Vier oder fünf an der Zahl. Nämlich die Knallerbsen, die ich im Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren an einem Silvesterabend auf Pflastersteine werfen durfte.

 

Viel lauter als die Knallplättchen, die auf roten Papierstreifen im Spielzeug-Revolver zum Einsatz kamen, waren diese in metallene Folie verpackten „Erbsen“ keinesfalls. Und so cool wie ein Colt wirkt eine runde, mit Watte ausgelegte Pappschachtel sowieso nicht.

 

An diesem Silvester-Abend, gegen 20:00 Uhr, als vor einigen Häusern im Dorf die ersten Väter ihre Söhne mit Leuchtraketen, Chinakrachern, Heulern oder wenigstens mit Knallfröschen auf eine weitere Stufe zum Erwachsensein hoben, warf ich also vier oder fünf Knallerbsen aufs Pflaster. Es können auch sechs gewesen sein. Ich will da niemandem Unrecht tun.

 

Ich weiß nicht, ob meine Eltern das beabsichtigt hatten. Aber dieses Feuerwerk an Frust, bzw. dieses Frust-Feuerwerk zog sich durch meine ganze Silvester-Karriere hindurch. Bis heute. So wie Jungs, die beim Rauchen erwischt wurden, und zur Strafe Zigarren rauchen mussten, entweder Kettenraucher oder militante Nichtraucher wurden, so wurde aus mir ein Feuerwerks-Muffel.

 

Geschätzte fünf mal habe ich, als ich selbst entscheiden und kaufen konnte, in ein Feuerwerks-Sortiment investiert. Doch so sehr ich mich darauf gefreut hatte, so unsicher war zu den Zeiten ausgerechnet mein Status in Sachen Liebe. Wenn ich es recht bedenke, war dieser Status mein Leben lang nur selten wirklich sicher. Also zweiseitig und sicher.

 

Ich habe Silvesterabende erlebt, die unvergesslich sind. Das auf jeden Fall. Kurz nachdem sich die erste große Liebe meines Lebens ins Ausland abgesetzt hatte zum Beispiel. Oder der Abend, an dem ich eingeladen war und am Ende die Rechnung für meinen Anteil am Feuerwerk präsentiert bekam. Ein Feuerwerk, das der Gastgeber ohne das mit den Gästen abzusprechen, besorgt und auch ausschließlich selbst gezündet hatte.

 

Dann war da der erste Abend in einer geschlossenen Gesellschaft. Die Liebe war schon seit Monaten wackelig. Und sie hatte sich am Nachmittag einen Zahn ziehen lassen. Trotz weniger Schmerzen, war die Stimmung gedrückt und Mitternacht ließ sich auch durch meine Polonaise-Verweigerung nicht schneller herbei zaubern.

Am Morgen nach einem Silvesterabend, der besonders schön werden sollte, ..und auch irgendwie wurde, weil ich mit meiner damaligen Freundin ins Neue Jahr ..naja.. hatte, erfuhr ich dass ein befreundeter Arbeitskollege jemanden erschossen hatte.

 

Und dann war da noch der Silvesterabend an dem mich eine „Freundin mit Benefits“ unter angedeuteten Tränen dazu gebracht hatte, mit ihr ins Neue Jahr zu „feiern“. OK, wenn man das Musikantenstadl und den süßsauren Moderator mag, ist das völlig in Ordnung. Auch wenn man aushalten kann, dass auf dem anderen Kanal, zu dem man natürlich keinesfalls zappen darf, vier Stunden Elvis zumindest ein wenig, ….

 

Aber es gab auch angenehme Silvester-Abende. Einmal zum Beispiel, besuchte mich eine Spontan-Bekanntschaft aus einem Forum für Einsame. Und sie blieb bis zum Morgen. Was in Verbindung mit meiner allsilvesterlichen Lebens- und Jahresbilanzierung in Sachen Liebe, dann doch wieder zu einem faden Nachgeschmack führte.

 

Es ist sicher bis hierher klar geworden, dass es kein Wunder ist, dass mir die berechtigt vergessenen, weil langweiligen Silvesterabende noch am liebsten in Erinnerung sind.

 

Und so versuche ich in den letzten Jahren recht erfolgreich, mich in meiner genüssliche Einsamkeit zu verbarrikadieren. Kontakt nur online. Und nur mit Menschen, die nicht doch noch kurz vor 22:00 meinen, ..“so weit wäre der Weg ja nun doch nicht!“.

 

Ein bisschen Fernsehen. Ein bisschen Alkohol. Vor der nächsten Diät noch einmal richtig schlemmen. Feuerwerk vom Balkon aus beobachten. Das ist es!

Und das ist gut.

 

Selbst eine neue, sehr erfreuliche und sehr sichere Bindung kann mich von dieser Strategie erst abbringen, wenn mich noch einige dieser so friedlichen Jahreswechsel zu langweilen beginnen. Und das sehe ich noch nicht. Aber ich habe mich ja auch schon oft getäuscht.

 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass sie den Jahreswechsel so gestalten oder gestaltet bekommen, dass sie sich so wohl damit fühlen, wie ich mich mit meinem Sofa-Silvester fühle, ...und werfe ein paar virtuelle Knallerbsen in den Raum!


*Ich bitte nochmals um Verständnis dafür, dass ich Kommentare bewusst nicht lese! Erfahrungen, auch auf anderen Plattformen haben gezeigt, dass die Beschäftigung mit Rückmeldungen stark meine weiteren Texte beeinflussen. Das möchte ich verhindern. Für eine gute ..oder auch schlechte Bewertung bin ich aber sehr dankbar.*

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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