Peter Kröger

Flamingo

 

 

Rein zeitlich betrachtet war es der Lahmarschigkeit meines italienischen Kleinwagens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben, dass Steinschlag in Form hinabstürzender Felsbrocken fast mich, dann aber doch den von hinten herannahenden bekannten Gelegenheitsdichter Wulf-Rüdiger Seger in seinem Auto dahinraffte und ihm die schriftliche Erstellung eines Schlussverses für sein neuestes Gedicht Der Zugvogel verunmöglichte, eines Werkes, das posthum unvollendet im Steirischen Vogelalmanach erschien. Obwohl ich beim Anstieg hin zum sogenannten Geckenpass einen niedrigen Gang wählte und das Gaspedal wie immer voll durchtrat, hatte die Steigung zu einem merklichen Leistungsverlust der mit sechsunddreißig PS nicht eben starken Maschine geführt, was seinerseits ein ungeplantes Bremsmanöver des gleichermaßen für Naturverbundenheit und Wortgewalt bekannten Mannes erzwang, der aufgrund einer gerade auch in finanzieller Hinsicht durchdachten Heiratspolitik ein Automobil sein Eigen nennen durfte, wie es für Berge fraglos ideal ist: stark im Anzug, mit beruhigenden Reserven in allen Lagen, wenn man so will. Seger stieg also heftig in die Eisen, genauer, er dichtete wohl insgeheim am Schlussvers, bremste abrupt und verschied unglücklich im selben Augenblick direkt am Lenkrad und zwar verursacht durch eben jenen Steinschlag, vor dem seit Menschengedenken bis zum heutigen Tage durch entsprechende Schilder auf der gesamten Passstraße gewarnt wird. Im Rückspiegel konnte ich nur entsetzt das Geschehen verfolgen, von dem ich um Haaresbreite selbst betroffen gewesen wäre, hielt in sicherer Entfernung und eilte, mich dicht an die Felswand haltend, zu Fuß zurück zum Unfallort. Dort konnte ich unter Lebensgefahr den äußerlich fast unversehrten Dichter nur noch tot hinter der zertrümmerten Windschutzscheibe bergen, nicht ohne im Rahmen einer ersten Sichtung aus seiner Parkainnentasche das nahezu fertige Gedichtmanuskript sicherzustellen, das ich, wenn auch unter eigenem Namen, bei besagter Zeitschrift unterbringen konnte, wo man das Fehlen des letzten Verses, mithin das Unfertige schlechthin, gar nicht bemerkte. Der Vogelalmanach ist für seine Schludrigkeit in solchen Dingen bekannt. Segers Witwe, die schöne Grit-Ruth, konnte ich nach Ablauf der üblichen Karenzzeit ohne Weiteres zu einer erneuten Eheschließung bewegen, da sie ohnehin wieder einem Gelegenheitsdichter ihr Jawort zu geben entschlossen war, ein Kriterium, das ich, wenn auch in nicht ganz sauberer Weise, nunmehr erfüllte. Geheiratet wurde in Fötschach bei Leutschach oder in Leutschach bei Fötschach. Einerlei, wenn man sich nur liebt. Die Passstraße mied ich fortan in dem Bewußtsein, dass auch ein großes, starkes Automobil, wie ich es jetzt übrigens fuhr, kein Garant gegen die große Geißel der Bergwelt, den Steinschlag, war, von schleichenden Kleinwagenfahrern ganz zu schweigen. Beim Zugvogel geht es übrigens um einen durchschnittlich fünfundachtzig Zentimeter hohen Zwergflamingo (die Großen reichen mir bis übers Brustbein), also im engeren Sinn gar nicht um einen Zugvogel, wenn man vom Hin- und Her- Geflatter zwischen den verschiedenen Seen, Tümpeln und Feuchtgebieten absieht. Sogar das entging den Damen und Herren vom Almanach, umso unverständlicher, sprechen doch die Anfangszeilen

 

Er geht mir knapp über die Hüfte

und steigt weiß-rosa in die Lüfte

 

eine eindeutige Sprache. Daher kann mir der Schlussvers, mit Verlaub, gestohlen bleiben, mochte er in Segers Hirn auch bereits fix und fertig gewesen sein; wer weiß, wieviel Verworrenes und Undurchdachtes noch hinzugekommen wäre. Ich möchte es mir nicht ausmalen. Grit-Ruth und ich müssen nach vorn schauen, so simpel es klingen mag. Hauptsache, das Tal der Tränen ist durchschritten. Der Mensch. Der Steinschlag. Ein Zugvogel. Noch so ein Ding, und ich versuche es selbst.

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