Wolfgang Küssner

Weitsichtig

Der Deutsche, ein Produkt preußischer Erziehung, gilt als sauber und ordentlich, als aufrichtig und bescheiden, als ehrlich, fleißig, geradlinig und gewissenhaft, als rechtshoerig und sparsam, als redlich, als linksverachtend und unbestechlich, als zielstrebig und zuverlässig. Konsequent, berechenbar, akkurat, pingelig kommt er daher. Exemplare dieser Spezies teutonischen Ursprungs mutieren gar zu musterhaften Pedanten und Besserwissern, zu Klugscheißern, Erbsenzählern, zu perfekten  Korinthenkackern. Da ist es dann nicht mehr weit und andere, allen voran Ausländer, werden – total tugendfrei und fernab sonstiger Pingeligkeit - als Kameltreiber, als Kanaken oder  Kokosnüsse tituliert. „Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag....“.

Der Deutsche erklärt sich gern zum Volk. An seinem Wesen sollte einst die Welt genesen. Er liebt Schnäppchen und findet Geiz geil. Innerhalb eines Jahres verzehrt er weit über 800 Millionen Currywürste, säuft pro Kopf mehr als 9,7 Liter reinen Alkohol (Weltdurchschnitt liegt bei 6,2 Litern) und raucht in diesem Zeitraum etwa 80 Milliarden Zigaretten. Ob der Konsum von Currywürsten – ob nun mit oder ohne Darm - zu Todesfällen führte, ist weder belegt noch dokumentiert. Der Alkohol dagegen fordert täglich 200 Todesopfer, das Rauchen täglich etwa 300 Menschenleben. Allein in Deutschland.

Apropos Rauchen: An einigen Stränden in Thailand hat man sich angeblich die Mühe gemacht, diese Regionen von hinterlassenen Kippen zu reinigen. Es sollen zwischen 60.000 und über 138.000 Tabakstummel gewesen sein, die aus dem Sand zu entsorgen waren. Kann man so etwas überhaupt noch als Sand, als Strand bezeichnen? Hätte da nicht längst von einer Nikotin-Müllkippe die Rede sein müssen? Doch wer verbringt schon gern seinen Urlaub auf einer Müllhalde? Also Schweigen. Rauchen und die Reste im Sand ausdrücken, verstecken. Nach uns – hahaha - die Sintflut.

Wer weitsichtig ist, hat ein Problem mit einer Fehlsichtigkeit. Das Nahe erscheint dem Auge als unscharf und Zeitungen, Bücher Zeitschriften werden mit Hilfe eines – anfänglich - immer länger werdenden Armes gelesen. Das hat zwangsläufig Grenzen; die Arme sind mit der Zeit zu kurz. Es bedarf einer Brille oder Kontaktlinsen, diesen Verlust an Sicht zu kompensieren. Es gibt allerdings auch Momente, in denen gar keine Hilfsmittel noetig sind und der Weitsichtige die Realität direkt vor seinen Augen registriert. Ein natürlicher, gesunder Menschenverstand impliziert diese Art von Weitsichtigkeit. Auch dann, wenn stramme, tumbe Teutonen, von allen Tugenden verlassen, der Meinung waren, es handele sich um Kokusnüsse und nicht um denkende Hirne. Das Beispiel:

An 20 Stränden gilt in Thailand ab 1. November 2017 ein striktes Rauchverbot. Ab 1. Februar 2018 soll dieses Gesetz dann für sämtliche Strände im Koenigreich wirksam werden. Der Koerper wird dann nicht mehr vom Nikotin gebräunt, die Sonne wird für die Hautfarbe ursächlich sein. Der Strand wird wieder als Sand, aus seit vielen tausenden von Jahren zerriebenen Muscheln und Korallen bestehen und nicht mehr aus stinkenden, erloschenen Resten der Tabakindustrie.

Natürlich wird auf die Kranken, auf die Süchtigen Rücksicht genommen; sie bekommen Raucherzonen eingerichtet. Areale des Gespräches, der Kommunikation. Erfahrungen koennen ausgetauscht werden. Räume der Kontaktaufnahme, zum Kennenlernen bis dato unbekannter Mitmenschen. Zonen eines internetfreien Chattens. Allerdings auch Plätze, in denen die Raucher ihren Koerpern die berauschenden Schadstoffe zufügen; in denen sie den gesundheitsschädlichen Qualm inhallieren dürfen. Da koennte sogar ein Raum gemeinsamer, guter Vorsätze entstehen.                                                                                      

Das erklärt in Ansätzen den Titel dieser Geschichte. Und es kommt noch einiges hinzu. Eventuell führt der nun zum Rauchen erforderliche, koerperliche Aufwand an Bewegung dazu, daß die eine oder andere Zigarette weniger geraucht wird, sich der Inhallierende seines Tuns intensiver bewußt wird. Vielleicht sogar auf dem Weg zur Raucherzone schwächelt. Das Verbot bekäme etwas Fürsorgliches. Und außerdem denke man an die Probleme jugendlicher Einsteiger mit der Droge Nikotin. Hatten die ersten Rauchversuche nicht manchmal einen durchschlagenden Erfolg? Ging da nicht hin und wieder etwas in die Hose? Die jetzige Kampagne ist doch ein klarer Ausdruck von Weitsichtigkeit. Die angeblichen Kokosnüsse richten eine Raucherzone direkt vor dem Toilettenkomplex ein. Ganz klar: Kurze Wege. Vielleicht wird durch die räumliche Nähe ein ganz anderes Signal zusätzlich gesendet, eine andere Frage aufgeworfen: Koennte Rauchen eventuell für´n A.... sein? - Das ist doch wohl weitsichtig, oder?

 

November 2017

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