Olaf Lüken

Schaumschlägerei - Rom und der Latte Macchiato

2012. Beim Latte Macchiato nachmittags gegen vierzehn Uhr hat man das Spiel in Rom verloren. Da mag
man das "chia" noch so klangvoll intoniert und die römische Herkunft noch so leidenschaftlich beschworen
haben. Das Identitätenspiel endet am Mittag in der Bar. Das Indiz ? Der Latte Macchiato: "Sei tedesca !
Eine Deutsche.

Die Römerin nimmt nach dem Lunch einen schnellen Caffe, sprich Espresso: die Deutsche löffelt langsam
und gelangweilt den Schaum vom Latte Macchiato. La Romana zelebriert das Abendmahl und krönt dieses
wiederum mit einem kleinen Caffe: la Tedesca aber zelebriert ihren großen Latte Macchiato. Den trinkt die
Römerin, wenn überhaupt, am frühen Morgen zum Cornetto. Doch der römische Morgen gehört dem
Cappucino. Schon der Caffe hat weniger Klasse und hängt auf der Matte. Von Mittag an aber trinkt man in
Rom Caffe. Und allenfalls diesen "macchiato", befleckt ! also. Mit einem weißen Milchfleck im dunklen
Espresso "Macchiato", so nennt der Italiener liebevoll und selbstbewusst seinen kleinen kulinarischen Stil-
bruch. Denn "la macchia" bezeichnet im italienischen den Fleck, den Makel, auf einem Bild kann es
allerdings auch ein Farbtupfer sein. Einem Kunstwerk kommt die deutsche Version des Latte Macchiato -
der eigentlich "befleckte Milch" heißen müsste (Milch mit einem Schuss Espresso) - mancherorts schon sehr
nahe. In Köln ist die Ästhetik des "Latte", wie Eingeweihte ihn dort nennen eine Lebensphilosophie, deren
Konkretisierung ein Glas spielt und die entscheidende Rolle bei der Frage, wo man sich trifft.

Eine Latte Macchiato in der Tasse ist ein Widerspruch in sich. Denn nur im transparenten Glas - groß und
schlank, aber nicht zu schmal - kommt seine Schönheit erst zur Geltung. Seine Eleganz, die an Skulpturen
erinnert: der weiche weiße Sockel, der hellbraune Gürtel und die Krone aus üppig wogendem weißesten
Schaum, zerfällt schon beim Betrachten - und mit ihm ein langer Nachmittag, gilt es doch, den nach und
nach sich mit Caffe bis zum letzten Löffel zu erhalten. Ihn sogleich wegzulöffeln oder, schlimmer noch,
durch rüdes Rühren zu zerstören, gleicht einem Akt teutonischer Barbarei. Auch Schaumreste im Glas
erweisen sich als Spuren peinlicher Ignoranz. In solchen Fällen hätte es ein ordinärer Kaffee mit gewöhn-
licher Milch auch getan.

Schaumschlägerei ist nun wirklich eine Kunst, an der wir seit einem Jahrzehnt auch am heimischen Herd
gründliche Laborarbeit ausführen. Unterm Rührgerät entstanden zunächst große Blasen. Später floss aus
Seitendüsen erster Espressomaschinen eine seltsam schmeckende Soße. Jetzt bewegen unsere patenten
Minischäumer und alles ist eine Frage von Milchmarke, Fettstufe, Temperatur, Geschick und Geduld.
Manchmal löffeln wir den Latte Macchiato auch unbefleckt. Reiner Schaum. Oh, du süßes Leben !

(c) Olaf Lüken

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