Olaf Lüken

Zeit ist Geld - Geld ist Zeit

Das Land der verlorenen Zeit

In meinem Herzen weht nun ein frischer Wind,
aus jenem weit entfernten Land.
Wo sind die blauen Hügel, geliebt als Kind,
wo Türme und Häuser, die ich einst gekannt ?
Es ist das Land der verlorenen Zeit,
so strahlend und rein wie zu Beginn.
Die hohen Wege lief ich weit
und komme dort nie wieder hin.

(A.E. Housman 1859-1936)


Renaissancepapst Leo X. (1475-1521), Mitglied des Bankiershaus der Medici, Kunst- und Wirtschaftsförderer, gab 1513 für den Bau der neuen Peterskirche Ablassbriefe heraus. Wer von den Sündern eine dieser Urkunden erwarb, konnte die Zeit seiner Sündenstrafe im Fegefeuer um 10, 100 oder 1.000 Jahre abkürzen. Der Gesamtaufenthalt im Purgatorium blieb für Sünderin und Sünder eine unbekannte Größe. Über die Zeitersparnis entschied der Geldbeutel, nicht die Gnade Gottes. 1517 soll der Augustinermönch Martin Luther auch aus diesen Gründen seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Luther wandte sich vor allem gegen einen Sündenerlass, der auch noch käuflich war, vom marktschreierischen Spektakel um die Ablassbriefe einmal ganz abgesehen. Dem geldschöpferisch umtriebigen Papst ging es vor allem um den Bau einer neuen und repräsentativen Papsttkirche auf dem Vatikanhügel und nicht um das kollektive Seelenheil katholischer Schäfchen und Lämmer. Geschert wurden alle. Über die Sündenvorstellung der Menschen in den späten Tagen des Mittelalters, mögen wir müde und ein wenig abschätzig den Kopf schütteln. Aber, wie sieht unsere eigene Zeitvorstellung aus ? Hat die Volksweisheit, dass "wer schläft, nicht sündigt" zeitgenössische Gültigkeit ?

Leben wir nicht auf dem Planeten "zu spät" und haben nie genug Zeit? Deshalb erledigen wir soviel wie möglich gleichzeitig und verlieren kostbare Zeit, anstatt sie zu gewinnen. Manchmal auch eben öfter, wenn die Uhr wieder rennt, wenn noch drei Minuten bleiben, wenn der Zeiger beinahe angekommen ist, wir aber wissen, dass der restliche Weg bis zum Ziel 15 oder 20 Minuten dauern kann. Wenn wir schneller laufen und anschließend fluchen, wenn unsere Gedanken kürzer und kleiner werden und nur noch die Worte "spät", "wie spät" oder "zu spät" aus dem Mund kommen ? - eben genau dann möchte ich anhalten. Irgendwo an einem Laden oder an einer Tankstelle stoppen, kaufen und kaufen, vor allem Zeit kaufen. Zehn Minuten für einen Euro. Meinetwegen. Vielleicht auch eine Zeitkarte in der Tasche haben und diese durch einen Schlitz ziehen können. Das Geld wird abgebucht und die Uhr wieder zurückgestellt. Wäre das nicht sagenhaft ? Zum Geburtstag schenkt man sich hübsch in eine uhrenförmige Dose verpackt, eine Stunde oder einen Tag als Wert- oder Zeitkarte. Und wer Swatch- oder Omegauhren erwirbt, nimmt am "Times and more - Prgamm" teil. Auch eine Rabattzeit könnte man einführen. Im Kaufhof gäbe es pro Eurokauf eine Sekunde geschenkt. Es würde Zeit-Millionäre geben, also Menschen, die nie etwas sofort erledigen müssen.

Auf der Straße laufen unermüdlich Zeitbettler herum, also junge Männer im grauen Anzug mit Bettelbechern aus alten rostigen Uhrengehäusen. Deren Bitte ? "Haste mal eine Sekunde für mich ?" Bei Günther Jauch "Wer wird Zeitmillionär ?" hieße die 100-Sekunden-Frage: "Was bedeutet MEZ?" Oder ähn-liches. Wir spielen Computerspiele, bei denen wir böse Menschen erschießen, digitale Hindernisse überwinden oder Rätsel lösen, um Zeit zu gewinnen. Unten springt eine Uhr von Null auf 30 Sekunden, und wir jubeln darüber mehr als über 34.567 erzielte Highscorepunkte.

Wir sind die unheimlichen Bewohner auf dem Planeten "zu spät" geworden. Wie wollen nicht wissen, was die Uhr zeigt, sondern wieviel Zeit uns noch bleibt. Ähnlich den Tauchern, die 30 Meter unter demnWasserspiegel nervös nachschauen, wieviel Sauerstoff in ihren Flaschen noch verblieben ist.

Zeit ist eine stets verrinnende Ressource für uns geworden. Morgens, wenn wir den Tag planen, schlagen wir Nägel in die 12 oder 14 Stunden, die wir täglich haben und leben hektisch von Nagel zu Nagel. Was für ein Kreuz ? Niemals kommen wir pünktlich an, und falls doch, haben wir in der Enge der  Zeit-spanne irgendetwas nicht geschafft. Nicht angerufen, nicht zurückgerufen, nicht abgeschickt...nicht...nicht...nicht.

(c) Olaf Lüken (2017)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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