Paul Theobald

Was bei den Frankenthaler Brieftaubenzüchtern geschah

In den 1950er und 1960er Jahren gab es in der Stadt Frankenthal (Pfalz) mehrere Brieftaubenzüchter-vereine. Heute wird hier der Brieftaubensport kaum noch betrieben, während diese Stadt damals eine Hochburg in der Bundesrepublik Deutschland war. So hatte der Sportfreund Karl Lahnert auf einer Ausstellung des Verbandes deutscher Brieftaubenliebhaber e. V. in Essen eine Brieftaube, die die meisten Preise errungen hatte und mit den Preiskilometern, also den Flügen, auf denen sie Preise errungen, einmal die Erde umkreist hatte. Außerdem stellte er auf einer solchen Ausstellung den Standardvogel, also das von den Preisrichtern bestimmte schönste Männchen. Eine Brieftaube von Heinrich Maurer und von Karl Lahnert vertraten Deutschlands Farben bei der Brieftauben-Olympiade 1967 in Österreichs Hauptstadt Wien.
Die Brieftaubenzüchter setzten ihre Tauben, die sie auf die Reise schickten, in der Einsatzstelle Frankenthal ein. Es konnte unter den Sportfreunden allerhand geschehen, was sich dann unter ihnen sofort herumgesprochen hat.
Der Sportfreund Ludwig Müller, den alle „Gollo“ nannten, hatte oft verrückte Ideen im Kopf. „Gollo“ war ein Brieftaubenzüchter, der für Unruhe sorgte, weil ihm immer etwas einfiel, was nicht ganz „koscher“ war. So kam bei einem Flug eine seiner gesetzten Brieftauben, die nicht in den Taubenschlag ging, sondern auf dem Dach sitzen blieb. Die Ankunft der Brieftaube wurde damals mit einer Uhr festgehalten. Dies konnte aber erst geschehen, wenn der Gummiring, den die Brieftaube am Fuß trug, abgezogen und in die Uhr eingeworfen war. Nach der Uhrzeit wurde die Reihenfolge der Ankunft der Tauben festgestellt. „Gollo“ regte sich immer mehr auf, weil die Taube nicht in den Taubenschlag ging. Er holte ein Gewehr, um diese Taube abzuschießen. Doch als er anlegte, kam eine andere Brieftaube angeflogen und anstatt die auf dem Dach sitzende abzuschießen, traf er die Brieftaube, die gerade im Anflug war. Das Ergebnis war, dass die Taube, die auf dem Dach saß, natürlich weggeflogen ist und auf diesem Flug keinen Preis erzielte.
Ludwig Müller betrieb die Gaststätte „Zum alten Schießhaus“, die sich im Schützenweg 6 befand, was heute die Wirtschaft „Zum Angelo“ ist. Eines Tages stand in der BILD-Zeitung, dass ein Mann an den Spielautomaten die Zahlen, auch wenn diese laufen, ablesen kann. „Dies habe er trainiert und räubert somit alle Spielautomaten aus“ konnte man darin lesen. Der Wirt musste also Vorsorge treffen, damit dies nicht geschieht, wenn dieser Mann zu ihm in die Gaststätte kommt. So kam er auf die Idee, die Tasten des Spielautomaten unter leichten Strom zu setzen, was er damit tat, dass er einen Stecker in eine Steckdose tat. „Nach dem ersten Drücken einer Taste haben alle die Finger weggelassen!“ verkündete er stolz.
Natürlich gab es auch Brieftaubenzüchter, die gerne Gerstensaft tranken. Dies war verboten, bis die Tauben eingesetzt und zum Transport verladen waren. Einer, der gerne Bier trank, war Georg Lüne-burger, ein wahrer Idealist im Brieftaubensport, von denen es im Laufe der Jahre immer weniger gab. In der Nähe der Brieftauben-Einsatzstelle Frankenthal fand das Fischerfest des Fischereivereins Fran-kenthal e. V. statt. Georg Lüneburger beschloss, mit einem anderen Sportfreund dieses zu besuchen. Die beiden Kameraden sprachen in geselliger Runde mehr dem alkoholischen Getränk zu, als sie es hätten tun sollen. Als sie auf dem Weg nach Hause waren, verloren sie auf dem Kanaldamm ihre Brieftaubenuhren. Diese wurden von Spaziergängern gefunden. Da in jener Zeit bekannt war, wo sich die Einsatzstelle der Brieftaubenzüchter befand, brachten sie die beiden Brieftaubenuhren dorthin.
Unsere beiden Helden bemerkten aber nicht, dass sie diese verloren hatten, weil sie betrunken waren. Als ihre Brieftauben vom Flug zurück gekommen sind, suchten sie natürlich ihre Zeitanzeiger. An diesem Flug konnten ihre gefiederten Lieblinge keine Preise erringen, aber beide waren froh, als sie wieder in das Einsatzlokal kamen und dort ihre teuren Uhren vorfanden.
Eduard Szleiter war ein sehr fairer Sportfreund, der nicht nur an sich dachte, sondern wusste, dass in einer Gemeinschaft alle zum Zuge kommen müssen. So wünschte er sich zu Beginn der Reisesaison 1962, einmal bei einem Flug die erste Taube in der Einsatzstelle Frankenthal zu haben.
Zum Abschluss der Flugsaison 1962 führte am 2. September 1962 die Einsatzstelle Frankenthal, die sich in der Reisevereinigung Worms am Rhein und Umgebung befand, erstmals einen eigenen Ein-satzstellenflug ab München (300 Kilometer Luftlinie) durch. An diesem Flug nahmen also nur die Frankenthaler Brieftaubenzüchter teil.
Als die Brieftaubenuhren geöffnet und die Zeiten der Brieftauben festgestellt waren, kam man zum Ergebnis, dass der Sportfreund Eduard Szleiter die erste Taube hatte. Wer in jener Zeit auf einem Preisflug in der Einsatzstelle Frankenthal den ersten Preis errang, gab einen aus. Eduard Szleiter tat dies sofort und freute sich wie ein König, dass zum Abschluss der Reisesaison sein Wunsch in Erfüllung gegangen war. Doch als die Preisliste eine Woche später erschien, war Eduard Szleiter mit seiner Taube auf dem 2. Platz, während die Schlaggemeinschaft Theobald und Söhne Platz 1 belegte. Was war geschehen? Eduard Szleiter war nach Ludwigshafen-Edigheim verzogen und hatte seinen Taubenschlag nun im dortigen Münchbuschweg und nicht mehr in Frankenthal in der Dammstraße. Als man die Brieftaube von Eduard Szleiter auf Platz 1 sah, war man noch von seinem alten Taubenschlag ausgegangen. Deshalb war die Entfernung weiter, welche man für die Berechnung des Platzes 1 zugrunde gelegt hatte.
Eduard Szleiter hatte somit die Ehre, als einziger Brieftaubenzüchter für Platz 2 in der Einsatzstelle Frankenthal einen ausgegeben zu haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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