Gertraud Widmann

Ein ganz besonderes Hotel


Wer von unseren Freunden damals auf die glorreiche Idee gekommen ist,
ausgerechnet in diesem abgelegenen Hotel in Tirol Silvester zu feiern, das
weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass es ein Abend wurde, an
den wir uns nach fast vierzig Jahren immer noch erinnern können!

Losgegangen ist`s eigentlich schon mit der Fahrerei, denn obwohl mein
Mann ud ich als Beifahrer gänzlich ungeeignet sind, haben wir uns damals
breitschlagen lassen, im Auto meines Bruders mitzufahren. Also zwängten
wir uns am 31. Dezember, so gegen Mittag, auf die unbequeme Rückbank
seines Opels und fuhren in Richtung Österreich.
   Es schneite (noch) leise vor sich hin, doch je näher wir den Bergen kamen,
desto heftiger wurde das Schneegestöber. Mein Bruder, ein wirklich guter
Autofahrer, umklammerte bereits äußerst krampfhaft das Lenkrad - seine
Frau gab die „Kommandos“. Mein Mann und ich hielten uns an den Händen
und sahen ängstlich rechts und links aus den Fenstern.
   Das Schneechaos war noch nicht das Schlimmste, denn um das Hotel zu
erreichen, mussten wir zu guter Letzt auch noch - haarscharf am Abgrund
entlang - völlig vereiste Serpentinen hinauffahren ... Als wir es schließlich
nach einer Ewigkeit und Blut und Wasser schwitzend, geschafft hatten, da
brachte ee meine Schwägerin auf den Punkt:
   »I brauch jetzt erst amoi an Schnaps!  «.

Aber vorerst standen wir vier einsam und verlassen samt Gepäck an der
Rezeption. Diese war wohl wegen der Silvester-Vorbereitungen gerade
mal nicht bestzt. Kurz darauf rannte ein junges Mädchen auf uns zu. Völlg
abgehetzt, mit zerzausten Haaren und gerötetem Gesicht, gab sie uns die
Zimmerschlüssel und fügte noch schnell hinzu:
   »Die Meldezettel könnt`s später auch noch ausfüllen, ich hab` jetzt keine
Zeit! « und weg war sie.
Wir genehmigten uns jetzt erst einmal an der Theke - Bar wäre übertrieben
gewesen - den wohlverdienten Schnaps.
Inzwischen trudelten auch die restlichen drei Ehepaare der Reihe nach ein
und jedes Mal gab`s ein großes Hallo. Logisch, dass es dadurch in dieser
Gaststube etwas lauter wurde.
Schon begannen die älteren Einheimischen zu granteln:
   »Schauts nur, wia se de Staderer (Städter) wieder aufführ`n.«.

Aber egal, wir suchten jetzt  erst einmal unsere Zimmer auf, machten uns
„hübsch“ und trafen uns dann alle so gegen halb acht Uhr im Restaurant
wiieder. Da ging`s auch schon los, denn der für uns reservierte Tisch war
weder eingedeckt, noch war er ein bissl festlich geschmückt; im Gegensatz
zu den anderen Tischen.
   »Wenn ihr`s nicht  erwarten könnt, bis wir fertig sind, müsst ihr`s selber
machen! «, maulte der Oberkellner. Dann warf er ein paar Tannenzweigerl
auf den Tisch, stellte eine Kerze und einen Krug (!) mit Besteck dazu und
weg war er wieder.
Auch recht, decken wir den Tisch halt selber, durch solche Lapalien lassen
wir uns doch nicht unsere gute Laune verderben!
Eine Tischdecke konnten wir zwar nicht auftreiben, aber immerhin einen
Packen Weihnachtsservietten. Und schon wuselten wir fünf „Mädls“, in
unseren langen, eleganten Kleidern, lachend um den Tisch herum ... Von
der „Hautevolee“ des Ortes ernteten wir dafür nur verständnislose Blicke.

Aber nichtsdestotrotz, wir hatten alles hübsch dekoriert, das anschließende
Menü war einfach köstlich, wir lachten, tranken und tanzten - die eWelt war
in Ordnung. Bis …
Ja bis so um zweiundzwanzig Uhr die „Dame des Hauses“ anrückte und von
jedem 50 Schilling (7 Mark) „Musiksteuer“ kassieren wollte! Was sollte jetzt
das? Wir waren doch Hotelgäste, und hatten für drei Tage und drei Nächte
gebucht, könnte man denn das nicht auf die Rechnung setzen?
   »Außerdem habt ihr die Meldezettel noch immer net ausg`füllt. «, nörgelte
sie weiter und warf diese schwungvoll auf den Tisch!
Ja wo sind wir denn hier eigentlich? Und unterschreiben tun wir um diese
Uhrzeit schon gleich gar nix mehr!
   »Wenn ihr nicht s o f o r t die Musiksteuer bezahlt und die Anmeldungen
ausfüllt, dann nehmen wir euch die Pässe ab und holen die Gendarmerie! «,
drohte sie.
Jetzt wird`s aber „hint höher wia vorn“, wie man in Bayern sagt. Höflich aber
bestimmt wiederholten wir: „Die Musiksteuer bittschön auf die Hotelrechnung
setzen, die Meldezettel füllen wir morgen nach dem Frühstück aus!“.
Kurz d`rauf war die Polizei da ...
   Das Gespräch mit den zwei reundlichen Gendarmen war eigentlich recht
kurz. Sie erkannten sehr schnell, dass wir keine „Grattler“ (schäbige oder
heruntergekommene Typen) waren und den Vorschlag - die Hotelrechnung
betreffend - fanden sie völlig in Ordnung. Die Frau Wirtin rauschte daraufhin
wütend von dannen. Die beiden Polizisten tippten grinsend an ihre Mützen,
 wünschten uns noch „a guats Neis“ und verließen das Hotel.
So kam`s, dass wir uns erstmalig die Frage stellten, wer denn wohl diese
saublöde Idee gehabt hatte, hierher zu fahren?

Wir gingen zurück ins Lokal und saßen noch nicht richtig, da steuerte auch
schon wieder der Ober auf uns zu. Mit einem arg z`widernen (missmutigen)
Gesicht warf er ein paar kleine Hütchen und Wattebällchen auf den Tisch
um gleich darauf seine Geldtasche zu zücken.
   »Wenn`s ihr nacha des Feuerwerk drauß`n auf der Terrasse oschaung
wollt`s, müsst`s jetzt eier Zech zoin (bezahlen)! «, leierte er herunter.
Ja Herrschaftszeiten, hört denn das hier nie auf? Hatte man denn Angst,
dass wir mitten in der Nacht abhauten?
   »Ich sing`s jetzt nacha«, sagte mein Mann unnatürlich ruhig und langsam.
»Bitte, setzen sie A L L E S auf die Hotel-Rechnung und fertig! «.
Der Oberkellner resignierte anscheinend und entfernte sich kopfschüttelnd.

Mitternacht rückte näher und langsam wurde es Zeit die Bar aufzusuchen.
Hinweispfeilen folgend stiegen wir in einen muffig riechenden und eiskalten
Keller hinunter. In einem größeren Abstellraum, wo Bierträger und allerlei
Gerätschaften notdürftig mit Planen abgedeckt waren, dienten zwei, mit rot
weißem Papier überzogene, Biertische als Bar. Von der Decke baumelten
rote Glühbirnen und ein paar armselige Luftschlangen. Zu diesem ganzen
„Ambiente“ fiel mir spontan der Spruch von Heinz Rühmann ein:
„Hübsch hässlich habt ihr`s hier“.
Was soll`s, bestellen wir uns erst einmal Sekt.
   »Duat ma sakfrisch laad«, nuschelte der Typ hinter der Theke, »mi hat der
Lieferant vasetzt - an Kellergeist oda an Obstler hätt i zu bieten!? «.
Wir sahen uns ungläubig an und mein Bruder sinnierte laut vor sich hin:
   »Also irgendwia is des alles net a so, wia mir uns des vorg`stellt hab`n! «..
Dann prustete er los und wir lachten bis uns die Tränen kamen.

Plötzlich quäkte es aus einem Lautsprecher:
„... drei, zwei, eins - Prosit Neujahr!“
Wir stießen also mit dem herrlich prickelnden Kellergeist an, umarmten uns
der Reihe nach und wünschten uns Glück fürs Neue Jahr. Dann verließen wir
fast fluchtartig dieses ungemütliche Gemäuer.
Droben im Lokal herrschte immer noch Jubel, Trubel, Heiterkeit- Die Band
spielte zum x-ten Mal an diesem Abend „Rock Your Baby“. Während wir den
vorzügliochen Kellergeist „vernichteten“, sahen wir durch die geöffnete
Terrassentür noch vereinzelte Raketen in den Tiroler Nachthimmel fliegen.

Bei ausgelassener Stimmung saßen wir noch geraume Zeit beisammen und
ließen diesen Silvesterabend noch einmal Revue passieren. Doch schließlich
hatten wir genug und meine Schwägerin (!) gab das Kommando:
   »Jetzt ab in sämtliche Betten!«.
Da fing plötzlich einer unserer Freunde an:
   »Also ich bleib hier keinen Tag länger ...! «.
   »Wir auch nicht! «, sagten die Nächsten.
Und auf einmal waren wir uns alle einig, dass wir gleich nach dem Frühstück
dieses Hotel verlassen wollten!
Freilich, das würde wieder Ärger geben (gab`s dann auch), vielleicht würde
man uns auch wieder mit der Gendarmerie drohen (?), aber was soll`s.
Wir diskutierten noch ein Weilchen, dann zogen wir uns der Reihe nach inn
nsere Zimmer zurück.
Dass kurz drauf das Bett meines Mannes (wohlgemerkt ohne unser Zutun)
zusammenbrach, das war dann der „krönende“ Abschluss ... Aufgeregt hat
uns das aber nicht wirklich, es führte lediglich zu einem neuen Lachanfall.
   Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging, bis auf das Genörgel der
Wirtin, eigentlich alles recht „gesittet“ - und ohne Einsatz der Gendarmerie -
über die Bühne und wir konnten dieses "ganz besondere Hotel" verlassen.

Übrigens, ein paar Kilometer weiter fanden wir schließlich ein kleines, an
einem See gelegenes, Hote das uns „aufnahm“.  Wir verbrachten dort noch
zwei wunderschöne Tage ...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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