Helene Hages

Pille Palle

Nach einer wahren Begebenheit

 

 

Freudig hießen unsere Hunde den Feriengast willkommen, und alle anderen kamen auch in den Genuss der Begrüßungsküsse, die Lexi großzügig bei ihrem Einzug an uns verteilte. Besonders Joker, ihr Liebling, konnte sich ihrer kaum erwehren.

Unsere Alten, Barney und Smokey, wandten sich schnell lieber unserem Sohn zu und wurden von ihm liebevoll getätschelt. Es kam öfter vor, dass unser Sohn und seine Frau lange Auslandsreisen unternahmen und ihren Hund Lexi zu uns in „Ferien“ brachten. Wenn unser Sohn dann weg war, lief es immer gleich ab:

ungefähr nach einer Woche hatte Lexi die Rangordnung unseres Hunde - Männerclübchens völlig auf den Kopf gestellt. Sie tätigte eine feindliche Übernahme und entriss dann dem alten Barney die Herrschaft über das Rudel. Alle drei Rüden tanzten ab sofort nach ihrer Pfeife.

Ansonsten fügte sie sich fast reibungslos in unsere Hausordnung ein. Sie hatte keine Probleme mit der Hundetür, verbellte brav den Postboten, buddelte den kompletten Rasen um und fügte sich in unsere Hundefamilie ein. Alles klappte gut.

Bis auf die Spaziergänge. Für sie, die einstmals als Streuner in Rumänien auf den Straßen im Müll gewühlt hatte, waren Spaziergänge Raubzüge. Und so zog sie auch. Es war ihr nicht abzugewöhnen. Nur unsere Schwiegertochter, die konsequent mit ihr in die Hundeschule ging, beherrschte die Hündin. Vor Männern hatte Lexi mehr oder weniger Angst.

Sie suchte immer Schutz bei mir, wenn mein Mann von der Arbeit kam. Man weiß nicht, welche Erlebnisse dieses Tier hatte, bevor es zu meinem Sohn kam. Eine tiefe Narbe am Hinterbein lässt Schlimmes vermuten.

An einem schönen Samstagspätnachmittag im Sommer beschloss ich, da nichts mehr für den Tag anlag und mein Mann den ganzen Abend mit seinen Kumpels unterwegs sein wollte,einen Wellnessabend zu zelebrieren. Nur für mich. Allein.

Nebenan auf dem Sportplatz lief scheinbar ein wichtiges Spiel zwischen unserem Dorf und einem anderen, wie an jedem Samstag. Da mir bewusst war, dass Lexi im Garten herumstöberte und auch dazu neigte unmotiviert lange und laut zu bellen, entschied ich mich die Hundetür zu schließen, damit die Hunde nicht die ganze Zeit Randale machten, solange ich im Bad meiner Entspannung frönte. Ich schloss die Klappe und stellte zur Sicherheit noch einen Stuhl davor.

Dann, wie Hundeverrückte es so machen, erklärte ich meinen Lieben, dass ich jetzt oben baden wollte und gleich wieder da sein würde. Meine Jungs schauten mich gelangweilt an, legten sich hin und bereiteten einen faulen Abend vor. Nicht so Lexi. Sie hatte mich wohl irgendwie falsch verstanden. Schaute mir besorgt hinterher, wie ich die Treppe hochging und die Tür vom Bad schloss.

Leise Musik, Düfte....es war einfach herrlich, wie das Wasser über meine Haut prickelte. Ich wusch auch meine Haare und gönnte mir eine sündhaft teure Pflegepackung. Wenn schon, denn schon.

Ich schloss die Augen und genoss es einfach.

Als ich sie wieder öffnete, konnte ich aus dem Badezimmerfenster auf die Straße und den Bahnübergang sehen.

Da stand Lexi.

Mitten auf der Fahrbahn.

Jetzt setzte sie sich hin.

Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Männer in Fußballtrikots hielten die Autos an und versuchten den Hund einzufangen.

Mein Herz blieb fast stehen. Raus aus der Dusche, erstbestes Kleidungsstück geschnappt, Treppe hinuntergerast, gemerkt, dass das Kleidungsstück ein Nachthemd war, egal, Mantel darüber, Jesuslatschen an und raus. Der einzige Gedanke: „Mein Sohn wird nie mehr mit mir sprechen, wenn Lexi was passiert“ lief in Endlosschleife durch mein Hirn.

Fast schon draußen fiel mir ein, dass Lexi unser morgendliches Ritual der Medikamentenverteilung schon verinnerlicht hatte. Jeden Morgen bekamen unsere Senioren ihre Pillen in einem kleinen Klecks Leberwurst. Joker und Lexi nur den Klecks Leberwurst pur.

Ich schnappte mir also die Pillendose und aus dem Kühlschrank die Leberwurst. Halsband und Leine in die Manteltaschen. Die Jungs schauten mir verdutzt dabei zu. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass die Hundetür brutal aufgebrochen war, der Stuhl umgestoßen.

Dann rannte ich so schnell ich konnte auf die Straße. Zwischenzeitlich war die ganze Fußballmanschaft auf der Straße, in beiden Fahrtrichtungen ging gar nichts mehr.

Lexi geriet in Panik.

Männer, überall Männer in klackenden Schuhen mit wedelnden Armen und lauten Stimmen.

Sie floh.

Auf den Sportplatz. Da waren ja jetzt keine Männer mehr. Meine Jesuslatschen behinderten meinen Lauf hinter ihr her, und der Mantel war wohl für den Sommer etwas zu warm. Die Pflegespülung in meinen Haaren trocknete vor sich hin. Das Nachthemd war lang und verfing sich in meinen Beinen. Als ich schweratmend das Ende des Sportplatzes erreicht hatte, rief mir ein Fußballspielzuschauer zu, der Hund sei zurückgelaufen.

Also kehrte ich um, so schnell es ging. Wieder auf der Straße, wo inzwischen die Autos langsam weiter fuhren, immer bedacht 1. nichts zu verpassen, und 2. den Hund nicht zu überfahren.

Ich hatte unser Grundstück einmal umrundet. Langsam wurde mir klar, dass Lexi versuchte, wieder zu uns hinein zu kommen. Also lief ich weiter hinter ihr her, bis sie auf den Gleisen in Höhe unseres Gartentors Halt machte. Nahe dabei stand eine Frau und wollte sie packen. Ich schrie ihr zu, es bitte zu lassen. Ich hätte eine Idee.

Zum Glück fährt bei uns nur sporadisch ein Zug. Und den Fahrplan hatte ich genau im Kopf.

Es kam zum Showdown:

Vierzig Meter voraus stand Lexi auf den Gleisen.

Ich betrat den Bahnkörper.

Wir schauten uns an. Auge in Auge.

Ich stand breitbeinig da, um mit den Jesuslatschen auf dem Schotter Halt zu finden.

Links in der Hand die Pillendose, rechts die Leberwurst.

Irgendwo in meinem Kopf hörte ich leise die Titelmusik von „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Die Zeit schien stillzustehen. Die Umstehenden hielten den Atem an.

Dann zog ich blitzschnell.

Meine linke Hand schoss hoch und ließ die Pillendose klappern.

Sofort folgte meine flinke Rechte mit der Leberwurst.

Dazu die Zauberformel, so laut ich nur konnte, bemüht, nicht panisch zu klingen:

 

Lexi, komm, Pille Palle!

 

Sage ich Pille Palle, setzt bei unseren Jungs der Speichelfluss ein und auch Lexi kannte ja das Ritual.

Ich klapperte immer weiter und hielt die Leberwurst hoch in den Wind.

Es funktionierte.

Langsam kam sie näher. Dann war ihre Nase erfüllt vom Leberwurstduft und sie rannte in meine Arme.

Schnell das Halsband um den Hundehals und dann die Leine. Ich sank siegestrunken auf die Gleise. Etliche Zuschauer hatten das Drama verfolgt und applaudierten. Ein mitleidiger Fußballspieler fragte mich, ob mit mir alles in Ordnung wäre.

Oh nein, sicher nicht.

Haare, die zu Berge standen durch die völlig eingetrocknete Spülung, um 18Uhr an einem Spätsommerabend bei 24° im Wintermantel, unter dem ein rosa Nachthemd herausschaute und zur Krönung Jesuslatschen, die völlig in Fetzen hingen.

Aber ich hatte Lexi wieder, die ein Loch im Zaun zur Flucht genutzt hatte, und mein Sohn liebt mich heute immer noch.

 

Alles Pille Palle. Alles gut.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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