Peter Kröger

Das Schwert

 

Selbst von guten Bekannten und Kollegen bin ich insgeheim oder ganz unverhohlen belächelt und verspottet worden, aber das einsickernde Damoklesschwert ist meine Schöpfung, es gehört mir allein. Wer allerdings Damoklesschwert in eine Dreckssuchmaschine eingibt und ohne böse Absicht das scheinbar harmlose Wort einsickern hinzufügt, erhält einen Scheißhinweis auf die Kanaille Professor Peter Fleischhauer und einen Vortrag, den Fleischhauer vor Jahren im Sesemi-Weichbrodt-Saal des Rathauses der Hansestadt Lübeck gehalten hat und zwar zum Thema Das Damoklesschwert. Zur Genese seines Einsickerns in unser Leben. Ich weiß, es spricht nicht für mich und meine Belastbarkeit, dennoch bekenne ich offen, dass die bloße Erwähnung des Namens Fleischhauer bei mir immer noch zu Hautreizungen und Unlustgefühlen führt angesichts der Niedertracht eines Mannes, der einst stolz war, sich Freund und Weggefährte nennen zu dürfen und heute ahnungslos tut, wenn ich ihn zur Rede stelle und eine Erklärung fordere für Langfingerei im Geiste, für Arschigkeit am lebenden Objekt, dieser Ganove, Handlanger der Schlechtigkeit.

 

Dabei bin ich selbst schuld. Hätte ich das zerknitterte Oktavheft mit den Anmerkungen zum Tage nicht wutentbrannt über dem Küchentisch zerrissen und zerfetzt und als Schnipselhaufen angeekelt zurückgelassen, mein Mitbewohner Fleischhauer (einen Wohnungsgenossen will ich ihn nicht mehr nennen) hätte niemals jene Schnipsel einer, wie er es nannte, kritischen Rekonstruktion unterziehen können, die ihn schließlich zur Entdeckung und widerrechtlichen Aneignung des von mir erfundenen Fachbegriffs einsickerndes Damoklesschwert führte. Ich weiß schon: Allem Tun und Streben wohnt Nachahmung inne, in einem gewissem Sinn war alles schon da, nur die Formen, Quantitäten und Proportionen ändern sich, sehr richtig, sehr wahr, und so war es, wie mir Fleischhauer unverschämt anvertraute, erst die Setzung und Einsetzung dieses mythologisierend-gedrechselten Wort-Unikats und sein Bekanntwerden direkt im Anschluss an die quasi im mittelalterlichen Rahmen gehaltene Weichbrodt-Rede, die zu tausenden Anfragen seitens der interessierten Netzgemeinde führte, die Fleischhauer bis heute in schneidiger Niedertracht mein virtuelles Gefolge nennt. Dort, im schillernden aber auch etwas belämmerten Internet geschah es nun, dass Fleischhauer seinen Damokles-Vortrag als Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel Der Andere im Ich bedenkenlos in Szene setzte und zwar wie gehabt auf der Grundlage jener missglückten Oktavheftvernichtung, die meine Anmerkungen zum Tage enthielten, selbstredend ohne einen Hinweis auf die Herkunft und ohne die Möglichkeit der Teilhabe an Ruhm und Ertrag in einem allumfassenden Sinn. Die Begriffe Höckhatze (für Gartenschere), Wrünst (für Klimawandel) und hängende Odyssee (für das was es ist) sind von mir. Dafür wird er bezahlen. Ein Anwalt ist bereits mit der Materie befasst. Zufällig heißt er Fleischhauer. Ich leite ihn an.

 

Und schließlich: Eine Wohngemeinschaft ist eine Wohngemeinschaft ist eine Wohngemeinschaft. Nicht mehr. Und eine Freundschaft ist kündbar, Gott sei Dank. Doch ebenso klar ist: Die Wut ist die Geißel unserer Zeit. Peter Fleischhauer ist ein Dieb, alle Fleischhauers waren Diebe, alle Kreter Lügner, und doch ist es kein Zufall, sagt die lächelnde Visitenanführerin mit dem völlig in Vergessenheit geratenen schönen Namen Buff Woche für Woche, dass ich selbst es bin, von dem die Rede ist, ich, Peter Fleischhauer, Herr Fleischhauer, wie man hier sagt, in Wohngemeinschaft mit anderen und sich selbst, mein Freund und Feind in allen Lebenslagen, der Erfinder des einsickernden Damoklesschwerts, mein guter Janusritter von der traurigen Gestalt, wie meine Frau mich erfinderisch nennt, wenn sie mich besucht an den Gestaden des Meeres. Hals über Kopf sickert das Schwert in meine Adern, die Haut wird gereizt, und das Netz tanzt.

 

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