Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 23

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Zu meinem Leidwesen rückte der Abend mit Riesenschritten näher, ohne daß unser Programm auch nur im Ansatz fertig war. Nur Mikesch Entschluß, ein fröhliches Lied von irgendeinem Meikel Jägsen oder so ähnlich zum Besten zu geben, beunruhigte mich ein wenig, hatte ich doch noch sein Jaulen in der guten, alten Finsterburg nur allzu lebhaft in Erinnerung.

„Wie soll das bloß gutgehen?“, brummte ich mißmutig.

„Im Zweifel hilft Impro“, tröstete Mikesch mich in gewohnt rätselhafter Weise wobei er mißbilligend mein Nägelkauen betrachtete. „So kriegst du nie vernünftige Krallen, Kumpel.“

„Aber mit Sicherheit demnächst einen schönen festen Strick um den Hals, wenn unsere Vorstellung daneben geht.“

Das hübscher als Turban“, grunzte Gorgus, der mal wieder bewies, daß er über ein sonniges Gemüt verfügte. Ich seufzte, während ich überlegte, wer wohl der ominöse Impro war und folgte den anderen durch die engen Gassen zur Burg hinauf. Ein tiefer, stinkender Graben, der von einer hölzernen Zugbrücke überspannt wurde, umgab das tiefschwarze Gemäuer. Am anderen Ende erwarteten uns zwei Wachen, die ähnlich rochen wie der Burggraben und mindestens ebenso ekelig wirkten.

„Bettler und Hausierer haben Hausverbot“, knurrte der Grantigere der beiden Ekelpakete. Ich vermutete, daß er uns mit Vergnügen in den Burggraben befördert hätte, wäre da nicht Gorgus, das Zelt gewesen, das den beiden zumindest zu denken gab und sie davon abhielt, ihren niederen Regungen zu entsprechen und uns in den Hintern zu treten.

Gorgus für seinen Teil beugte sich zu den beiden Wachen hinunter und zog ein Gesicht, als wäre ihm der Geruch eines Grottenolms in Paarungslaune in die Nase gezogen.

Mögen Graben?“, fragte er mit vorgetäuschter Freundlichkeit, was die Wachen ein wenig nervös zurückweichen ließ. Instinktiv spürten sie, daß ihr persönliches Armagedon gerade an die Tür geklopft hatte und Einlaß begehrte.

„Was meint dieses Ungeheuer?“, fragte die linke Wache mich mit einem leichten Zittern in der Stimme. Offenbar war ihr etwas verspätet bewußt geworden, wie kurz das Leben sein konnte.

„Nun, er wollte vermutlich nur zum Ausdruck bringen, daß die Wahl eures After Shaves auf eine gewisse Vorliebe für das Baden im erlauchten Naß dieser Brühe schließen läßt“, schnurrte Mikesch in gewohnt nonchalanter Art. „Stimmt’s, mein Großer?“

Die Augen der Wachen erinnerten entfernt an Suppenteller angesichts der Tatsache, daß ein Tier ihnen gerade einen Vortrag gehalten hatte, der ihren Horizont glatt überstieg. Raus zu fallen drohten sie allerdings erst, als sie Gorgus trotzig den Kopf schütteln sahen und ihnen Schlimmes schwante. Und dabei hatten sie erst letzten Monat gebadet. Aber die Göttin der ungewaschenen Unterhosen schien ein Einsehen zu haben und ersparte den Leidgeplagten den beherzten Sprung in die Fluten, indem sie ihnen den Haushofmeister schickte, der sogleich mit markiger Stimme um Aufklärung bat. Nachdem Hilly mit betörenden Augenaufschlag von der Einladung Salus erzählt hatte, drehte sich der Haushofmeister ohne ein weiteres Wort um und bedeutete uns, ihm zu folgen. Mit dem Kater vorneweg und Gorgus im Schlepptau passierten wir die Wachen, die ein wenig zu früh aufatmeten.

Es überraschte mich daher nicht wirklich, als ein paar Herzschläge später ein verärgerter Ausruf, gefolgt von einem lauten Platschen berechtigten Anlaß zu der Annahme gab, daß mindestens eine der Wachen doch noch das Bedürfnis nach einem erquicklichen Bad verspürt hatte. Ein Blick zurück bestätigte meine Vermutung. Abgesehen von dem fröhlich grinsenden Troll glänzte die Zugbrücke durch vollkommene Abwesenheit jeglicher Wachen. Das Prusten, Platschen und Fluchen, das von unten herauf drang, ließ keinen Zweifel an ihrem Verbleib. Den Haushofmeister schien das jedoch nicht wirklich zu interessieren.

„Was ist passiert?“, verlangte er gelangweilt mit blasiert klingender Stimme zu wissen, ohne daß er es für nötig hielt, sich umzudrehen oder gar im Schritt inne zu halten.

Ausgerutscht“, brummte Gorgus unschuldig, wobei er grinste wie ein Honigkuchenpferd. Der Haushofmeister hingegen zuckte bei dieser Erklärung nur mit den Achseln, während er mit ausgreifenden Schritten weiter ins Burginnere schritt. „Baden im Dienst. Das zieh ich ihnen vom Sold ab“, stellte er lediglich lakonisch fest.

„Recht so. Die Brühe stinkt schon genug“, gab Hilly ihm Recht, die mit mindestens ebenso ausgreifenden Schritten die Burg stürmte.

Eine verwirrende Anzahl von Gängen und Treppen später endete unsere Besichtigungstour einstweilen in einem kargen Raum, bei dessen Anblick selbst Ignaz‘ Kerkermeister vor Begeisterung feuchte Augen bekommen hätte. Lediglich das eine oder andere Folterinstrument fehlte, um den Raum die perfekte Atmosphäre zu verleihen.

„Ich bin unschuldig“, maunzte Mikesch entsprechend empört, als der Haushofmeister den Kater rüde aufforderte, einzutreten. Es folgte eine ausgiebige und äußerst ermüdende Anleitung, wie wir uns bei Hof zu verhalten hatten. Ich beneidete ein wenig den Troll, der bereits nach den ersten Sätzen friedlich eingeschlummert war und nun leise schnarchend an der Stirnwand neben dem schmucklosen Rundbogenfenster lehnte.

„Er gehört zu den Glücklichen, die im Schlaf lernen“, erklärte Mikesch angesichts des mißbilligenden Blickes des Haushofmeisters. Dieser schnaubte verächtlich, ließ es aber dabei bewenden und uns mit einer klaren Anweisung zurück.

„Ihr wartet, bis ihr gebraucht werdet.“

 

Die Zeit zog sich so zäh dahin wie klebriger Honig bis endlich Schritte auf dem Gang erklangen.

„Wurde auch Zeit. Der hier setzt schon Schimmel an“, beschwerte sich Mikesch mit einem Seitenblick auf den noch immer dösenden Gorgus als die Wache eintrat. Den Kater ignorierend forderte die Wache uns auf, ihr zu folgen. Der anschließende Marsch endete vor einer schweren Tür, wo wir den schon bekannten Satz zu hören bekamen:

„Ihr wartet, bis ihr gebraucht werdet.“

„Das wird zur schlechten Angewohnheit“, fauchte Hilly ungehalten, als die Tür plötzlich aufging und ein Barde nebst mitgenommen Musikinstrument vor unseren Füßen landete. Fluchend rappelte er sich auf und richtete sein farbenfrohes Gewand. Schlimmer als er selbst sah allerdings seine Laute aus, die mit einem beeindruckend großem Loch im Resonanzkörper aufwarten konnte.

„Machst einen auf Jimmy Hendrix?“, vermutete Mikesch, was dem Barden lediglich ein mißmutiges Knurren entlockte.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte ich mit mulmigen Gefühl, obwohl ich die Antwort schon ahnte. Das Loch in dem hölzernen Musikinstrument paßte einfach zu perfekt zum Kopfumfang unseres Gegenübers. Der rang sich endlich zu einer Antwort durch.

„Nun..", hub er an, wobei er sich geflissentlich bemühte, den feixenden Kater zu übersehen, "..ich war gerade mitten in der ersten Strophe meiner beliebten Arie über die lustigen Waldvögel als plötzlich die Lichter ausgingen.“

„Wußte gar nicht, daß Jimmy was über die Waldvögel geschrieben hat“, wunderte sich Mikesch. Mir hingegen ging etwas ganz anderes durch den Kopf, während der Barde beleidigt vor sich hin schimpfend von dannen schlurfte. Offenbar war der Burgherr nicht gerade ein Freund fröhlicher Gesangseinlagen, und wenn schon ein gelernter Barde derart rüde behandelt wurde, dann wagte ich gar nicht erst darüber nachzudenken, wie uns wohl Mikesch‘ Gejaule bekommen würde. Vermutlich würde ich als Verantwortlicher unverzüglich in irgendein Kerkerloch zu einem vergessenen Ungeheuer gestopft werden, das sich freuen würde, jemanden zum Kuscheln zu bekommen. 

Ich schluckte.

„Vielleicht sollten wir deine Gesangseinlage lieber zugunsten eines Gedichts streichen“, schlug ich in Erwartung einer sich anbahnenden Katastrophe vor. 

„Ich hör wohl nicht richtig. Thriller von Michael Jackson ist der Hammer. Da fliegt die Kuh!“

Kuh fliegt?“, wunderte sich Gorgus.

„Und der Bär steppt dazu“, bestätigte Mikesch dem Troll, dessen Weltbild gerade ein wenig ins Wanken geriet. Ich stöhnte angesichts des zu erwartenden Chaos, während Hilly kurz entschlossen das Programm änderte.

„Du sagst ein Gedicht auf. Ende und aus!“, beschied sie dem Kater resolut. Der sah aus, als habe Hilly gerade vorgeschlagen, ihm das Fell grün zu färben.

Gedicht?“, ächzte er.

„Gedicht!“, bestätigte Hilly gefährlich leise.

„Schiller ist nicht ganz mein Ding, Liebchen. Ich hab’s nicht so mit den Klassikern“, jammerte er, doch Hillys Entscheidung stand so fest wie die Burgmauern von Finsterburg, sah man vielleicht einmal vom Nordturm ab. Die Fugen dort waren wirklich hinüber.

„Ihr seid dran“, wurde der Disput von dem Haushofmeister unterbrochen, der wie der Verkünder des Weltuntergangs im Türrahmen erschienen war.

„Showtime“, maunzte der Kater daraufhin mit einem Funkeln in den Augen, das mir zu denken gab.

wird fortgesetzt.....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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