Sven Eisenberger

Fliegende Schweine

Seit wann können Schweine fliegen? Wenn man der linguistisch orientierten Geschichtsschreibung da vertrauen möchte, schuf diese bis heute im Englischen gebräuchliche Redewendung ("Pigs might fly") einst im 17.Jahrhundert der Puritaner James Winthrop, nachdem er seinen gottesfürchtigen Fuß bereits auf nordamerikanischen Boden gesetzt hatte. Alle Achtung! Es handelte sich, so gesehen, also um einen frühen, ebenso originellen wie erfolgreichen sprachlichen Kolonialimport.
Ich persönlich verbinde mit diesem idiomatischen Glücksfall eher seine grandiose visuelle Umsetzung durch die britische experimentalmusikalische Band Pink Floyd (als sie noch eine solche war), die über dem ehemaligen Kraftwerk in Battersea, London, im Jahre 1977 ein Ballon-Schwein fliegen ließen, um auf diese Weise Reklame für ihr Konzeptalbum “Animals” zu machen: eigentlich als Gesellschaftskritik im Stile von George Orwells "Animal Farm" gedacht, habe ich es damals doch eher als musikalischen Frontalangriff auf das ethisch nicht verantwortbare Vege-tieren und industriell betriebene Töten in der modernen Massentierhaltung verstanden. Um historisch präzise zu sein: es war der 2.Dezember 1976, und London war schon mächtig vom Punk-Virus befallen, so dass man die Aktion sehr wohl auch als letzten widerständigen Geniestreich einer abdankenden Musikära feiern konnte. Der Ballon schien übrigens derart vom intelligenten Eigensinn des Schweins beseelt gewesen zu sein, dass er sich losriss und für kurze Zeit sogar den Flugverkehr über Heathrow in Bedrängnis brachte. Somit waren die anti-atavistischen Pink Floyd für einen Tag die einzig wahren Punks in England!

Seitdem habe ich mir in meiner Vorstellung immer wieder einen übergroßen Himmel voller fliegender Schweine herbeigesehnt. Das Unmögliche in Szene setzen, jedes einzelne Schwein ein Ereignis symbolisierend, das bis zu seinem Eintreten für absolut unmöglich gehalten wurde, so unbedeutend es auch erscheinen mochte.

Nostalgietrunken nehme ich Platz in der vorletzten Reihe meines Kopfkinos und lasse einige der fliegenden Schweine meines Lebens in chronologisch geordneter Erinnerungsparade vorbeidefilieren: mein erster Rückwärtssalto vom Einmeterbrett; der Moment, in dem ich den um zwei Köpfe größeren Anführer einer “gegnerischen Bande” in einem Anflug von jugendlichem Wutmut zu Boden geworfen hatte (das Nachspiel war leider weniger erfreulich); als verwilderter "Straßenköter" von besorgten Eltern in die evangelische Jungschar verbannt worden und dort auf den einzigartigen Pfarrer Mix getroffen zu sein, der mir die Welt der großen Erzählungen eröffnete (wie ich erst lange Zeit später erfuhr, war er selbst nach ´45 eines jener "Wolfskinder" in den ostpreußischen Wäldern gewesen); das plötzliche, spurlose Verschwinden meiner ersten großen Liebe – ausgerechnet eine Amerikanerin; in einer Mathe-Arbeit eine neue algebraische Formel entwickelt zu haben, die es mir erlaubte, erheblich schneller alle Aufgaben zu lösen als gar der reichlich irritierte Klassenprimus (war natürlich nur eine äußerst gelungen geglaubte Arbeit); ein verkorkster Abschlussball, der mir ganz zum Schluss doch noch eine betörende Tanzpartnerin herbeizauberte (ihren zierlichen Schuh bewahrte ich noch lange Zeit); als einziger Junge, der zu jener Zeit kaum weniger talentfrei war als seine Geschlechtsgenossen, mit einer Eins in Kunst beschenkt worden zu sein (Weißte noch, Petra? Ich war so beglückt, dass ich sogar deine Tasche im Kunstraum vergaß!); mit Fünfzehn nicht in einem reißenden Schweizer Gebirgsbach ertrunken zu sein (meine Eltern hatten wie stets überhaupt nichts bemerkt); ein in jeder Hinsicht unwahrscheinliches Cure-Konzert im Jahre 1980 in einer Kleinstadt namens Herford (Robert Smith trug sein Haar noch kurz in der legendären “Scala”); einmal ernsthaft gefragt worden zu sein, ob ich sie heiraten möchte (und sogar kurz überlegt zu haben); Borussia Dortmunds noch unwahrscheinlicherer Pokalsieg 1989 (welcher erste Löcher in die Mauer zu reißen vermochte, die dann wenige Monate später in Gänze fiel); es trotz erheblicher Verspätung gerade noch rechtzeitig zur Geburt des schönsten Babys der Welt geschafft zu haben, in der Einöde von Geseke (seitdem auch bekannt als westfälisches Bethlehem); in Bielefelds "Wilder Liga" einst zwei sehr schöne Kopfballtore in einem Spiel erzielt zu haben (eines ins gegnerische, eines ins eigene Tor); eine im Rückblick aberwitzig erscheinende Offerte für eine Professur (die an einer verschlampten Dissertation scheiterte); den Sinn des Lebens mit einer atemberaubend poetischen Tochter wiederentdeckt zu haben; ein unvermutet ins Vietnamesische übersetztes Gedicht von mir (das ich nicht einmal phonetisch lesen kann).

Wie es mir überhaupt einfallen konnte, über “fliegende Schweine” zu schreiben? Nun, zum einen weiß ich manchmal ehrlich nicht, wohin mit all der Schweine-Traurigkeit, die mich befällt; und welches Schwein wünschte sich nicht die errettende Flugfähigkeit angesichts all der irdischen Schrecken!? Zum anderen kam mir diese Redewendung unwillkürlich wieder in den Sinn, als ich jüngst die dunkle Gestalt des sich gern volkstümlich gebenden Herrn Tönnies - auch bekannt als "Darth Vader" des Fleischimperiums - inmitten der einfachen Anhängerschaft des von ihm weithin finanzierten Fußballclubs erblickte. Jäh wurde ich daran erinnert, dass die meisten Schweine nur einmal, und dann auch nur bescheiden niedrig fliegen – wenn sie nämlich ausblutend über dem harten Kachelboden der Bolzenschuss-Realität hängen. Porca miseria!
Menschheitsgeschichtlich betrachtet ist es wenig überraschend, dass sich an den grausamen Exzessen der industriellen Massentierhaltung, die bereits Roger Waters vor vier Jahrzehnten bewegten, nichts geändert hat. Hierzulande könnte man auch larmoyant hinzufügen: fast so, als hätte es einen Horst Stern damals nicht gegeben. Doch man kommt nicht umhin festzustellen, dass die Verhältnisse globalisiert noch schlimmer geworden sind: die Massenmörder sind unterdessen sogar (wieder) gesellschaftsfähig geworden. Ein finsterer Kadaverkönig und Totalverwertungs-Milliardär wie der feine Herr T. hätte sich damals in den 1970er Jahren nicht so einfach unter den gemeinen Fußballpöbel mischen können, ohne Bekanntschaft mit einer echt proletarischen Schalker Faust zu machen! Wahrscheinlich wäre er gar unversehens gekidnappt worden, um mit den Lösegeld-Millionen ganz Gelsenkirchen und Umgebung zu sanieren; mit dem schönen Nebeneffekt, dass man das Räderwerk der Tötungsindustrie vielleicht kurzzeitig hätte anhalten können. Aber unter der Masse der Fußballfans nach einem Anker für gesellschaftliche Utopien zu suchen, wäre ebenso erfolgversprechend wie eine Halbzeitpausenbefragung durchzuführen zur Frage, was unter “retrograder Amnesie” zu verstehen ist. Dabei wäre es so einfach: Versteckt unter der richtigen Currysauce merkte doch kein Schwein, ob die Wurst aus Tofu ist! Und leichter verdaulich wäre sie obendrein auch noch. Oder einfach zwei Euro mehr zahlen für ein Produkt aus artgerechter Tierhaltung, das zudem eindeutig besser schmeckt.
Doch leider findet man den Fleischersatz vorwiegend nur noch in den Köpfen - eben dort, wo er am allerwenigsten hingehört. Sofern sich überhaupt noch rote Fahnen an der Emscher finden lassen, repräsentieren sie nur noch den Einzug der schamlosen “Blutokratie” aus der westfälischen Einöde. Aber, tröste dich Blau-Weiß, über meiner geliebten Roten Erde fliegen auch schon lange keine Schweine mehr!

Hosianna, möge der Tag kommen, an dem alle Schweine dieser Welt einmal hoch fliegen und ihren Schlächtern das Blut in den degeneriert blässlichen Adern gefriert! Bis dahin sorge ein Jeder dafür, dass fliegende Schweine wenigstens hin und wieder sein Leben bereichern. Sie könnten ihm in Erinnerung rufen, dass nichts und niemand auf Erden zu einem Schweineleben verdammt sein sollte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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