Steffen Herrmann

Die N-Wort Debatte

Hier soll nun von der N-Wort Debatte die Rede sein.

Sie lässt sich, ohne grosse Verzerrung, in eine einfache Frage fassen:

Darf man 'Neger' sagen?“

 

An dieser Debatte ist, neben ihrer beinahe kindlichen Anmutung, einiges bemerkenswert.

Sie wird von den Rechten mit grosser Leidenschaft, fast Inbrunst geführt und von der Linken als nicht legitim zurückgewiesen, also verweigert oder sogar ignoriert.

Das führt dann zu einer bizarren Einseitigkeit, wo die Argumente der Rechten in einem vermeintlich gewaltigen Echoraum herumgeistern. Es ist eine Debatte, die nicht vorankommt und die nicht enden kann, weil sie nicht einmal wirklich begonnen hat.

 

Ich nenne nun (ohne Schaum vorm Mund) einige Argumente der Befürworter.

Erstens: 'Neger', so heisst es, sei schon aus philologischen Gründen kein rassistischer Terminus, denn er bedeutet nichts weiter als 'schwarz' in Spanisch ('negro').

 

Zweitens: Sie nennen sich ja selbst so, wenigstens unter den Afro-Amerikanern ist das N-Wort eine gängige Selbst-Bezeichnung.

 

Drittens: Die Verwendung der Sprache soll frei bleiben. Man kann nicht alle Termini verbieten, die etwas transportieren, was nicht mehr in eine kulturelle Landschaft passt.

 

Viertens: Der Zwang zur politischen Korrektheit ist an sich ein Übel, weil damit die Ausdrucksfähigkeit leidet und letztlich die Freiheit des Denkens beschnitten wird. Man denke nur an die stilistischen Sünden gender-neutraler Texte. Wohin soll das führen? Letztens wurde ernsthaft (!) empfohlen, das Märchen 'Dornröschen' zu verbieten, wegen des nicht-einvernehmlichen Kusses ….

 

Fünftens muss es so etwas wie eine kulturelle Kontinuität geben. Vollkommen respektable Geistesgrössen wie Immanuel Kant oder Charles Darwin schrieben mit grosser Selbstverständlichkeit über 'Neger'. Sollen diese Stellen geschwärzt, umgeschrieben, verboten werden?

 

Sechtens: Selbst wenn es einmal ein rassistisches Wort war, kann es durch einen heutigen nicht-rassistischen Gebrauch wieder 'gereinigt' werden. Termini saugen Bedeutungen auf und verlieren diese auch wieder. Einfach die Worte auszutauschen – das hilft rein gar nichts.

 

Siebentens: Es gibt einfach keine befriedigenden Alternativen.

Was soll man denn sonst sagen?

'Farbiger' – sind die anderen denn farblos?

'Schwarzer' – Sie sind ja so wenig schwarz wie die Weissen weiss sind.

'Afrikaner' – dass trifft es nun gar nicht, denn was ist mit den Afroamerikanern, was mit den Buren und anderen 'weissen' Afrikanern?

Bleibt dann also nur 'Maximalpigmentierter', ein durch und durch ironischer Terminus.

 

An diesem argmumentativem Aufwand kann man erkennen, dass diese Frage mitunter für wichtig gehalten wird. Ganz so, als würde unsere Kultur ärmer, unser Leben trostloser, wenn wir nicht ab und an jemanden als einen 'Neger' bezeichnen könnten.

Es geht mir auch gar nicht darum, die genannten Argumenten durchzukauen, die Liste ist bestimmt nicht vollständig.

 

Am interessantesten ist der letzte Punkt, der in etwa besagt, dass es, um das zu bezeichnen, was bezeichnet werden soll, keine bessere oder auch nur gleichwertige Alternative gibt und dass deshalb der ursprüngliche Terminus auch gleich beibehalten werden kann.

Hier lohnt es sich nun einmal, die Fragestellung umzukehren.

Also: In welchen Kontexten ist es überhaupt notwendig, das zu bezeichnen, was mit dem N-Wort bezeichnet wird? Kann der Mangel an einer gleichwertigen begrifflichen Alternative vielleicht daran liegen, dass diese Bezeichnung heute ausschliesslich in rassistischen Kontexten benötigt wird?

 

In jedem Fall wird man darin übereinkommen, dass mit 'Neger' so etwas wie eine Rasse gemeint ist. Das Konzept der menschlichen Rasse ist eines der dunkelsten überhaupt. Es ist völlig unklar, wieviele dieser Rassen es gibt, woran sie zu erkennen sind und so weiter. Insofern ist es erstaunlich, dass auch heute noch in amtlichen Dokumenten von 'Rassen' die Rede ist, etwa im Einreiseformular der Vereinigten Staaten, wo man nebst den wenigen Alternativen immerhin 'Andere' ankreuzen kann.

 

Man kann diese unfruchtbare Ebene leichten Herzens verlassen und schauen, was die Wissenschaft dazu sagt.

In genetischer Hinsicht ist die Sache klar: Es gibt keine menschlichen Rassen. Das liegt erstens daran, dass der homo sapiens als Art sehr jung ist – wenige hunderttausend Jahre – und zweitens daran, dass die Gründerpopulation, von der wir alle abstammen, nur aus wenigen zehntausend Individuen bestand. Wir alle sind die Nachkommen der Überlebenden einer evolutionären Klippe, als unsere Art harsch am Aussterben vorbeigeschrammt ist. Zwei beliebige Menschen sind sich im Durchschnitt also weit ähnlicher als zwei Schimpansen, Hunde oder der meisten der anderen Spezies.

 

Allerdings gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen den (genetischen) Afrikanern und dem Rest der Menschen. Zunächst, und das versteht sich von selbst: Die einen sind geblieben, die anderen sind gegangen. Schon das öffnet Raum für Interpretationen, Spekulationen, wohl auch Forschungen. Man könnte sagen, dass es vornehmlich die Unruhigeren, die Neugierigen, die Entschlosseren waren, die ausgewandert sind, also eine tendenzielle Selektion im Genpools stattgefunden hatte. Ich kann nicht beurteilen, ob damit etwas Wichtiges oder wenigstens Richtiges behauptet ist, als Spekulation erscheint mir ein solcher Gedanke aber legitim.

 

Mit dieser Auswanderung sind aber zwei andere Aspekte verbunden, die wichtiger sind.

Erstens handelt es sich wieder um einen bemerkenswerten evolutionären Engpass. Von den inzwischen zahlreich gewordenen homo sapiens sind wiederum nur kaum mehr als zehntausend über die arabische Halbinsel ausgeschwärmt, der ausser-afrikanische Genpool erlebte wiederum eine rigide Homogenisierung.

Es mag für den Teutonen etwas befremdlich anmuten, dass er mit dem Vietnamesen oder dem peruanischen Indianer näher verwandt sein soll als zwei Afrikaner untereinander aber das Gute an der Wissenschaft ist unter anderem, dass sie das Sein vom Schein zu scheiden vermag. (Nebenbei gesagt: ein Mensch und eine Qualle oder eine Rose sind sich weit ähnlicher als verschiedene Bakterienstämme: alle Eukaryotenzellen beherbergen mehr oder weniger dieselben Stoffwechselwege, was bei Bakterienzellen nicht zutrifft.)

 

Zweitens, und jetzt kommen wir zu einem wirklich entscheidenden Unterschied: Wem begegnete der homo sapiens auf der arabischen Halbinsel? - Richtig, dem Neanderthaler!

Und die beiden Arten paarten sich munter miteinander, so dass das, was den Rest der Menschen von den Afrikanern unterscheidet, die zwei oder drei Prozent an Neanderthaler-Genen in unseren Chromosomen sind. Worin dieses Erbe konkret besteht, ist noch nicht völlig klar, man geht allerdings davon aus, dass die Neigung zu Depressionen dazu gehört.

 

Damit wollen wir den Ausflug in die Genetik beenden. Man sieht also, dass mit dem Wort 'Neger' tatsächlich etwas benannt werden mag, ich kann jedoch nicht erkennen, dass das auch ein hilfreicher Begriff ist. Für das Gewinnen von Erkenntnis, ja schon für rein kommunikative Zwecke steht heute ein Vokabular zur Verfügung, das weniger missverständlich und dabei genauer und deskriptiver ist.

 

Auf die Serie weltanschaulicher Argumente will ich nur am Rande eingehen. Ich kann nur empfehlen, hier die Betroffenen zu fragen. Man kann nicht gut behaupten, dass es sich um eine wertneutrale Bezeichnung handelt, wenn sie beinahe ausschliesslich als rassistisch wahrgenommen wird. Der Rassismus ist nicht ausschliesslich eine Erfindung des Westens, aber er hat hier eine wenigstens fünfhundertjährige Tradition und es scheint angebracht zu sein, bisweilen auf den genauen, jeweils intendierten Sinn der Worte zu reflektieren, deren Gebrauchsrecht man beansprucht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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