Wolfgang Küssner

Ammenmärchen

Der Leser wird es kennen; vielleicht werden sogar Erinnerungen geweckt: Es war einmal ein kleines süsses Mädchen, das hatte jedermann lieb..., so beginnt das Märchen Rotkäppchen. Es war einmal ein Müller, der arm war, aber er hatte eine schoene Tochter... lauten die ersten Woerter beim Rumpelstilzchen. Oder: Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben... sind bei Die Sterntaler zu lesen. Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind..., heißt es in der ersten Zeile von Rapunzel. Es war, es war, es war einmal... Beim Lesen dieser Woerter ist sofort klar, das nun folgende ist kein Ammenmärchen, sondern nur ein Märchen. Lehrreiche, fantasievolle, hin und wieder recht schockierende, gar grausame Geschichten aus einer Zeit, die vergangenen ist, nicht näher fixiert wurde.

Märchen ist vom mittelhochdeutschen Wort maere abgeleitet und meint soviel wie einen Bericht zu überbringen, von etwas Kunde zu tun. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an den Deutschunterricht, das mittelhochdeutsche Gedicht von den Nibelungen: Uns ward in alter Maeren, wunders vil geseit, von helden lobebaeren, von grozer arebeit.... In Märchen nun tummeln sich Riesen, Hexen, Zwerge, Zauberer, Fabeltiere wie Drachen oder auch Geister. Märchen sind zeitlos, einfach frei erfunden, ohne jeglichen realen Hintergrund; sie sollen lediglich die Fantasie jener anregen, die diese Geschichten erzählt bekommen oder gar vorgelesen hoeren dürfen.

Manchmal kommen diese fantasievollen Geschichten allerdings recht grausam daher. Dornroeschen wird in der franzoesischen Fassung vor dem weckenden Kuss noch schnell vergewaltigt. Bei Hänsel und Gretel sollen zwei Kinder sterben und es wird eine alte Frau verbrannt; bei Frau Trude verwandelt eine hexenhafte Frau ein neugieriges Kind in einen Holzblock und wirft diesen ins Feuer; da will eine Mutter ihre Tochter aus der Welt schaffen, ihre Eingeweide verzehren und dann muß sich Schneewittchen zu Tode tanzen; ein Herr, vornehm daherkommend und Blaubart geheißen, stellt seine Frau auf eine toedliche Probe.

Märchen waren seit ihrer Existenz immer umstritten. Bei Kindern sollten diese Warnmärchen ein bestimmtes Verhalten einleiten; andererseits war und ist die Grausamkeit Teil unserer Welt und darf nicht verschwiegen werden. Dennoch schien es ratsam, ursprünglich grausame Fassungen zu entschärfen. Diese harte Kost für die Kleinen koennte – wie oben angefangen – fortgesetzt werden. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal zu erzählen wäre.

Dem Märchen sehr ähnlich ist die Sage, eine meist mündliche Überlieferung von einst Gesagtem (saga); voller Ereignisse, die unsere Wirklichkeit übersteigen lassen. Sagen werden meistens mit realen Begebenheiten, mit Orten und Personen in Verbindung gebracht und erwecken so den Eindruck einer Realität. Auch in den Sagen sind übernatürliche Wesen in Aktion, treiben Elfen und Zwerge, Riesen, vermenschlichte Pflanzen oder Tiere ihr Wesen bzw. Unwesen. Und dennoch sind wir in Punkto Realität bei der Sage näher an der Wirklichkeit, als im Märchen.

Wir kennen Mythen bzw. Goettersagen, die uns etwas von der Erstehung der Welt erzählen. Wir kennen Heldensagen, die uns die Gier, Machtpolitik und die kriegerischen Umtriebe berühmter Herrscherhäuser näher bringen. Und wir kennen die Volkssagen, in denen uns die Alltagswelt durch Feen und mittels Zwergen, dämonischen Kräften und Naturgeistern vorgeführt wird. Eine Schlußfolgerung aus dieser Art der Erzählungen ist allerdings nicht zulässig: Sagenhaft meint nicht das Einsitzen für das Sagen einer Unwahrheit; das Inhaftieren für das Erzählen einer falschen Sage.

Unter zeitlich-historischem Aspekt wabern Märchen in einem recht nebuloesen Raum. Die Sagen sind da schon etwas konkreter, griffiger. Und noch mehr historische Wahrheit findet der Leser in der Legende. Das Wort wird von dem mittelalterlich-lateinischen Begriff legenda abgeleitet, was soviel wie das, was zu lesen ist, das Vorzulesende oder die zu lesenden Stücke bedeutet. Die Legenden stehen also in einer gewissen Verbindung zur Literatur. Der Leser wird vielleicht jetzt an Heiligenlegenden und ihren Wundertaten, an politische Legenden denken und immer schwingt ein Stückchen Wahrheit mit.

Das sieht für Ammenmärchen ganz anders aus. Der Begriff ist wohl irgendwann im 18. Jahrhundert entstanden, als es Aufgabe der Ammen war, Kinder wohlhabender Leute mit unglaublichen Geschichten zu unterhalten, zu disziplinieren, in den Schlaf zu lullen. Immanuel Kant spricht 1798 von Gräuseln, womit Ammenmärchen in später Abendzeit die Kinder zu Bette jagen.

Sind die Kinder durch erdichtete Erzählungen, Ammenmärchen und Geistergeschichten abergläubisch und furchtsam gemacht, so mache sie der Lehrer vertraut mir den Gesetzten der Natur; denn nichts kann sie dann sicherer heilen, als die Kenntnis der Natur und ihrer Gesetzte, heißt es in einem pädagogischen Ratgeber von 1840. Ammenmärchen sind alles andere als Kinderkram.

Längst gibt es keine Ammen mehr, doch bis auf den heutigen Tag werden Kinder als auch Erwachsene immer wieder mit diesen – jetzt allerdings hochaktuellen – Märchen beeinflußt, diszipliniert, manipuliert. Der Leser glaubt es nicht? Hier ein paar Kostproben:

Im Dunkeln zu lesen, schadet den Augen. Im Gegenteil: Die Augen werden trainiert.

Bei Durchfall hilft das Trinken von Cola. Im Gegenteil: Durchfall führt zu hohem Flüssigkeitsverlust. Cola enthält Koffein, was die Niere zu weiterer Entwässerung anregt.

Bei Kälte wärmt Alkohol den Koerper auf. Im Gegenteil: Alkohol oeffnet die Gefässe, läßt den Blutdruck sinken und sorgt für eine zügige Abkühlung des Koerpers.

Christen sind immer friedliebende Menschen gewesen. Na! Na! Das ging ja schnell mit dem Vergessen: Sünde und Ablaßhandel, Hexenverbrennung und Kreuzzüge, die weitgehende Vernichtung der amerikanischen Urbevoelkerung. Das „Dritte Reich“? Mord, Verfolgung, Judenvernichtung, Waffensegnung. Alles ohne die Beteiligung von Christen?  Unglaublich!

Vollwertkost sei gesund. In Maßen schon, doch bei zu hohem Verzehr gesundheitsschädlich, denn Nüsse, Wurzeln, rohe Koerner sind schwer verdaulich, werden im Darm mit Bakterien versetzt, die Gifte entstehen lassen, Darmschleimhaut und Immunsystem angreifen.

Alkoholfreies Bier ist alkoholfrei. Stimmt nicht: Ein Bier ohne Alkohol darf sich gar nicht Bier nennen. Ein Bier wird als alkoholfrei bezeichnet, wenn es weniger als 0,5 % Alkohol enthällt.

Flüchtlinge gefährden unseren Wohlstand. Im Gegenteil: Die für und an Flüchtlinge gezahlten Leistungen wirken wie ein kleines Konjunkturprogramm mit einem Wachstumsanteil an der deutschen Wirtschaft von 0,3 Prozent in 2016. Und die schnelle Integration in sozialversicherungspflichtige Jobs sichert unsere Rente.

Onanieren macht blind. Falsch: Denn jeder, der es getan hat, kann sehen. Manchen wurden sogar erst richtig die Augen geoeffnet. Nicht so gern sahen dieses Verhalten Kirchenväter und nannte es Sünde.

Das Meer ist blau, weil es den Himmel reflektiert. Umgekehrt wird ein Schuh daraus; der Himmel ist blau, weil das verdunstete Wasser ihn färbt. Schließlich gibt es auch über Nord- und Ostsee blauen Himmel.

Nach tausend Schuß sei Schluß. Falsch: Männern steht nicht nur eine bestimmte Menge an Sperma zur Verfügung. Übung trainiert außerdem die Koerperfunktionen.

Polen überfielen 1939 den deutschen Sender Gleiwitz und loesten den 2. Weltkrieg aus. Falsch: Es waren deutsche Soldaten in polnischen Uniformen die durch diese inszenierte Aktion namens Unternehmen Tannenberg den Führer der Deutschen zu der Aussage veranlaßten: Seit 5.45 h wird jetzt zurückgeschossen. Mit dem Überfall auf Polen begann der Zweite Weltkrieg.

Kolumbus entdeckte Amerika. Wirklich? Bereits 500 Jahre vor ihm waren bereits die Wikinger dort gewesen. Was die seinerzeit wohl entdeckt haben?

Der Stierkampf wurde in Spanien erfunden. Die alten Roemer, die Griechen, die Ägypter vereehrten den Stier bereits im Altertum und kannten entsprechende Kämpfe.

Geringe Loehne sichern Arbeitsplätze. Falsch: Gleiche Loehne überall auf der Welt sichern Arbeitsplätze und verhindern das Vernichten der Arbeitsstätten in sogenannten Hochlohnländern. Hohe Loehne führen ausserdem zu mehr Konsum und zu mehr Arbeit und zu mehr Arbeitsplätzen und....

Der Notruf SOS ist aus dem Worten Safe Our Souls (Rettet unsere Seelen) entstanden. Falsch: SOS wurde nur der Einfachheit halber genommen, da es simple drei Punkte, drei Striche, drei Punkte ( ...---... ) im Morsealphabet sind.

Märchen sind wunderschoene, fantasieanregende, beruhigende Geschichten für die Kleinen. In einem beliebten Gesellschafts-Spiel würde es an dieser Stelle heißen: „Gehe zurück auf Los!“

S.O.S. – Wer rettet uns vor Ammenmärchen?

 

Februar 2017

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