Matthias Neumann

Der Knopf

Der Knopf

 

Herr Jakob stieg aus dem Auto. In der Eile hatte er den Schlüssel in die linke Hosentasche gesteckt. Er wechselte die Aktentasche von der linken in die rechte Hand, als das Unglück geschah. Der Daumen geriet unter den Saum des Hemdes. Bevor es möglich war zu reagieren, war es schon zu spät, die schwungvolle Bewegung ließ sich nicht mehr stoppen. Ein Knopf löste sich. Es verursachte kein Geräusch, als der Faden riss. Mit einem leisen, kaum wahrnehmbaren Klappern, landete der Knopf auf dem Boden. Für Herrn Jakob hörte es sich an wie das Tosen eines Sturmes, der ganze Häuser mit sich riss.

In Wirklichkeit geschah gar nichts, Die Welt drehte sich weiter, unbeirrt setzten die anderen Personen in der Umgebung ihren Weg fort, die Dinge nahmen weiterhin ihren gewohnten Lauf. Doch etwas hatte sich bereits verändert. Im Verborgenen war etwas in Bewegung geraten. Für Herrn Jakob fühlte er sich an wie der Anfang vom Ende.

Wider besseren Wissens setzte er seinen Weg fort, tat so als wäre nichts Besonderes geschehen. War es Resignation? Das Hinnehmen des Unvermeidbaren? Oder stand dahinter der Drang der Verpflichtungen, hinter denen das eigene Befinden zurücktrat? Ein Beobachter hätte das kurze Zögern gar nicht bemerkt. Herr Jakob griff nach dem Schlüssel, betätigte den Schalter und ging weiter.

Wie jeden Morgen schritt er auf den Eingang des Gebäudes zu. Ein Vorgang bis zur Unendlichkeit wiederholter Routine. Blind durchführbar, ohne nachzudenken. Ebenso das Öffnen der Tür. Doch senkte sich die Hand nicht auf den Griff, erstarrte mitten in der Bewegung. Herr Jakob konnte es sich nicht erklären. Er wollte eintreten. Doch etwas nicht Greifbares hinderte ihn daran. Er versuchte sich zu konzentrieren. Er sah, wie die Hand dem Türgriff näher kam. Langsam senkte sie sich. Auf einmal fing Herr Jakob an zu zittern. Sein ganzer Leib wurde von Schauern erfasst, die Zähne fingen an zu klappern.

Herr Jakob erkannte den Auslöser und gab sein Unterfangen auf. Eilig trat er ein paar Schritte von der Tür zurück. Sofort wurde ihm wohler, das Zittern ließ ein wenig nach. Ratlos stand er da.

Ein Kollege schritt an ihm vorbei. Ihm gelang der Zugang problemlos. Er blickte auffordernd zu Herrn Jakob, hielt ihm die Tür auf. Dieser täuschte durch eine Geste vor, etwas vergessen zu haben und drehte sich um.

Herr Jakob konnte sich nicht erklären, was gerade vor sich gegangen war. Was sollte er tun? Er wagte einen zweiten Versuch. Doch kurz vor der Tür machte er eine Drehung und ging daran vorbei. Er wollte neue Kraft und etwas Mut sammeln. Wie um Anlauf zu nehmen, umrundete er einmal das Gebäude. Doch schon der erneute Anblick des Eingangs ließ den Schwung versiegen.

Kann ich jetzt noch umkehren, wieder nach Hause gehen und mich krank melden?, fragte sich Herr Jakob. Denn eines stand für ihn fest: er würde es nicht schaffen, seinen Arbeitsplatz zu betreten. Doch bestimmt hatten ihn schon mehrere seiner Kollegen von drinnen gesehen. Sicherlich hatten sie sein ungewöhnliches Verhalten bemerkt und waren neugierig. Sein Fehlen würde sofort auffallen.

Auf einmal überkam ihn blanke Angst. Angst vor den Konsequenzen seines Verschwindens. Er sah sich gezwungen, nach drinnen zu gehen. Davor hatte er ebenfalls Angst. Diese überwog letztendlich. Mit unsicheren Schritten kehrte Herr Jakob in sein Auto zurück und sperrte die Welt aus.

Er überlegte. Es war unmöglich nach Hause zurückzukehren. Die Familie war dort. Sie wären genauso überrascht, wie die Menschen, denen er gerade zu entkommen versuchte. Sie würden Fragen stellen. Fragen, die Herr Jakob nicht beantworten konnte. Nicht einmal sich selbst.

Er entschied, zum nächsten Café zu fahren. Dort angekommen, ging er auf die Toilette, direkt zum Waschbecken. Er drehte das Wasser auf. Weiter kam er nicht. Atemnot überkam Herrn Jakob. Sein Rachen war nicht groß genug, um so viel Luft auf einmal aufzunehmen, wie er benötigte. Mit Erstickungslauten rang er um jeden Zug.

Herr Jakob fand die richtige Lösung. Er war nur noch fähig, kurze Atemzüge auszuführen. Um trotzdem genug Luft zu bekommen, wurde er dabei immer schneller und schneller. Es half, die Krämpfe lösten sich. Es wäre gar nicht mehr nötig gewesen, weiterhin so zu atmen. Es war aber angenehm. Selbst die nagenden Ängste verflogen. Herr Jakob steigerte noch einmal die Geschwindigkeit seiner Atmung. Ihm wurde schwindlig, er musste sich abstützen. Auch das brachte ihn nicht dazu, aufzuhören. Er genoss die Seelenruhe. Er weinte.

Alles Weitere bekam Herr Jakob nur noch schemenhaft mit. Irgendwie landete er wieder im Café. Nach nicht zu ermessender Zeit stand er auf und lief. Ohne Ziel durchstreifte er die Stadt. Es mussten Stunden gewesen sein. Und irgendwann, zum ungefähren Zeitpunkt des üblichen Feierabends, stand er vor seinem Haus. Das Tor stand offen, hieß Herrn Jakob willkommen. Im selben Moment, in dem er seinen Fuß auf das Grundstück setzte, durchfuhr ihn ein heftiger Schmerz. Es geht wieder los, nur schnell hinein und hinlegen, dachte er sich, wollte sich endlich in Sicherheit bringen. Stattdessen wurden die Schmerzen mit jedem Schritt intensiver.

Herr Jakob erkannte, dass er auch an diesem Ort keine Erleichterung finden würde. Genau das Gegenteil war der Fall, hier war es am schlimmsten. Ihm fiel nur eine einzige Möglichkeit ein, alles wieder ins Reine zu bringen. Anfänglich noch taumelnd, dann zunehmend zielstrebiger, ging er dem Ziel entgegen. Hetzte, je näher er kam.

Nach einem langen, kräftezehrenden Lauf, erreichte Herr Jakob den Ursprung allen Übels: den Parkplatz seiner Arbeitsstelle. Den Standort, an dem er am Morgen geparkt hatte, konnte er nur schätzen. Fehlende Beleuchtung erschwerte das Vorhaben zusätzlich.

Fieberhaft suchte Herr Jakob nach dem Knopf, steigerte sich zunehmend in einen Wahn. Sein Verhalten wurde auffällig. Es dauerte nicht lange, bis jemand bei der Polizei anrief. Die Beamten versuchten mit Herrn Jakob zu reden, doch es war keine Verständigung möglich. Er beharrte nur auf die Dringlichkeit seiner Suche. Man entschied, ihn mitzunehmen. Zuerst sanft, dann immer bestimmter.

Herr Jakob bemerkte, dass man ihn an der Wiederherstellung seines Funktionszustandes hindern wollte. Er gebärdete sich immer wilder. Er schrie die Beamten an: „Sie können mich nicht mitnehmen, dann ist alles aus!“

Die Polizisten ließen sich nicht abbringen. Als sie Herrn Jakob an den Armen packten, entwand sich dieser dem Griff. „Dann ist alles aus!“, reif er noch einmal und riss sich das Hemd vom Leib, wobei alle verbliebenen Knöpfe absprangen.

Plötzlich verfiel er in einen abwesenden, regungslosen Zustand. Widerstandslos ließ er sich jetzt lenken. Auf der Wache ließen sich keine bewusstseinsverändernden Substanzen feststellen. Man konnte ihn in seiner Verfassung nicht gehen lassen, hielt einen Aufenthalt in einer Ausnüchterungszelle jedoch für unangemessen.

Nach einigen Telefonaten der Beamten und einer weiteren Fahrt, landete Herr Jakob in einer Psychiatrie. Da er nichts bei sich hatte, organisierte man ihm Kleidung. Er bekam ein neues Hemd, mit stabilen, fest sitzenden Knöpfen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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