Manfred Sander

Jonathan heiratet

Es war schon später Nachmittag. Die Sonne bereitete sich auf ihren Untergang vor. Nur noch wenige Minuten würden vergehen, bis sie jenseits der vielfarbigen Wand verschwunden war, hinter der sich die Appartements und Zimmer der Ferienanlage verbergen. Ich lag, wie viele andere Urlauber auch, auf einer mit blauem Stoff bespannten Sonnenliege und lauschte der geräuschvollen Kulisse, die mich umgab. Es war der letzte Tag meines Urlaubs auf Teneriffa und morgen würde es wieder nach Deutschland in den grauen Alttag zurückgehen. Doch vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Ich heiße Jonathan, bin 24 Jahre alt und habe die vergangenen drei Wochen meine Flitterwochen in der wunderschönen Ferienanlage Bahia Principe Costa Adeje verbracht. Viele von Euch werden mich bereits kennen, denn ich habe schon die Geschichte von dem Silvesterabend erzählt, als meine Schwester Silvestra geboren wurde und dadurch dem Karpfen Balthasar das Leben gerettet hatte. Auch von meinem Freund Enrico, den ich zu Silvester einladen durfte und von Hoppel unserem Osterhasen habe ich berichtet.

Nun räkelte ich mich auf meiner Liege und ließ es mir gut gehen. Ich hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und dachte über Gott und die Welt nach. Nichts konnte mein Wohlbefinden stören, bis auf eine verdammte kleine Fliege, die sich auf meiner Nase niedergelassen hatte und dort von einer Seite zur anderen krabbelte. Da ich schon über längere Zeit vergeblich versucht hatte, durch das Rümpfen der Nase dieses kitzelnde Ungeheuer loszuwerden, überlegte ich nun, ob ich meine bequeme Lage aufgeben und die Fliege mit der Hand vertreiben sollte. Doch die Fliege löste das Problem von selbst. Sie krabbelte nämlich in die Ecke der Nase, wo sich das Zentrum des Nießreizes befand. Der anschließenden Eruption des Körpers konnte die Fliege nicht standhalten und sie verließ mich auf Nimmerwiedersehen. Nun hing ich wieder meinen Gedanken nach. Heute vor drei Wochen stand ich vor dem Altar und habe meiner Frau das Jawort gegeben. Tags darauf sind wir nach Teneriffa in die Flitterwochen geflogen. Es liegen nun viele geruhsame Tage hinter uns, die wir in vollen Zügen genossen haben. Doch alles geht einmal zu Ende, auch wenn es noch so schön ist.

Während ich so zurückdachte, öffnete ich die Augen einen Spalt breit, denn mehr ließ die tiefstehende Sonne nicht zu. Ich sah, wie eine junge Frau die oberste Stufe der Schwimmbadleiter erklommen hatte. Sie zog sich die rote Bademütze vom Kopf und die blondgelockten Haare fielen ihr bis auf die Schultern. Es schien mir, als würden alle Gespräche rings um mich herum verstummen, denn fast ein jeder, insbesondere aber die anwesenden Männer, lenkten ihren Blick auf diese junge Frau, deren Anblick einem fast den Atem verschlug. Sie trug einen hellblauen Bikini, der die Proportionen ihrer schlanken Figur so richtig zur Geltung brachte. Es schien, als sei sie einer Modezeitung für Badekleidung entsprungen. Ich sah, wie sie die Leiter verließ und behende und anmutig auf mich zukam, verfolgt von vielen bewundernden Blicken. Als sie mich erreicht hatte, beugte sie sich nieder und flüsterte mir ins Ohr: „Sonne, Mond und Sterne.“ Voller Stolz, von so vielen Badegästen beneidet zu werden, flüsterte ich zurück: „Was hab‘ ich Dich so gerne.“ Alsdann legte sich die junge Frau auf die Liege neben mir und schloss die Augen. Es war Walburga, die mir vor drei Wochen ihr Jawort für das ganze Leben gegeben hatte. Doch diese Hochzeit hatte auch ihre Vorgeschichte. Ich machte die Augen zu und wurde von meinen Gedanken 10 Jahre zurückgetragen.Mit 14 Jahren besuchte ich ein Gymnasium für Mädchen und Jungen. Der gemeinschaftliche Schulbesuch von Mädchen und Jungen in einer Klasse war seinerzeit ein Schulversuch, und wurde derart gestaltet, daß einer Jungenklasse meistens 3 oder 4 Mädchen zugefügt wurden. Walburga war damals 13 Jahre und besuchte auf derselben Schule eine Klasse, die gegenüber der meinigen eine Stufe zurück lag. In den Pausen war Walburga meist allein in einer Ecke des Schulhofes zu finden. Sie sonderte sich von ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden ab und es schien, als würde sie lieber allein sein, als mit den anderen herumzutollen. Aus Mitleid ging ich manchesmal zu ihr, um sie ein wenig aufzumuntern. Walburga hatte damals für ihr Alter etliche Pfunde zuviel. Ihr Gesicht als 13-jähriges Mädchen war aber ausgesprochen schön und ebenmäßig und paßte so gar nicht zu    ihrem Körper. Ich kannte Walburga ein wenig näher, da meine Eltern und ihre Eltern befreundet waren und sich ab und zu gegenseitig besuchten. Wenn Walburgas Eltern zu uns kamen, kam sie in der Regel mit, setzte sich in eine Ecke, und las ein mitgebrachtes Buch. Ich verriegelte mich dann in mein Zimmer, und ließ mich den ganzen Abend nicht sehen.

Eines Tages, es war während unserer Sommerferien, sagte meine Mutter zu mir: „Du, Jonathan, Du bist ja schon groß und selbständig. Vati und ich und Walburgas Eltern haben einen gemeinsamen Urlaub geplant. Wir werden einen 14-tägigen gemeinsamen Ferienaufenthalt auf Teneriffa verbringen. Deine Schwester Silvestra ist ja wieder bei Tante Gustel und damit versorgt. Da ihr Bett frei ist, haben Walburgas Eltern und wir gedacht, daß Walburga die 14 Tage mit Dir zusammen verbringt und in Silvestras Bett schläft. Gemeinsam könnt ihr die Abwesenheit der Eltern wahrscheinlich besser vertragen, als wenn jeder für sich allein bleibt. Ihr seid ja schon fast erwachsen und könnt Euch die 14 Tage mal selbst versorgen. Wenngleich ich von dieser Idee meiner Eltern nicht begeistert war, nickte ich zustimmend mit dem Kopf. Walburga wohnte mit ihren Eltern zwei Häuser entfernt in derselben Straße. Am Tage des Abflugs klingelte es gegen Abend an der Tür. Wie schön wäre es, wenn die gemeinsame Zeit mit Walburga schon vorbei wäre, dachte ich, und öffnete die Tür. Da stand sie nun, meine Untermieterin, drei Bücher unter dem Arm und ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. „Hallo Jonathan,“ sagte sie, „wir werden nun Wohl oder Übel die nächsten zwei Wochen miteinander auskommen müssen. Ich für mein Teil werde mir dazu alle erdenkliche Mühe geben.“ „Wir werden ja sehen,“ murrte ich, und bat sie herein. Mutter hatte für den ersten Abend schon Brote geschmiert. Wir setzten uns am Küchentisch gegenüber, sodaß wir uns in die Augen sehen konnten. Wortlos verspeisten wir die Brote und tranken dazu ein Glas heiße Milch. Wenn Walburga nur nicht soviele überflüssige Pfunde hätte, wäre sie eigentlich ein ganz attraktives, ja eigentlich bildhübsches Mädchen, dachte ich. Den anschließenden Abend verbrachten wir so, wie ich es vermutet hatte. Ich schaute im Fernsehen einen langweiligen, schon älteren Film an während Walburga es sich auf einem Sessel gemütlich machte und ein Buch las. Als es 11 Uhr abends war, machte sie sich im Badezimmer für die Nacht fertig und begab sich sodann in Silvestras Bett. 10 Minuten später folgte auch ich ihrem Beispiel. Das Fenster hatten wir aufgelassen, damit etwas frische Luft hereindrang. Das Wetter war schon über mehrere Tage hinweg sehr heiß und schwül gewesen, und jeder durch das Fenster kommende Luftzug wurde als angenehm empfunden. Die Betten standen hintereinander, und wir beide konnten am dunklen Abendhimmel den leuchtenden Vollmond sehen, dessen Licht unser Schlafzimmer in einem fahlen Glanz erleuchtete. Es war mir ein wenig unheimlich zumute und mich fröstelte, wenn ich daran dachte, daß ich Walburga gegenüber eine Art Beschützerrolle für die nächsten 14 Tage übernommen hatte. Während ich mir über die Gestaltung der nächsten Tage Gedanken machte, fing Walburga auf einmal unvermittelt zu reden an. „Schau mal, Jonathan, siehst Du den Mond dort oben? Er sieht so aus, als könne man ihn anfassen, aber er hat von unserer Erde eine Entfernung von etwa 386.000 km. Und dennoch hat schon ein Mensch ihn betreten. Noch viel weiter entfernt von der Erde ist die Sonne. Sie hat einen Abstand von 150 Millionen km und ist so groß, daß unsere Erde 1,3 Millionen mal in die Sonne passen würde. Dennoch ist die Sonne nur ein einziger von etwa zweihundert Milliarden Sternen in unserer Galaxie, der Milchstraße.“ Es verging eine Stunde, und Walburga war noch immer vom Universum und der Astronomie am erzählen. Beeindruckt von ihrem großen Wissen hörte ich mich plötzlich unbewußt, aber laut und vernehmlich sagen: „Sonne, Mond und Sterne.“ Als Antwort hörte ich Walburga flüstern: „Was hab‘ ich Dich so gerne.“ Wenn ich es so recht überlegte, war mir Walburga auch nicht gleichgültig geblieben. Wenn man über ihre üppigen Formen hinwegsah, war sie ein bildhübsches Mädchen, das darüber hinaus auch noch intelligent war und über das Universum und die Sternenwelt Bescheid wußte. „Auch ich habe Dich gerne, Walburga,“ sagte ich, „und ich würde froh sein, wenn wir auch nach diesen 14 Tagen zusammenbleiben würden. Du könntest mir viel von Deinen astronomischen Kenntnissen beibringen und ich würde Dir dabei helfen einige Deiner Pfunde zu verlieren. Das ständige Motto unseres Zusammenhalts sollten die zwei Sätze sein: „Sonne, Mond und Sterne,“ und „was hab‘ ich Dich so gerne.“ Wenn einer den ersten Satz sagt, hat der andere mit dem zweiten Satz zu antworten. Wir standen aus unseren Betten auf, gingen zur Fensterbank, schauten in den hellerleuchteten Vollmond, nahmen uns bei der Hand und schwörten immer zusammenzubleiben, die Versprechungen einzuhalten und unserem Motto immer Folge zu leisten.

Das taten wir dann auch. In den 14 Tagen des ständigen Beisammenseins war der Esstisch nur mit Früchten, Salat und Gemüse gedeckt. Die kleine Konditorei gegenüber wurde von Walburga nicht mehr besucht. Auch die Eisdiele um die    Ecke und die Imbißbude am Bahnhof mußten Umsatzeinbußen hinnehmen, da Walburga tapfer und konsequent ihren Schwur hielt. Täglich liefen wir viele Kilometer und Walburgas Rücken lief so mancher Schweißtropfen hinunter. Abends im Bett wurde mein Wissensdurst über das Universum gestillt. Unser häufiges Beisammensein und unsere sportlichen Aktivitäten hielten auch nach der Rückkehr unserer Eltern aus dem Urlaub an. Als Walburga 17 Jahre alt war, konnte man von dem früheren Ballast nichts mehr sehen. Wenn sie hübsch und schlank durch die Straßen schlenderte zog sie die Blicke der Männer auf sich, und sie war froh und stolz, daß sie es geschafft hatte, all die Jahre durchzuhalten. Auch das geschworene Motto wurde von Walburga und mir zu jeder Zeit eingehalten. Selbst bei der Hochzeit hatte dieses Motto den Pfarrer in schwere Verlegenheit gebracht. Wir standen vor dem Altar, und der Pfarrer, der mit seiner wuchtigen Gestalt dem Aussehen Walburgas vor einigen Jahren ähnelte, sagte gerade zu ihr: „Willst Du diesen hier Anwesenden zu Deinem Mann nehmen, ihn lieben, ehren und achten, in guten und in bösen Tagen, bis der Tod Euch scheidet, so antworte: „Ja, ich will.“ Der Pfarrer hatte gerade das letzte Wort ausgesprochen, als sie sich mir zudrehte. Sie hatte ein Lächeln im Gesicht, oder nein, es war kein Lächeln sondern ein herausforderndes Grinsen, als sie laut und deutlich sprach: „Sonne, Mond und Sterne.“ Ich war zwar schockiert, nahm aber die Herausforderung an und antwortete genau so laut und deutlich: „Was hab‘ ich Dich so gerne.“ Ich sah, wie der Pfarrer die Farbe wechselte und kurz seine Fassung verlor. Doch dann zischte er leise: „Liebes Brautpaar, das ist hier keine Faschingsveranstaltung, sondern hier wird das heilige Sakrament der Ehe gefeiert.“ So nahm dann auch der Verlauf der Hochzeitszeremonie ein gutes Ende.

Plötzlich wurde ich von Walburgas nasser Hand auf meinem Bauch in die Wirklichkeit zurückgeholt. „Hast Du geschlafen oder geträumt? fragte sie, „Du hast schon lange kein Wort mehr gesprochen.“ Die Sonne war inzwischen untergegangen und der Mond zeichnete sich schon am dämmernden Abendhimmel ab. Es war wieder Vollmond wie damals, als wir am Fenster unseren Schwur geleistet hatten. Wir schauten beide in den aufgehenden Mond und ich bin mir sicher, daß in diesem Augenblick Walburga auch an jenen Abend dachte, wo wir durch unseren Schwur den Lauf unseres Lebens verändert hatten. Ich sah zu ihr hinüber und erblickte eine Träne, die ihre Wange hinunterlief. Es war bestimmt eine Träne des Glücks, denn ich hörte leise ihre Stimme: „Sonne, Mond und Sterne.“ Ich nahm Walburga in die Arme, drückte sie fest an mich und antwortete genauso leise: „Was hab‘ ich Dich so gerne.“

 

Ende

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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