Wolfgang Küssner

Dreizehntausendzweihundertfünfundsiebzig

Wie mag die Welt wohl in 13.275 Jahren aussehen? Hat sich die Sahara bis an die Alpen ausgedehnt, oder zu einer total grünen Landschaft entwickelt? Ist Kalifornien noch mit dem Festland in Verbindung oder längst zur Insel geworden? Besteht Latein-Amerika noch, oder sind es nur noch die großen Vulkane, die aus dem Meer herausragen? Existiert das Osmanische Sultanat unter Erdogan dem 768. noch, oder ist es längst von Außerirdischen zerschlagen worden? Haben die Frauen in der arabischen Welt schon die gleichen Rechte? Ist der schwarze Kontinent vielleicht am ostafrikanischen Graben längst  auseinandergebrochen und driftet in den Indischen Ozean ab? Gibt es die Malediven, Bangladesch, die Südseeinseln, die Niederlande noch, oder stehen diese Regionen längst unter Wasser?

Hamburg koennte nur noch bei Ebbe auf dem Landwege zu erreichen sein. Nahezu sämtliche Häuser in der von hohen Schutzwällen umgebenen Stadt haben Beamstationen auf den Dächern. Die Korallenriffs vor Rügen, Oeland und Bornholm ziehen Taucher in Scharen an. Von Darß und Zingst bis rauf zur Kurischen Nehrung haben sich endlose, dichte Palmenwälder ausgebreitet. Finnland ist unverändert Moskito trächtig, doch ein Land der tausend Seen geblieben und tausend Orchideen geworden. Die Alpen koennten seit vielen hundert Jahren frei von Schnee und Eis sein. Wintersport ist total unbekannt. Der Mount Everest ragt 53 Meter hoeher in den Himmel, das momentane Wachstum als Basiswert genommen. Bangkok liegt 39 Meter tiefer als heute, vorausgesetzt, die Erde gibt nicht extremer nach. Venedig koennte, wie einst das sagenumwobene Atlantis, verschwunden sein, gesucht werden.

Tschernobyl und Fukushima werden vermutlich noch immer strahlen. Der Flughafen BER soll demnächst eroeffnet werden und dann als Space-Shuttle-Hub für ferne Galaxien dienen. Im ehemaligen Südwesten Deutschlands sind Hoehlenforscher auf ein Tunnelsystem mit metallischen Bändern gestoßen. Experten versuchen momentan, ein entdecktes, stark verwittertes Schild mit den Hieroglyphen Stuttgart 21 zu entschlüsseln. Sie erhoffen sich daraus Hinweise, welche Funktion dieses Tunnelsystem einst gehabt haben koennte. Aus dem Harz ist vielleicht eine neue Inselgruppe geworden. Werden die Menschen noch lesen, oder werfen sie sich nur noch digitale Zahlen-Kombinationen an den Kopf. Sprache wird unter Umständen zur einfachen Lautartikulation verkommen sein – Au! I! A! Andere werden sich die Frage stellen, ob Angela Merkel immer noch regiert.

Zugegeben, es hätte natürlich deutlich schlimmer kommen koennen. Doch wer weiß, vielleicht ist die Erde in 13.275 Jahren von einer meterdicken Eisschicht umgeben; jegliches Leben vernichtet? Wird uns ein neuer Buddha, Jesus oder Mohammed geboren werden? Vielleicht kommt es nicht ganz so schlimm, und die Menschen haben sich nur wieder zu vierbeinigen Lebewesen entwickelt. Erste Anzeichen dieses Mutationsprozesses sind bekanntlich heute schon auszumachen.

Lieber Leser, habe ich Sie jetzt in punkto Fantasie anstecken koennen, oder stellen Sie sich längst – es wäre für mich durchaus nachvollziehbar – die Frage, was treibt den Autor dieser Zeilen um? Ist der noch ganz richtig im Kopf, oder fahren die Synapsen zwischenzeitlich mit ihm Karussel? Wie kommt man auf so eine bloede Fragestellung, auf so eine abartige Idee? Nimmt der etwas in seinen Tee?

Ein Vertriebsmann, der die Verkaufsvorgaben erfüllt, eventuell gar übererfüllt, bekommt eine Prämie, eine Sondergratifikation. Ein Chirurg kann durch moeglichst viele Spezial-Operationen den Profit einer Klinik steigern und sich selbst das Bankkonto füllen, naja, zumindest aufbessern. Müssen, so stellte sich mir bei diesen Vergleichen vor wenigen Tagen die Frage, vielleicht auch Richter zur besseren Auslastung der Strafanstalten ein konkretes Jahressoll erfüllen bzw. verhängen? Diese Einrichtungen sollen bekanntlich auch kostendeckend geführt werden. Da gilt es zu planen, Nachschub zu organisieren.

Denn – und nun wird es endlich konkret, lichtet sich der Vorhang – kurz vor Jahresschluß wurde in einem Strafgerichtsverfahren in Bangkok der 34-Jährige Angeklagte Phudis Kittitharadilok wegen Betrügereien und Scheingeschäften zu 13.275 Jahren Gefängnis verurteilt. Jetzt verstehen Sie, lieber Leser, auch die Zahl, die zur Überschrift dieser Geschichte führte.

Der Verurteilte hatte von August 2015 bis September 2016 über zwei Scheinfirmen betrügerische Verbrechen an mehr als 1.000 Menschen begangen. Kredit-, Devisen- und Immobiliengeschäfte hatten die Kunden bewogen, mehr als 5 Milliarden Baht – das entspricht gut 130 Millionen Euro – auf die Konten des jetzt Verurteilten zu überweisen. Geld soll ja bekanntlich fließen. Was der Straftäter nun für Verprechen gemacht hatte, entzieht sich im Detail meiner Kenntnis; sicherlich wollten die Klienten orbitante Gewinne einstreichen. Es kamen in diesem Zeitraum über 1.000 einzelne Straftaten zusammen, die einzeln bewertet und mit einer jeweiligen Freiheitsstrafe geahndet werden sollen. Die Addition – hoffentlich hat sich da niemand verrechnet – ergab dann die stolze Zahl von 13.275 Jahren Gefängnis. Was da wohl im Kopf des Verurteilten passiert ist? Ob er an die Welt am Tag seiner Entlassung gedacht hat? Ob ihn Gedanken – wie oben - durch den Kopf gegangen sind? Vielleicht war er auch einfach nur erleichtert und glücklich, daß das Urteil nicht auf Lebenslänglich lautete.

Wenn sich nun ein in Thailand Angeklagter kooperativ verhält, zur Aufklärung beiträgt, sich für schuldig bekennt, vielleicht sogar Reue zeigt, so hat ein Richter die Moeglichkeit, das Strafmaß zu reduzieren. Für Herrn Phudis traf dieses zu. Vielleicht hatte der Richter bei Addition des Strafmaßes bedenken, die Anzahl der Jahre hinter Gittern koennten den Verurteilten verzeifeln lassen, jegliche Perspektive auf eine Zukunft danach nehmen, gar zerstoeren. Auch Straftätern muß nach Absitzen der Jahre ein Neustart - ohne Betrug - ermoeglicht werden.

Das war dann wohl der Moment, wo dem des Rechnens festen Richter die Auswirkungen des Strafmaßes bewußt wurden. Er machte von seinem Recht der Reduzierung des Urteils gebrauch und schickte Herrn Phudis für realistische 20 Jahre hinter Gitter. Das geringere Urteil wurde allerdings mit der Auflage verbunden, betrogenen Investoren 1,3 Milliarden Baht zurückzuzahlen. Auch eine beachtliche Zahl.

Statt nun über die Welt in 13.275 Jahren zu fantasieren, wird der Verurteilte beim fleißigen Flechten von Rattanmoebeln darüber nachdenken koennen, wann er die Summe von 1,3 Milliarden Baht erreicht, abgearbeitet haben wird. Erstmal heißt es also: In die Hände gespuckt. Und nachts, in der Gemeinschaftszelle, wird Herr Phudis vielleicht mal Ruhe finden und über die Welt nachdenken, wie sie denn wohl aussehen würde, hätte er die volle Zeit absitzen müssen, also 13.275 Jahre.

Januar 2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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