Wolfgang Küssner

An und zu und vor und nach

Das Weihnachtsfest liegt gerade ein paar Tage zurück und wieder stellte sich die Frage, ob es eigentlich zu Weihnachten oder an Weihnachten heißen müsse. Sie wissen schon: An Weihnachten besuchen uns dieses Jahr die Kinder. Zu Weihnachten werden wir die traditionelle, gefüllte Gans verzehren. Häufig ist unter Gänsen im Dezember der Spruch zu hoeren: „Nie ging es uns so gut, wie heute.“ - Aber das wäre jetzt eine andere Geschichte.

Die Frage nach an oder zu Weihnachten stellt sich natürlich auch bei anderen Festen: Ostern, Pfingsten. Doch bleiben wir bei dem Beispiel des Festes der Geburt des Jesus von Nazareth. Der religioese Ursprung der Feiertage wird bei all den Geschenken, bei all dem Konsum häufig vergessen. An oder zu Weihnachten wünsche ich mir..., schenke ich... . Natürlich lagert auch hier Stoff für eine weitere Geschichte. Vielleicht ein andermal.

Aus dem Norden Deutschlands kommend hat sich für mich das Problem mit dem an oder zu nie wirklich gestellt. Wir nannten es einfach Weihnachten, Ostern, Pfingsten – alles ohne Präposition. Dieses Jahr verbringen wir Weihnachten wieder unter südlicher, wärmender Sonne. Seit die Kinder groß sind, verstecken wir  Ostern keine Eier mehr. Und die schon peinliche Frage, ob der Osterhase Eier legen kann, gehoert der Vergangenheit an.

Beim Lesen dieser Zeilen koennte jetzt langsam der Eindruck entstehen, ich würde mich bei Nebensächlichkeiten aufhalten und gar um die Antwort drücken wollen. Dabei ist das Problem mit oder ohne, oder mit welcher Präposition auch immer, so einfach – irgendwie logisch, nachvollziehbar und mit Leichtigkeit – zu beantworten. An Weihnachten ist Aldi zu. Und bei der einfachen Umkehrung wird jeder merken, das paßt nicht, ergibt keinen Sinn: Zu Weihnachten ist Aldi an. Häh?

Das Beispiel ist natürlich Bloedsinn. Bloedsinn mit Logik. Aber doch überzeugend, einleuchtend, oder? Weihnachten sind die Läden geschlossen, also zu. Außerdem ist das Beispiel Werbung; dafür habe ich keinen Pfennig dazu bekommen. Die wirkliche Antwort sieht etwas anders aus. Sie werden das sicherlich schon vermutet haben.

Es sollen natürlich keine Konflikte heraufbeschworen werden. Drum eines schon mal vorab: Alles ist richtig. Wenn wir mal von Aldi, Lidl und all den anderen Discountern absehen. Also zu ist richtig und an ist richtig und ohne Präposition ist auch richtig. Denn: Es kommt auf den Standpunkt an. Stehen Sie, lieber Leser, im Norden oder Osten Deutschlands, oder kommen Sie aus der Alpen-Republik Oesterreich, so ist für Sie zu Weihnachten richtig. Stehen oder sitzen – das ginge übrigens auch - Sie nun aber in Deutschlands Westen oder Süden, oder gar bei den Eidgenossen in der Schweiz, dann sind Sie mit an Weihnachten auf der sprachlich korrekten Seite. Und moegen Sie sich standortmäßig nicht festlegen, da Sie gerade Ferien mit der Sekretärin statt mit der Ehefrau verbringen, wollen sich diesbezüglich ihres Ortes nicht outen, oder halten sich im Ausland auf – Weihnachten, Ostern, Pfingsten gehen auch ohne Präposition. Koennte die Grammatik, Mathematik, Geographie – oder wie das heißt - doch immer so einfach sein.

Kaum haben wir die lebensrelevante Frage geklärt, taucht mir nichts, dir nichts, das nächste Problem auf: Heißt es eigentlich vor oder nach Weihnachten? Vor oder nach Ostern? Vor oder nach Pfingsten? Ein namhafter, friedliebender, fast harmoniesüchtiger Philosoph, dessen Name bei mir leider nicht haften geblieben ist, hat diese Frage schon vor Jahren klug und weise beantwortet: „Die christlichen Menschen befinden sich – unabhängig von ihrem Bewußtsein, von ihrem Glauben – immer in einer Zeit vor bzw. nach Weihnachten, vor bzw. nach Ostern, vor bzw. nach Pfingsten. Die jeweilige, zeitliche Distanz vom Fest läßt es ratsam erscheinen, die Präposition vor oder nach zu verwenden.“ Ist das jetzt noch Grammatik? Das sieht doch eher nach Mathematik aus, oder?

An und zu Weihnachten gibt es Weihnachtsmänner und –bäume. Ostern gibt es Osterhasen und –eier. Vor und nach Pfingsten gibt es Pfingstochsen und –rosen. Die Verkäufer all dieser Produkte sehnen sich nach einem permanenten Fest. Jeden Monat ein Weihnachtsfest, ein Osterfest, ein Pfingstfest. Vor und nach wären dann nadezu gleichbedeutend, fast schon verzichtbar. Der Euro, Dollar, Rubel würde rollen und ein Weg ohne Präpositionen, ohne lästige Fragen nach der Richtigkeit, geebnet sein. Freie Festwahl für alle! Weg mit vor und nach!

Ist das Problem damit geloest? Ein Blick auf die Uhr belehrt uns schnell eines besseren: Es gibt nicht nur volle Stunden, sondern auch die Minuten vor und die Zeiten danach. Präpositionen machen also doch Sinn und sollten richtig eingesetzt werden. Von wegen freie Wahl. Auf die Frage „Wohin des Wegs?“ antwortet der Nachbar: „Ich geh nach Aldi.“ Korrektur: „Zu Aldi.“ Reaktion: „Wie? Aldi geschlossen?“ Klarstellung: „An Weihnachten ist Aldi zu.“ Oder war es Ostern, oder Pfingsten, oder Lidl oder ein anderer Discounter?

Wie wäre es zur Abwechslung mal mit in, auf, gegen oder bei statt immer an und zu und vor und nach? Zum Beispiel: Langsam wird Weihnachten ohne Geschenke in. Vielleicht geht dem einen oder anderen angesichts des Konsumdrucks, des Kauf-Terrors, ein Licht auf. Und was bitteschoen ist mit dem Pfingstfest? Total unterentwickelt. Gegen einen Strom zu schwimmen, kostet Kraft, ist aber bei Erreichen des Zieles sehr befriedigend. Bei Aldi-Nord brennt zwar noch Licht, doch die Läden sind zu Weihnachten zu. Bei Aldi-Süd ist es ähnlich. Eigentlich müßten die Läden an sein, doch sie sind zu. Vor sechs Uhr sind sie alle zu. Sollte sich das ZU durchsetzen? Und wie wird es Ostern, Pfingsten? Bei Aldi, Lidl und all den anderen Discountern? Auf, in, an, gegen, bei, vor, nach oder zu?

 

Januar 2018

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