Bernhard Pappe

Die Flaschenpost


Der Weg zum Strand führte durch eine Düne hindurch. Niemand bevölkerte den Strand, wir waren mit uns allein. Wie still die Welt doch sein konnte. Nur ein zartes Rauschen drang an unsere Ohren. Die See lag ruhig zu unseren Füßen und vor unseren Augen. Der Himmel über uns war mit dutzenden Wolken übersät. Gleich einem Hütehund trieb ein auffrischender Wind sie vor sich her. Die Sonne malte surrealistische Schattenbilder auf den Sand. Die See vermochte es nicht, diese Schatten hinweg zu spülen. Hinter einer Wolke trat wieder einmal lachend die Sonne hervor, um die Mühen der See zu würdigen. Wir nahmen unsere Wanderung auf.

Eine Weile gingen wir still nebeneinander her in einer trauten Zweisamkeit, die keiner Worte bedarf. Manchmal hielten wir inne, um den Blick auf den Horizont zu richten.

„Du warst lange nicht mehr hier“, begann mein Freund das Gespräch. „Ich habe mich gefreut, dass du meine Einladung angenommen hast.“

„Ich bin gern gekommen.“

Der Wind, er rieb sich an unseren Gesichtern, frischte weiter auf. Ich schlang meine Jacke enger um mich, um ihm wenig Angriffsfläche zu bieten.

„Du hast dich in den lauen Wind an ferneren Stränden verliebt.“

Ich musste lachen. „Trotzdem bin ich gern hier. Ich genieße eine andere Art der Ursprünglichkeit an diesem Strand. Himmel und Horizont sind voll mit angesammelten Sehnsuchtsgedanken und die See wird befahren von Schiffen, deren Bäuche mit Hoffnungen gefüllt sind. Die Strände der Welt unterscheiden sich darin nicht, wenn du in die Ferne schaust und deinen Gedanken keine Fesseln anlegst.“

Mein Freund war stehengeblieben und wies mit dem Arm auf den Horizont.

„Ich könnte jetzt einen Fotoapparat zücken und ein Foto von der Szene, vom Strand, von der See, vom Horizont schießen. Vielleicht völlig spontan, aus einem Impuls heraus oder ich würde mir vorher ein paar Gedanken machen. Doch du, du findest Worte, die scheinbar hinter dem Horizont nur auf dich gewartet haben. Du findest im Foto Worte, die sich scheinbar im weißen Rauschen irgendwie zwischen den Bits und Bytes versteckt halten.“

„Du übertreibst etwas“, warf ich ein. „Man legt das Gewand der Rationalität einfach ab oder öffnet wenigstens seine obersten Knöpfe. Man gibt sich dem, was ohnehin und immer da ist, einfach hin. Warum nicht auch du?“

Wir lächelten beide.

„Keine Angst, ich überlasse es dir, aus diesem Spaziergang eine Geschichte zu formen.“

„Gute Idee“, gab ich zurück.

In einiger Entfernung brachte die Sonne etwas zum Glitzern. Mein Freund eilte voraus.

„Vielleicht ist es nur so eine verdammte Glasscherbe, die hier nichts zu suchen hat“, rief ich ihm hinterher.

Er gestikulierte und winkte mich heran. „Komm, es ist eine verschlossene Flasche, sie enthält etwas.“

Nach ein paar Augenblicken stand ich neben ihm. Er hielt eine Flasche in den Händen, die die Länge einer Weinflasche besaß, aber in ihrer Gestalt viel bauchiger war. Das Glas war durchsichtig und gab den Blick auf etwas Graues im Innern frei.

Ich deutete auf den Flaschenhals. „Die Flasche ist nicht nur einfach so verschlossen. Sie wurde versiegelt.“

„Stimmt, du hast Recht. Das Graue darin, es könnte Papier sein. Eine Flaschenpost?“

Seine Stimme spiegelte die Aufregung eines Jungen wider, dem die See vermeintlich eine Schatzkarte vor die Füße gespült hatte. Die Hand näherte sich bereits dem Siegel. Ich hinderte ihn daran, es zu erbrechen.

„In heutigen Zeiten sollte man besonnener sein“ mahnte ich ihn.

„Jetzt bis du der Rationalist. Wovor hast du Angst? Meinst du, das Graue darin könnte Gift oder gar ein böser Geist sein?“

Ich setzte ein ernsteres Gesicht auf.

„Ich bin nur vorsichtig. Gibt es das kleine Gasthaus in Hafennähe noch mit seinem Blick aufs Wasser?“

Er nickte zur Bestätigung.

„Wenn ich mich recht erinnere, dann ist es bis dorthin nicht mehr weit. Spüle den Fund ab. Wir nehmen die Flasche mit und entscheiden später darüber.“ Ich wollte partout nicht, dass mein Freund die Flasche allein öffnete.

Wie zur Bestätigung reinigte er die Flasche im flachen Wasser und wir marschierten los. Der Weg zum Gasthaus zog sich unerwartet in die Länge. Hatte mich meine Erinnerung getrogen? War es der Gegenwind, der unsere Schritte behinderte? Die Stimme meines Freundes riss mich aus meinen Überlegungen.

„Hier“, er streckte mir die Flasche entgegen. „Trage du sie für den Rest des Weges. Sie wird mir langsam zu schwer.“

Ich war etwas verwundert. Ich hatte sie vorhin kurz in der Hand gehalten. Gut, sie mochte aus stabilem Glas sein, aber sie war mir nicht sonderlich schwer vorgekommen. Ich entschied mich, sie mir unter den Arm zu klemmen. Bereits nach ein paar Gehminuten spürte ich ihr sehr eigenes Gewicht.

„Ist es noch sehr weit bis zum Gasthaus?“ hörte ich mich sagen.

„Wir sind gleich da“, klang es durch den Wind.

Mein Freund schien nun schneller voranzukommen. Der Strand war zu Ende und das Gasthaus schob sich in unser Blickfeld. Ich erkannte es wieder und dennoch war Vieles an ihm neu.

„Die ursprünglichen Besitzer leben schon einige Jahre nicht mehr. Ihre Tochter hat den Betrieb übernommen. Sie hat alles modernisiert, die Terrasse angebaut, die Atmosphäre im Innern ist aber geblieben.“

Wir traten in den Gastraum und ich musste ihm beipflichten. Immer noch lag der Raum in einem gewissen Halbdunkel. Die Dekoration bestand seit Jahrzehnten aus Lokalkolorit und Kitsch. Selbst den großen, alten Leuchtturm, gebastelt aus Streichhölzern, gab es noch. Gerade verabschiedeten sich ein paar Gäste und wir hatten den Raum für uns. Wir legten unsere Sachen ab. In der Mitte bullerte ein recht moderner Ofen und seine Wärme war ein wohltuender Kontrast zum Wind am Strand. Der Tisch am Fenster war kaum gewählt, da stand schon eine junge Frau mit langen kupferroten Haaren neben uns. Sie trug enge Jeans und darüber eine weiße Bluse. Komplettiert wurde das durch niedrige Stiefel an ihren Füßen.

„Seeräuber-Jenny“, raunte ich meinem Freund zu und er bestellte schnell zwei Grog, um meine Bemerkung zu überspielen. Die junge Frau schenkte mir ein Lächeln und es blieb offen, ob sie meine Worte vernommen hatte. Die Flasche stellte ich unter dem Tisch nahe der Außenwand ab. Im Handumdrehen dampften zwei Gläser Grog vor uns. Wäre da nicht die Frau mit den kupferroten Haaren, dann hätte all das vor Jahrzehnten sein können. Wir plauderten ungezwungen über Erinnerungen und die Gegenwart. Die Stimmung war gelöst, denn das erste Glas Grog war bereits durch ein zweites ersetzt worden. Jetzt war ich es, der das Gespräch auf unser Fundstück lenkte.

„Was meinst du, was wohl in der Flasche ist?“

Ich schaute meinen Freund erwartungsvoll an. Seine Euphorie wegen des Fundstücks schien sich verflüchtigt zu haben. Mein linker Arm angelte nach der Flasche und ich stellte sie auf die Tischseite, wo niemand saß. Er schaute zu ihr hin. Der Widerschein des Ofenfeuers brannte in ihrem Glaskörper. Mein Freund flüsterte einen Satz und schaute dabei durch das Fenster auf das Wasser. Das Wetter draußen hatte sich verschlechtert. Die Wettervorhersage geht an der Realität völlig vorbei, kam mir in den Sinn. Die ganze Szene trug surrealistische Züge. Er wiederholte den Satz, ohne noch einmal auf die Flasche zu blicken. Im Gegenteil, er schaute konzentriert auf mich.

„Marie, komm‘ nun her, das Denken wirft seine Schatten in das Meer.“

Ich war perplex. Mein Freund zitierte aus einem meiner Gedichte. Das Staunen sollte nicht enden. Er zeigte auf die Flasche, ohne zu ihr hinüberzusehen.

„Was, wenn die Schatten des Denkens zurückgekehrt sind? Was, wenn die Flasche deine dunklen Gedanken enthält?“

Er wartete meine Antwort nicht ab.

„Wie hat dein Denken seine Schatten in das Meer geworfen? Weißt du es noch?“

Ich schüttelte etwas hilflos den Kopf.

„Wer weiß, vielleicht konnte Marie sie nicht bändigen und schloss sie in die Flasche ein. Es sind deine dunklen Gedanken, wenn du die Flasche trägst und sie enthält meine Schatten, wenn ich sie trage.“

Er legte den Arm, mit dem er die ganze Zeit auf die Flasche gezeigt hatte, zurück auf die Tischplatte.

„Du meinst, sie ist so etwas wie eine individuelle Büchse der Pandora? Wie kommst du darauf?“

Er beugte sich über den Tisch mir, als ob die Flasche seinen Worten nicht lauschen durfte.

„Am Schluss hatte ich große Mühe, die Flasche zu tragen. Ich gab sie dir und du hattest mit ihr ebenso Mühe, bis zum Gasthaus zu gelangen. Als wir Platz nahmen und du sie in das Dunkel unter dem Tisch verbannt hattest, da waren wir beide toller Stimmung. Nun steht die Flasche obenauf und…“

Er vollendete den Satz nicht. Ich lehnte mich zurück und atmete hörbar durch.

„Was für ein schönes Fundstück. Hier vom Strand? Ich dachte, ich mache euch noch zwei Grog. Bei dem Wetter könnt ihr ohnehin nicht vor die Tür.“

Die junge Frau war unbemerkt mit einem Tablett an unseren Tisch getreten. Sie stellte die Gläser ab und wollte nach der Flasche greifen.

„Nicht öffnen!“ Wir riefen es, wie aus einem Mund. Ihre Hand zuckte zurück.

„Schon gut, keine Panik. Niemand will euch den Fund streitig machen.“

Unwirsch verließ sie den Tisch.

„Wie geht es jetzt weiter?“ fragte ich leise.

Statt einer Antwort packte mein Freund die Flasche am Hals und wandte sich der Tür zu.

„Kommst du?“ Richtung Tresen rief er, dass wir gleich wieder da wären. Dort reckte sich eine Hand als Zeichen des Verstehens empor. Ich folgte meinem Freund hinaus in den heftigen Wind, der sich jetzt auch noch mit Regen mischte. Er holte weit aus (er war schon immer sportlicher als ich) und die Flasche flog im hohen Bogen davon. Ein Klatschgeräusch verriet uns, dass sie im Wasser angekommen war.

„Der Spuk ist vorüber“, sagte er leise, legte die Hand um meine Schulter und wir gingen zurück in den Gastraum. Die heitere, gelöste Stimmung kehrte zurück. Der Himmel schloss sich an und riss auf. Licht flutete in den Gastraum, um eigenwillige Schatten auf die ehrwürdigen Holzdielen zu zaubern. Die junge Frau saß an unserem Tisch.

„Wie habt ihr es gemacht, den Regen zu vertreiben?“, wollte sie wissen und zeigte anschließend aus dem Fenster.

Es war an mir, ihr zu antworten. „Wir behielten das, was uns wirklich wichtig erschien und warfen fort den Rest. Die Schatten, die nicht durch das Licht kommen, verschwinden dann einfach.“

„Ich hole für uns Espresso und wir gehen zusammen auf die Terrasse. Dahin, wo Licht ist und kein Schatten.“ Wir nickten. „Übrigens heiße ich Jennifer. Meine Freunde nennen mich meist Jenny. Weil ich als Kind schon einen Faible für Piratengeschichten entwickelt habe, hat man mich auch gern Seeräuber-Jenny gerufen“, sagte sie. Nun war es an mir, ihr ein Lächeln zu schenken.

Jennifer hatte nach ein paar Augenblicken bereits ein Tablett mit drei Espressotassen in der Hand. Mein Freund öffnete die Tür und sie schlüpfte hinaus. Wir folgten ihr. Draußen stand eine Bank und wir setzten uns. Der Espresso war bald ausgetrunken. Der Gesprächsfaden riss nicht ab. Wir erzählten Jennifer ein paar Geschichten von früher und sie erzählte uns ihre Geschichten aus dem Heute. Es störte uns nicht, dass es langsam kühler wurde, weil die Sonne dem Horizont verdammt nahe war. Die Abschiedsfarben des Tages legten sich auf das Wasser. Das Denken war frei und ohne Schatten.

Wir verabschiedeten uns von Jennifer und jeder bekam einen Kuss auf die Wange. Mir flüsterte sie dabei ins Ohr.

„Schreibe deine Geschichte.“

Woher wusste sie das?

© BPa / 01-2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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