Helmut Wurm

Sokrates und was alles im Schulwesen falsch ist

Irgendein höherer Beamter in irgendeinem Schulministerium trifft Sokrates bei seinem kurzen Spaziergang. Er spricht ihn an und kommt sofort "Zu des Pudels Kern".

Der höhere Schulministerium-Beamte: (Zuerst etwas unwirsch) Sokrates, ständig werden wir bombardiert mit und zur Rede gestellt wegen Deiner kritischen Gespräche zum deutschen Schulwesen. Das sind ja mittlerweile über hundert solcher in Gesprächsform verpackte, teils heftige Kritiken, die in Umlauf gebracht worden sind. Aber langsam wird uns das zu viel. Das nervt uns. So viel Zeit haben wir neben unserer normalen Arbeit nicht, uns alle Deine Gespräche durchzulesen.

(Dann leiser und vertrauensseliger) Für uns läuft nicht alles so gut, wie wir es mit unseren vielen Reformen erhofft hatten. In den internationalen Schulvergleichen besetzen wir nur mittlere Plätze, die Wirtschaft beschwert sich über die Mängel bei den Schulabgängern in Wissen und Verhalten. Vielleicht kannst Du uns etwas helfen. Fasse doch bitte einmal kurz zusammen, was im deutschen Schulwesen nach Deiner Meinung verbesserungsnotwendig wäre. Aber ich habe wenig Zeit…

Sokrates: Für solch ein Thema sollte man sich eigentlich Zeit nehmen. Aber wenn Du es so möchtest, fasse ich meine Kritik einmal kurz und ungeordnet zusammen. Aber dadurch wird das Problem nicht kleiner und nicht leichter zu lösen. Also meine wenig erfreuliche Zusammenfassung:

- Wir brauchen keine Ideologien und Ideologen, sondern mehr und bessere Pädagogen.

- Jeder Schüler ist ein biologisch-anthropologisches Unikat und braucht eigentlich eine individuelle Pädagogik. Jede breite Lern-Uniformität ist unindividuell und unpädagogisch.

- Wir brauchen keine Schulleiter mit Selbstbewusstsein, großen Auto und A-16-Gehalt, sondern solche, die sich als Diener der Schüler und der Lehrer verstehen.

- Die Lehrer bekommen erstens zu viel Gehalt und zweitens unfair unterschiedliche Gehälter.

- Die Lehrerausbildung ist zu lang, 3 Jahre reichen. Dafür muss jeder Lehrer, so lange er im Dienst ist, jährlich mindestens 1 Monat an Fortbildungen absolvieren.

- Die Lehrer haben zu viele Ferien und sollten in der schulfreien Zeit an diesen Fortbildungen teilnehmen müssen.

- Lehrer sollten wieder im Einzugsbereich ihrer Schule wohnen müssen, damit sie das Umfeld ihrer Schüler besser kennen lernen.

- Die Schüler haben Anspruch auf vollen Unterricht. Wegen Sprechtagen, Fortbildungen und Kollegiums-Ausflügen darf keine einzige Unterrichtsstunde ausfallen. Diese Nebenveranstaltungen sind in die Nachmittage und Samstage zu verlegen.

- Am ersten und letzten Schultag nach und vor den Ferien ist voller Unterricht zu erteilen.

- 12 Schuljahre reichen für eine gute Allgemeinbildung. Man muss nicht in allen Fächern Studienreife erreichen. Das Meiste wird doch wieder vergessen. Wer studieren will, sollte an der Universität in den gewählten Studienfächer sicherheitshalber einen Brückenkurs zur stofflichen Anschlussgewinnung machen.

- In der Oberstufe des Gymnasiums dürfen keine Fächer abgewählt werden können. Zur Allgemeinbildung gehört eine Rundum-Bildung.

- Das Schulsystem sollte nicht in große Gesamtschulen , sondern in kleine effektivere Einheiten untergliedert werden.

- Die Lehrerschaft muss in allem im Gleichklang gegenüber Schülern und Eltern auftreten. Keiner darf den anderen ausspielen, keiner darf sich durch bessere Benotungen beliebter machen wollen. Der Schulleiter hat darauf zu achten, dass dieser Gleichklang erhalten bleibt.

- Unser Land braucht keine Inflation mäßig gebildeter Abiturienten, sondern gut gebildete Schüler auf allen Schulebenen und für alle Berufsformen.

- Personen, die nach einer Zeit der Berufsausübung als Quereinsteiger in die Schulbildung streben, sind eine Bereicherung für das Kollegium, denn sie kennen die Berufspraxis besser als Lehrer, die nur Universitätstische und Schultische kennengelernt haben.

- Die Lehrpläne müssen entrümpelt werden, besser an das Alter der Schüler angepasst werden und der Bildungsstoff darf nicht segmenthaft ausgewählt sein. Die Geschichte beginnt z.B. in der Steinzeit und nicht erst 1789 mit der Französischen Revolution.

- … Es darf kein…

Der höhere Schulministerium-Beamte: Halt, halt… mir schwirrt der Kopf. Das ist ja eine Fülle von Kritiken. Die kann ja kein Mensch behalten und noch weniger schnell alles verbessern. Und wie soll das überhaupt gehen? Ist auch wirklich alles berechtigt und nötig, was Du aufzählst?

Sokrates: Was pädagogische Ideologen und Gefälligkeitsreformer, wir nannten sie früher Schul-Sophisten, in den letzten Jahrzehnten nicht zum langfristigen Nutzen der Schüler verändert haben, lässt sich nicht schnell wieder beseitigen. Die negativen Auswirkungen zeigen sich oft erst nach Jahrzehnten. Da sollte man sich doch die Zeit nehmen, meine Kritiken, Mahnungen und Gegenvorschläge gründlicher zu lesen. Im Schulsystem kann man nicht so einfach den Hebel wieder herumwerfen wie in einem technischen Betrieb, wenn Produktionsfehler festgestellt werden…

Der höhere Schulministerium-Beamte (schüttelt den Kopf): Die Zeit haben wir erstens nicht und zweitens wäre das ein Blamage, wenn wir jetzt Irrtümer eingestehen würden…

Wir machen so weiter, auch wenn Du zehnmal recht hast… Alles Gute (Geht schnell einen anderen Weg)

Sokrates (blickt ihm nach und murmelt): Die Missionare sind alle gleich, ob sie in der Religion, Politik, Soziologie oder Pädagogik ihr Wirkungsfeld haben: selbstbewusst, empfindlich und zugleich auch feige gegenüber der Realität.

(Aufgeschrieben vom discipulus Sokratis, der bei diesem Spaziergang dabei war)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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