Jens Jung

Gebrochene Flügel

“Darf ich dich etwas fragen?” Johann stieß Baal mit dem Ellenbogen unsanft in die Seite. Still schweigend waren sie bislang nebeneinander am Flussufer entlang getrottet. Johann mit gesenkten Blick, Baal, ihm einen Schritt voraus, die Augen offen für alles was ihn umgab und beide tief in Gedanken. “Klar schieß los.”

Baal blickte über das trübe Wasser, dann zur Mauer, die den Fluten einhalt gebot und sie daran hinderte über den Weg und ihre Schuhe zu laufen und links von ihnen an grauen Hauswänden leckend, Geschmack an den Kellergewölben zu finden, die sich durch kleine tiefliegende Fenster andeuteten. Im Augenwinkel bemerkte er wie sein Freund die Hände zu Fäusten ballte, so fest, dass seine Finger in der Kälte ihre Farbe verloren. Johann blieb stehen. Sein Blick schien jetzt direkt unter ihm wie festgenagelt an seinen Fußspitzen zu kleben. Nach ein paar weiteren Schritten, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, drehte sich Baal nach ihm um und ließ auch seine Schritte verebben, bis er still zu Johann umgewendet eine Augenbraue hochgezogen dastand. Leise zischte es aus Johann heraus wie aus einem überkochenden Kessel. “Was bin ich denn, wenn du mir immer tausend Schritte auf jedem Weg voraus bist? Du kennst jede verfickte Möglichkeit. Jeden beschissenen Fehler, der jemals gemacht wurde. Was bin ich denn wert verdammte Scheiße?”

Er flüsterte, doch als er den Kopf hob und seinem Gegenüber in die schwarzen Augen starrte, schien sein Blick zu schreien; so schrill, dass es die Luft zwischen beiden in Fetzen zu reißen schien. Baal hielt diesem Ausdruck mit Gelassenheit stand. “Könntest du mal für eine Sekunde den Rand halten?” Johann war so verdutzt, dass er unwillkürlich den Mund öffnete und wieder schloss. “Nicht du… ich spreche mit dem Erzähler.”

An dem IQ-freien Gesichtsausdruck von Johann erkenne ich, dass er mit meinen Worten gerade restlos überfordert ist. Diese verdammte Frage. Wie die Angst vor einem Ungeheuer im Dunkeln hat sie zuerst unbewusst, dann immer klarer und dringlicher hinter seiner Stirn gebrannt. Das habe ich von Anfang an gespürt. Jetzt fürchtet er nichts mehr als meine Antwort, die aus dem Dunkel hervorspringen und ihn hier und jetzt, auf der Stelle niederstrecken könnte. “Der Erzähler deiner Geschichte” setze ich an “ich habe ihm den Mund verboten. Ich hatte Angst er würde nicht genug unterstreichen, wie wichtig dieser Moment für dein Leben ist; wie sehr er deine Geschichte beeinflusst.”

“Ist es denn noch  meine Geschichte, wenn du sie erzählst?”

“Das liegt nicht an mir. Das entscheidet der, dem sie erzählt wird.”

“Könntest du jetzt einfach meine verdammte Frage beantworten? Warum soll ich denn tausende Fehler machen, wenn du sowieso alle Antworten kennst?”

Ich gehe einen Schritt auf das Wasser zu, zu einer Stelle an der eine Treppe die Mauer herunter zu einem Pier führt. Mit meiner Hand deute ich Johann mir zu folgen und gehe runter zum Pier. Still folgt er mir.

Wir sitzen auf dem feuchten Holz und lassen die Füße zwischen kleinen Holzbooten ein paar Zentimeter überm Strom baumeln.

“Siehst du das?” ich werfe ein großes Buchenblatt, dass Pirouetten schlagend über den Pier in meine Hand getanzt war in den Fluss. Johanns Augen  folgen ihm mit offensichtlich großem Unverständnis, während es von uns wegtreibt.

“So fühlt sich die Welt für mich an. Ich treibe über Zeit und Raum und berühre sie nur mit dem, was du von mir wahrnehmen kannst. Mein Blick ist ständig auf die Quelle des Flusses gerichtet. Ich sehe die vergangene Zeit im Ganzen mit jeder Kleinigkeit, mit jedem Moment, der jemals jemandem zu Teil wurde bis zum Ursprung allen Seins. Mein Blick richtet sich nur in die Vergangenheit. Ich weine jeder Untat, jedem Fehler bis in alle Ewigkeit nach. Was die Zukunft bringt kann ich nur relativ sicher schätzen. Ich habe eine Idee von der Zukunft, weil ich alles Vergangene  kenne. Trotzdem zieht mich die Zeit an dem kleinen Teil von mir, der in ihr fest steckt immer mit sich. Doch die Zukunft liegt praktisch in meinem Rücken. Es zieht mich ihr entgegen während ich allem nachtrauere was gut war und nicht mehr ist.”

“Wie kannst du alles sehen, wenn du hier bist?”

“Ich bin nicht nur hier. Der größte Teil von mir ist nicht im Raum sondern Teil von ihm, überall also.”

Johann schaut sich um. Sein Blick schweift in den Himmel. Er stützt sich nach hinten mit den Händen ab. Sie sind nicht mehr zu Fäusten geballt. Ich spüre wie sein Zorn verschwindet und einem wärmeren Gefühl Platz macht. Mitleid. “Geht es allen Engeln so? An ihren gebrochenen Flügeln durch die Gegenwart geschleift. Den Rücken der Zukunft zugewandt und immer allem nachtrauernd was war?”

“Exengel. Aber ja das trifft es ziemlich gut. Auch für die, die noch im Geschäft sind.”

“Was bin ich dann, wenn du das Blatt bist?”

Ich nehme eine Münze aus meiner Manteltasche und werfe sie in den Strom. Langsam sinkt sie zu Boden und reflektiert die Sonnenstrahlen. “Du siehst nur das, was du im trüben Halbdunkel um dich herum mit deinem Glitzern erleuchtest. Die Zeit nimmt dich zwar ein Stück mit, aber irgendwann stoppt dein Weg; dein Glitzern hört auf. Ein erlösendes Ende. Ein schonendes Dasein.” Ich blicke Johann in die Augen. Er scheint es Verstanden zu haben.

“Aber wo ist Gott?” fragt er plötzlich.

“Tot” antworte ich. “Ich dachte, das hätte ich dir schon erzählt. Ihr habt ihn nicht mehr gebraucht und wir brauchten ihn noch nie.” Es ist als wäre Johanns Zorn auf mich übergewechselt. Sofort spüre ich die Flammen wieder in mir, wenn ich an den alten Trottel denke.”Er hat sich das Leben genommen oder  ihr habt ihn umgebracht. Wie man es auch sehen will.”

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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