Ernst Dr. Woll

Sekten und Hexerei

Über die bekannte Hexerei

hört man noch heute allerlei;

sie hat, so wird oft berichtet

schon viel Unheil angerichtet;

dabei ist besonders zu nennen

das einstige Hexenverbrennen

und wie auch einige Sekten

immer wieder Ängste weckten.

Ich will deshalb eine Story erzählen,

wie Menschen, dabei Menschen quälen.

 

Es ist nunmehr ungefähr 80 Jahre her, dass ich oft und gern den Erzählungen meiner Großmutter lauschte, die auch viele Geschichten über Hexerei wusste. Sie beließ es nicht dabei mir die Geschichte von „Hänsel und Gretel“, in der die furchterregende Hexe vorkommt, vorzulesen. Sie berichtete von Episoden in denen Zauberei und Aberglaube eine große Rolle spielten. So erzählte sie mir eine Geschichte bei der ich sogar vermutete, dass sie bei dieser selbst beteiligt war. Sie gab aber den Handelnden andere Namen als die, die ich aus unserer Verwandtschaft und meiner Umgebung kannte und behauptete, solche Begebnisse müssten anonym bleiben. Diese Menschen und deren Nachkommen könnten sonst in einen schlechten Ruf geraten.

Das achtjährige Mädchen, dessen Lebensweg und deren Begegnungen mit der Hexerei ich erfuhr, nannte meine Oma Elfriede. Es wuchs in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in einem Ostthüringer Bauernhof auf – das stimmte sogar mit dem Lebenslauf meiner Großmutter Ida überein. Elfriedes Schulkamerad, den diese vom ersten Schultag an als ihren Freund auserkoren hatte, gab sie den Namen Franz, dessen Eltern waren ebenfalls Bauern. Sie besuchten die Dorfschule, in der alle Kinder von der 1. bis zur 8. Klasse in einem Raum unterrichtet wurden.

Beide mussten schon als Kinder tüchtig in der Landwirtschaft mitarbeiten. In ihrer geringen Freizeit spielten sie aber gern zusammen. Im Sommer war das in Wald und Flur problemlos aber im Winter und bei sehr schlechtem Wetter mussten sie geschützte Stellen aufsuchen. Sie fanden den Kuhstall der Eltern von Franz, die in allem sehr großzügig waren, günstig. Elfriedes Eltern durften von diesem Zusammensein nichts mitbekommen. Den Kindern machte es Spaß, schon den Kälbern Jungen- und Mädchennamen zu geben. Ein sehr munteres schönes Kalb taufte Franz Elfriede, worüber diese erst schmollte es aber dann akzeptierte, als er ihr die ganzen Vorzüge dieses Tieres geschildert und gezeigt hatte.

Franz musste schon als Zehnjähriger allein die Kühe auf der Weide hüten. Gern gesellte sich Elfriede dazu. Sie setzten sich hinter einem Busch nebeneinander und er erzählte ihr in einfacher verständlicher Weise einige Märchen, die er aus Büchern und von Erzählungen seiner Eltern kannte. Derartige Märchenerzählungen gab es in Elfriedes Elternhaus nicht, da wurde nur in der Heiligen Schrift gelesen und nur über diese Themen gesprochen. Sie gehörten einer strengen Sekte an. Elfriedes Vater hätte sie bestimmt ganz schlimm verprügelt, wenn er herausbekommen hätte, dass die beiden Kinder im nahen Fischteich manchmal badeten. Als Badekleidung behielten sie ihre Schlüpfer und er seine Unterhose an und es gab Probleme, diese wieder rechtzeitig trocken zu bekommen.

Die Zwei waren ungefähr 13 Jahre alt, da wurde ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Im Dorf war eine Rinderseuche ausgebrochen und Elfriedes Vater behauptete, die Ursache wäre das gottlose Verhalten einiger Bauern. Besonders die Eltern von Franz nahm er ins Visier und bezichtigte sie der Hexerei. Dazu kam heraus, dass sich Elfriede manchmal heimlich mit dem Jungen Franz getroffen hatte. Sie durfte nicht mehr zur Schule gehen, alle ihre Schritte wurden bewacht und kontrolliert, sie wurde regelrecht eingesperrt. Es gelang ihr nicht einmal ihren Freund zu benachrichtigen, der aber glaubte, sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben und die Freundschaft aufkündigen.

Das Zerwürfnis der Familien zog solch große Kreise, dass sich das Amtsgericht damit beschäftigen musste. Auch das Kind Elfriede sollte Zeugenaussagen machen, vor allem über die Rinder im Gehöft der Eltern von Franz. Ihr Vater hatte herausbekommen, dass sie mehrmals mit dem Jungen im Stall gewesen war. Nach Forderung ihres Vaters sollte Elfriede bestätigen, dass die Rinder dort alle Menschenvornamen hätten und als erste im Dorf von der Seuche betroffen gewesen wären. Sie weinte vor den hohen Herren des Gerichts und brachte mühsam nur die Worte heraus: „Dort gibt es keine kranken Rinder, sondern liebe niedliche Kälber und gute Kühe.“ Damit war sie bei ihrem Vater gänzlich in Ungnade gefallen, er drohte, sie zu verstoßen. Dem Amtsrichter muss sie sehr Leid getan haben, denn er erreichte, dass sie mit 14 Jahren von ihren Eltern weg kam und in der Stadt bei einer reichen guten Herrschaft als Dienstmädchen mit Familienanschluss aufgenommen wurde. Elfriedes Vater wurde wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe verurteilt.

Meine Großmutter sagte mir damals als Kind, als sie mir diese Geschichte erzählte: „Vor ein paar hundert Jahren wäre diese Geschichte ganz anders ausgegangen, da wäre vielleicht die Mutter von Franz als Hexe angeklagt worden. Elfriedes Vater hatte nämlich vor Gericht ausgesagt, dass diese Frau den Kühen die Namen gäbe und auch oft Heilkräuter sammeln würde, die sie bei Tieren und Menschen als Heilmittel anpreise. Er wisse aber es seien Teufelskräuter, wovon die Geschöpfe noch schlimmer erkrankten. Gegen diese Frau wäre bestimmt ein Hexenprozess eröffnet worden.

Nach dem großen Schmerz, den Elfriede durchlitt, war es aber letztlich ein großer Glücksfall für sie, dass Franz nach Abschluss der Volksschule ebenfalls in die Stadt zu einem Viehhändler in die Lehre kam. Sie trafen sich deshalb nach einem reichlichen Jahr wieder. Fortan ließen sie sich nicht mehr aus den Augen und mit 21 Jahren, als sie volljährig wurden, heirateten sie. Franz übernahm den Bauernhof der Eltern – er wurde ein fortschrittlicher, geschätzter Landwirt und Elfriede eine glückliche zufriedene Bauersfrau.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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