Olaf Lüken

Das Wesen des Geldes

Jeder hat Geld, keiner hat genug davon. Man hasst es, wenn es fehlt, man empfängt es mit
offenen Armen. Man spricht nicht gern davon, man denkt stets daran. Es ist das Blut der
Wirtschaft. Werkzeug für alles, Instrument des Erfolgs, Symbol der Macht, die Macht
schlechthin. Es heilt, es macht krank, es rettet, es tötet. Es schlägt, es zirkuliert, es macht
fruchtbar, es verschwindet, es korrumpiert, es macht groß, es geht von Hand zu Hand. Es
ist verdient, es ist unrein. Man gebraucht es, man träumt davon, man versteckt es, verach-
tet es, betet es an. Man häuft es an, es wird zum Schatz. Dann aber wird es unproduktiv.
Man verleumdet es, man schwört ihm ab, man meidet es. Die Menschen betrachten Geld
mit ihren geheimsten Gefühlen, ihren Rivalitäten, Erfolgen, Frustrationen, ihren Ehrgeiz,
ihrem Groll.

Nachts steht es auf, nimmt Gestalt an, dominiert, erleuchtet, beschützt, vernichtet. Es ist
ein Truggott, den man anfleht und den man fürchtet. Es ist der Sündenbock für unsere
Übel und ist überall zur Hand, es bewegt ständig das Gemüt, es ist das Maß, man hat es
zum Objekt gemacht. Jeder braucht es, jeder will es.

Geld unterscheidet sich von allen anderen Dingen des Lebens dadurch, dass es sich in
alle Dinge des Lebens verwandeln kann. Aus Geld wird Brot, Stein, Kleidung, Auto, Lu-
xus. Aus Geld wird Aufmerksamkeit, Hochachtung, Attraktivität, Enttäuschung, Neid, Hass
und Krieg. Geld hat Macht, die es jenem verleiht, der es besitzt und jenem nimmt, der es
verliert. Diese Macht beruht auf der weltweit seit langem gültigen Überzeugung, dass Geld
einen Wert hat. Wo diese Überzeugung schwach ist oder ins Wanken gerät hat es weniger
Wert oder verliert ihn. Wenn morgen früh alle Menschen aufwachen und in Geld nichts
anderes sehen als den realen Wert, den der bedruckte Schein auf das gestanzte Metall
repräsentiert, wäre die Weltordnung zerstört.

Oder ?

(c) Olaf Lüken

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