Peter Kröger

Nettelbeck

Es ist zig Jahre her, ich kam aus Berlin und hing ab in Albuquerque, weil ich mir Indianer anschauen wollte, nach denen man sich sonst die Hacken ablief mit dürftigen Resultaten, es gab einfach zu wenige von ihnen, oder sie gingen Weißen aus dem Weg, ich weiß es nicht. Es war sehr heiß in jenem Sommer, vierzig Grad waren keine Seltenheit, und ich hockte im Hotelzimmer mit schmalem Reisebudget und blätterte in uralten deutschsprachigen Magazinen, die ich auf meinen Reisen ständig mit mir führte, weil ich kein Englisch verstand und mich Amerika, abgesehen von den Indianern, im Grunde nicht interessierte. Aber selbst die von mir so angehimmelten Ureinwohner erwiesen sich mehrheitlich als biedere, gelegentlich sogar als schläfrig-gemütliche Vertreter ihres sogenannten indigenen Geschlechts und kaum als tomahawkschwingende Haudegen (wenn das Bild erlaubt ist), sodass mein Interesse schnell erlahmte und ich mir mit Alkohol und gewissenloser Eckensteherei wenigstens in den kühleren Nachstunden die Zeit vertrieb, bis ich an einer jener Ecken Cathleen traf (eine gebürtige Waliserin, soweit ich mich erinnere, prächtig anzuschauen) und spontan mit ihr nach Portland ging, um Rosen zu züchten, eine Marktlücke in Portland in jener Zeit. Es lief. Ich stürmte voran und machte mein Glück. Ich blieb. Cathleen jedoch hatte das feuchte Klima in Portland schon bald satt, es erinnerte sie an Wales, eine Rosenallergie mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben, sowie meine Weigerung, Liebe mit Liebe zu vergelten (wenn man so will). So war sie bald zu ihrer alten Ecke in good old Albu zurückgekehrt, während ich mein Rosenimperium ausbaute. Erst dreißig Jahre später erreichte ich als reicher Mann wieder meinen herrlichen Nettelbeckplatz in Berlin.
Die alten Magazine jedoch hielt ich all die Zeit in Ehren, und noch heute bewundere ich zusammen mit alten Freunden an ausgewählten Tagen diese Erzeugnisse journalistischer Sorgfalt in scharfer Verpackung im Lokal Mariechen an besagtem Berliner Platze. Der Schuppen könnte auch Cardiff heißen, denke ich manchmal und sehne mich. Wenn ich dann am Tresen die Augen schließe, sehe ich nicht Portland, nicht Rosen, sondern Albuquerque und die größte Enttäuschung meines Lebens: Indianer. Aber ich will wieder hin. Irgendwo gibt es Tomahawks, Marterpfähle, Wig-Wams, ich weiß es. Und irgendwo wartet Cathleen. Lang lebe Amerika.

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