Johannes Schlögl

Die Kunst der Installation ...

Die Kunst der Installation
oder
Paranoika null dot com



Bevor man eine neue Software überhaupt auf den Rechner bringt, muss man zuerst den inneren Frieden finden und auf alles gefasst sein, was da kommen mag. Und sei es, bildlich gesprochen, das Ende aller Tage. Um sich auf eine Installation richtig vorzubereiten, sollte jeder Softwareinstallateur mit sich und der Welt ins Reine kommen. Denn die meisten Menschen auf dieser großen runden und vernetzten Welt sind sich der Gefahren nicht bewusst, die hinter einer fehlgeschlagenen oder nicht funktionierenden Installation eines Computerprogramms stecken können. Tausende Rechner landen jährlich weltweit als Computerschrott auf den Deponien für Sondermüll, weil es ihre Besitzer schlichtweg verabsäumt hatten, sich seelisch und körperlich auf den äußerst schwierigen und gefährlichen Akt der Installation eines Programms auf ihrem Rechner vorzubereiten.
Viele Softwarehersteller sind sich der Gefahr bewusst, denen Computer ausgesetzt werden, wenn sich eines ihrer Programme partout nicht auf dem Rechner installieren lässt. Deshalb wurden schon weltweit Tausende von Hotlines und Support Dienste eingerichtet. Man munkelt sogar, dass einige Softwareunternehmen bereits Psychiater und hoch graduierte Diplompsychologen, welche Zusatzkurse in Fort Redmond absolviert hatten, für ihre Support Zentren rekrutiert haben.
Vor allem im Bereich des Aggressionsabbaus muss den PC Benützern geholfen werden. Denn nicht selten endete eine fehlgeschlagene Installation von Seiten der User in einem Akt von Brutalität gegenüber den wehrlosen Rechnern. Diese wurden geschlagen, ihre Kabel von der Rückseite brutalst herausgerissen, Gehäuse mit den Füssen getreten, ihre empfindlichen elektronischen Bauteile mit Hämmern in Tausende Teile zerschlagen. Selbst die Tastaturen blieben nicht verschont. Tausende werden jedes Jahr, obwohl sie an einer fehlgeschlagenen Installation unschuldig sind, Opfer brutalster tätlicher Übergriffe.
Deshalb ist es von immenser Wichtigkeit, dass sich der Computer User auf den Akt der Installation einer neuen Software psychisch, wie physisch, richtig vorbereitet, um nach einem Fehlschlag nicht der tiefsten Barbarei zu verfallen – oder gar dem Wahnsinn.
Bevor man an die Installation einer neuen Software herangeht, sollte man sich zumindest für drei Tage in tiefster Enthaltsamkeit üben – also 72 Stunden keine geistigen Getränke zu sich nehmen. Des Weiteren ist in dieser Zeit ausreichend Schlaf von größter Bedeutung. 20% über dem Normalwert sollte es schon sein. Und natürlich eine gesunde ballaststoffreiche Ernährung ist ebenfalls anzuraten. Außerdem ist es ratsam, Installationen von mehr als einer Softwarekomponente erst am Wochenende zu tätigen. Es soll schon vorgekommen sein, dass ungeübte PC Benutzer für die Installation eines neuen Betriebssystems über 23 Stunden benötigten. Doch da sich die meisten dieser Personen schon Tage davor seelisch und körperlich darauf vorbreitet hatten, konnten sie die 23 Stunden Schlafentzug meistern und -trotz vieler Installationsfehlschläge - ihren Erfolg sonntags genießen und montags ausgeruht und glücklich die neue Arbeitswoche beginnen.
Also ist die Vorbereitung auf den Installationsakt von größter Bedeutung. Hat man drei Tage der Enthaltsamkeit sowie der inneren Reinigung hinter sich gebracht und den Installationsbeginn in weiser Voraussicht auf einen Freitag Abend gelegt, steht der gefährlichen und nervenaufreibenden Arbeit nichts mehr im Wege. Bevor man aber am Abend den PC einschaltet, sollte man sich reichlich mit Snacks, Getränken sowie einer Thermoskanne voll Kaffee eindecken. Raucher sollten auch eine größere Menge nikotinhaltiger Konsumgüter auf Lager haben und sich für den Notfall mit einer ausreichenden Menge an Nikotinpflastern oder vom Arzt verordneten rezeptpflichtigen Ersatzstoffen eindecken. Von geistigen Getränken wird abgeraten, da sie bei mehreren fehlgeschlagenen Installationsversuchen das Aggressionspotential erhöhen können. Nicht auszudenken, wenn nach einem mehrmaligen fehlgeschlagenen Installationsversuch um 2 Uhr morgens der PC auf Grund eines heftigen Fußtritts an seine Vorderflanke den Dienst versagt. Ein übermäßiger Genuss starker geistiger Getränke würde in diesem Fall den Rückschritt in die Barbarei nur beschleunigen und höchstwahrscheinlich in der Vernichtung weiterer Computer Komponenten enden, wie zum Beispiel der Tastatur, Maus oder dem teuren Plasmaschirm. Da dieser Fall eintreten könnte, ist es deshalb von äußerster Wichtigkeit, bereits am Freitag Abend mit der Installation zu beginnen. Sollte nämlich doch ein solcher Akt der Barbarei bei einem ungeübten PC User auftreten, teils bewusst, teils im berauschten Zustand, so hat man noch den Samstag. Dieser bietet die Möglichkeit des Erwerbs eines komplett neuen Computersystems in einem der Supermärkte des Vertrauens. Doch meistens kommt es nicht soweit, da häufig ein taktschwächerer Ersatzrechner irgendwo in der Wohnung herumsteht und auf seinen zweiten Frühling wartet.
Also ist eine intensive Vorarbeit notwenig, damit es überhaupt nicht soweit kommen kann. Eine weitere Vorbereitung auf den Tag der Installation sind die gedruckten Handbücher, welche häufig bei teureren Softwareprodukten mitgeliefert werden. Diese versuchen meist in anschaulicher Weise dem Käufer des digitalen Produkts wichtige Installationshinweise zu geben. Die Seitenzahl der Bücher variiert, je nach Art der Software, zwischen einigen zehn bis mehreren hundert Seiten. Deshalb ist es ungeübten Softwareinstallateuren anzuraten, solche Bücher meist Tage vor der eigentlichen Installation eingehend zu studieren. Im hinteren Teil einiger solcher Bücher sind bereits Multiple Choice Tests gefunden worden, mit denen ein ungeübter User sein Wissen über das erworbene digitale Produkt und dessen Installation überprüfen kann. Das erhöht die Chance, eine Software sicher und fehlerfrei auf die Festplatte zu bringen, deutlich.
Muss es aber nicht!
Ist dann der Tag der Installation gekommen und hat man mit Hilfe des Handbuchs das Vorgehen schon mehrmals im Kopf virtuell durchgespielt, folgt der zweite Teil der Installationsroutine.
Die Vorbereitung auf den eigentlichen Akt!
Nichts ist so nervenaufreibend und störend wie das ständige Verlassen des Schreibtisches während der Softwareinstallation, weil man wichtige Komponenten, Snacks, Getränke, nikotinhaltige Konsumgüter, Treiber Cd’s oder ähnliche Dinge vergessen hat, diese in Reichweite um den Computer Arbeitsplatz zu deponieren. Hat man nämlich mit der Installationsroutine begonnen und tritt ein Fehler auf, ist es den meisten Usern nicht mehr möglich, den Platz vor dem Bildschirm zu verlassen. Eine unbekannte noch nicht erforschte Kraft, die sogenannte virtuelle Resonanzgravitation, zwingt die Computerbenutzer, auf ihrem Platz zu verharren, bis der Fehler gefunden und behoben wurde. Dies kann zu erhöhtem Stress führen der aber zu Beginn einer fehlerhaften Installation, also noch in der Anfangsphase, durch Schreien und lautes Fluchen wieder kompensiert werden kann.
Aus diesem Grunde ist es wichtig, im zweiten Teil der Installationsroutine alle notwendigen Dinge griffbereit in seiner Nähe zu haben. Hat man dies erledigt, sollte man eine Stunde lang einen ausgiebigen Spaziergang tätigen oder sonstigen Sport betreiben. Danach ist es von äußerster Wichtigkeit, etwaige im Haus lebenden Verwandten, Freunden, Familienmitgliedern usw. klar und verständlich zu erklären, was man in den nächsten Stunden zu tun pflegt und dabei unter keinen Umständen gestört werden möchte, sollte oder darf. Dadurch kann vermieden werden, dass Stress und auftretende Wut während einer Fehlinstallation nicht auf Personen in unmittelbarer Umgebung übertragen werden, da sie sich, weil vorher informiert, nicht im gleichen Zimmer, zusammen mit dem Softwareinstallateur, befinden.
Sind alle Vorbereitungen getätigt worden und hat man vor Monitor und Computer Platz genommen, kommt der dritte Teil zum Tragen.
Bevor der Rechner gestartet wird, sollte man ihn vorher liebevoll streicheln und sich selbst noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass das Gerät, also der Computer, nichts weiter als ein armes unschuldiges digitales Wesen ist, das nicht zur Rechenschaft gezogen werden sollte, falls in den nächsten Stunden etwas bei der Installation der Software schief geht.
Dann folgt der nervenaufreibenste, gefährlichste Teil einer Softwareinstallation.
Der eigentliche Akt!
Für die weitere Vorgehensweise ist es nun von immenser Wichtigkeit, ob man ein neues Betriebssystem installiert, einen Updateversuch eines bereits bestehenden Systems wagt, oder ein neues Softwareprodukt auf ein bereits vorhandenes Betriebssystem einbringt.
Das persönliche Verhalten sollte dem jeweiligen Typus entsprechend angepasst werden. Die scheinbar ungefährlichste Variante ist das Aufbringen eines neuen Programms auf ein bereits bestehendes und relativ stabil laufendes Betriebssystem. Hierbei stehen die Chancen nicht schlecht, zügig und ohne größere Probleme ein neues Programm auf die Festplatte zu bringen. Vorausgesetzt man hat alle Handbücher Tage vorher gründlich studiert und den Multiple Choice Test positiv absolviert. Durch das Studium der Bücher ist man nämlich in die Lage versetzt worden, etwaige auftretende Fehler bereits im Keim zu ersticken. Sollte eine Installation aber trotzdem fehlschlagen - ist aber das Betriebssystem in Ordnung und man besitzt einen Internetzugang - so ist eine Unterstützung von Seiten der im Handbuch angegebenen Hotline durchaus im Bereich des Möglichen.
Nach Beginn einer Installation sollte sich der ungeübte User in Geduld üben. Im Prinzip lässt sich ein Setup Programm nicht in die Karten sehen. Es arbeitet verborgen, installiert, deinstalliert, ersetzt wichtige Systemdateien, schreibt verstohlen seine Daten zuhauf in die Registry, loggt sich in andere Programme ein, holt persönliche Daten und Passwörter aus dem Innersten des Systems, ohne dass der User eine Ahnung davon hat. Und das ist gut so, denn der PC Benützer soll nicht unnötig verängstigt oder gar mit Prozessen auf dem Rechner konfrontiert werden, die bei ihm den Eindruck erwecken würden, das Programm mache alles andere, nur nicht die versprochene Installation von sich selbst auf die Festplatte. Doch das sind die geringsten Probleme, die auftauchen können.
Leider ist es in diesem Rahmen unmöglich, alle auftretenden Problemfälle im Einzelnen zu erörtern – das würde alles je Dagewesene sprengen. Deshalb sei nur ein Problem aus den Tausenden herausgegriffen. Die Eingabe der Serien- und Registriernummer, gefolgt vom „Product Authorization Code“. Meistens bestehen diese aus Zahlen, Buchstaben oder Zeichen in einer akzeptablen Größe. Sie befinden sich häufig an der Innenseite der entsprechenden CD Hülle (seltener auf der bereits eingelegten Silberscheibe!!!) und bestehen des öfteren aus 50 bis 128 Zeichen. Diese sollte man genauestens an der dafür vorgesehenen Stelle eintippen. Dies ist jedoch eher ein Geduldspiel. Gefährlich wird es erst, wenn nach dem 20. Versuch es immer noch nicht geklappt hat, die richtige Kombination einzutippen. Doch die gefährlichste Situation kann bereits hier zu Tage treten. Dann nämlich, wenn durch einen erneuten Tippfehler beim 21. Eingabeversuch das Installationsprogramm den Installateur versehentlich als Raubkopierer und Parasit der Softwareindustrie beschimpft, weil die eingetippte Nummer bereits als gestohlen gemeldet und im Internet veröffentlicht worden ist. Wie gut ist es da, wenn man eine Tasse heißen Kaffee und ein paar Snacks in seiner Nähe hat und nikotinhaltige Konsumgüter auf dem Arbeitstisch in genügender Anzahl vorhanden sind. Dadurch kann die angestaute Wut und Aggression zwar nicht gänzlich beseitigt, aber doch auf ein der Umwelt verträgliches Niveau gesenkt werden.
Zum Schluss sei noch erwähnt, dass es beinahe jeder schafft, eine ordentliche Installation auf die Festplatte zu bringen. Allen anderen sei gesagt, dass es bis jetzt nur einem einzigen Wesen geglückt ist, ein wirklich perfekt funktionierendes Betriebssystem zu programmieren und installieren, das schon eine recht lange Zeit virtuos und fehlerfrei läuft – und auch funktioniert.
Seit über 15 Milliarden Jahren hat dieses Wesen noch kein einziges Mal die „Strg+Alt+Entf“ Tastenkombination gedrückt. Wie hoch die Lizenzgebühren sein werden, die wir zu entrichten haben, wenn dieses „Betriebssystem“ am Ende aller Tage heruntergefahren wird, steht in den Sternen. Bleibt nur zu hoffen, dass es sich bei diesem System dann „nur“ um eine Open Source Freeware gehandelt hat.

(Anm. d. Autors: paranoika0.com ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zu einem vorhandenen Online Support Dienst diesen Namens wäre rein zufällig und nicht im Sinne des Autors. „Fort Redmond“ ist natürlich auch fiktiv ... :-) )

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.07.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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