Olaf Lüken

Grün ist eine Farbe - Oder ?

Schauen wir auf eine Wald-, Wiesen- oder Parklandschaft, so entspannen wir. Unser Gemüt hellt sich auf.
Ein "grüner Star" tut es nicht. Schaltet die Ampel auf Grün, setzen wir unser Fahrzeug in Bewegung,
und der Fußgänger überquert, wenn's Männchen hellgrün aufleuchtet, die Straße. Wir folgen dem weißen
Pfeil auf grünem Grund und wissen, dass das Schild einen Rettungsweg markiert. Was allen Verkehrsteil-
nehmern Alltagsorientierung verschafft, ist für den Autofahrer mit der "grünen Welle" die reinste Ent-
spannung. Durchstarten können, und Fahren ohne anzuhalten. Kein grüner Heinrich in Sicht und keine
grüne Minna, die furchteinflößend durch die Gegend geistert.

Naturschützer, Klimaexperten und Umweltkämpfer votieren für die "grüne Lunge" und erinnern an den Erholungswert von Stadtpark und Stadtwald. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Andere Zeitgenossen weisen
darauf hin, dass man mit dieser Behauptung auf keinen grünen Zweig kommen kann. Ach du grüne Neune!
In der Farbpsychologie steht Grün für Durchsetzungsvermögen, Beharrlichkeit und Entspannung. Grün
wirkt beruhigend ohne zu ermüden. In der Farbtherapie fördert der Einsatz von Grün Eigenschaften wie
Hilfsbereitschaft, Ausdauer, Toleranz und persönliche Zufriedenheit. Grün ist die Identitätsfarbe ambovertierter Persönlichkeiten.

Modeorientierte Verkäuferinnen spotten gelegentlich über das giftgrüne Kleid, während Grünbegeisterte
Ökothemen wie das Waldsterben, das Ozonloch oder den "Grünen Punkt" thematisieren und Tschernobyl,
Seveso und Bhopal ökokritisch besetzen. Unsere Urängste prägen eine dunkle Zeitgeiststimmung. Unser
Alltagsleben schwankt zwischen Klimaschutz und Klimapanik. Die einen gerieren sich als Grün liebende
Schrebergärtner, die anderen gebärden sich wie ängstlich zappelnde Klimaangsthasen, weil alles Grün
ihnen erst einmal suspekt erscheint. Grün steht für die "Grüne Woche" ebenso, wie für Grünkohl, mit
seinem außerordentlich hohen Vitamin-C-Gehalt und den grünen Apfel, weil der noch unreif ist. Den
Big Apple einmal ausgenommen.

Zweifellos, die Farbe Grün ist auf dem Vormarsch, wenn wir den offiziellen Aussagen grüner Revolutio-
näre und Propagandisten Glauben schenken dürfen. Wir leben mit der Sparlampe, fahren einen Smart,
achten auf die konsequente Einhaltung, wenn es um Mülltrennung geht und besitzen einen Energiespar-
pass. Jeder zehnte deutsche Wähler entscheidet sich für Grün und die Grünen und sympathisieren mehrheitlich für Greenpeace und anderen Ökogruppen. Dem Bio-Landbau gehört ebenso unsere Zuneigung,
solange die Preise moderat und mäßig bleiben. Gartengrün vor der Haustür genießen wir schon deshalb
pur, weil es uns an das Frühjahr und an das erste frisch duftende Gras erinnert, mit der Aussicht auf
warme und grüne Sommerferien. Wir lieben das Grün der Heimat und nicht die feuchte Tropenhitze
der grünen Hölle, mit all den grünen Giftschlangen, die im Urwaldgrün kaum auszumachen sind. Grün
in seiner negativen Besetzung steht für Unreife, das Giftige und Dämonische. Grün macht uns auch
Angst.

Zweifellos sind wir im Laufe der letzten Jahre gewissensgrün geworden, und das ganze Land tritt für
die sanfte und blickentspannende Naturfarbe ein. Saubere Atomkraftmeiler, statt dreckiger Kohlekraft-
werke. Leise rotierende Windkrafträder, statt eine bleihaltige und rußige Schwere auf Straßen und
und Wegen. Und weil uns Deutschen der Wald so sehr am Herzen liegt, kaufen wir Bier für die Ret-
tung des äquatorialen Regenwaldes. Wir protestieren gegen die Rodung kohlenstoffspeichernder
Wälder und hoffen im Stillen, dass US-Präsident Donald Trump irgendwann sein Herz auch für Natur-
themen öffnen wird. Vielleicht auch deshalb, weil Tag für Tag 150 Tier- und Pflanzenarten sterben,
darunter so süße Exemplare wie der grüne Laubfrosch, ein in unseren Regionen beliebter Wetter-
kletterer. Wer das nicht glaubt ist ziemlich grün hinter den Ohren.

Die Farbe im Islam ist ebenfalls Grün. Mohammed (570 bis 632 n.Chr.) soll gesagt haben, dass
schon das Anschauen des Grünen Gottesdienst sei. Grün ist im Islam die Kultfarbe schlechthin. Als
der Prophet, Führer und Begründer einer neuen Weltreligion 630 Mekka eroberte, trugen seine Mit-
kämpfer ein grünes Banner. Zu Grabe getragen wurde Mohammed in Medina. Während der Begräb-
niszeremonie überspannte die junge Gemeinde seine Stätte mit einem grünen Dach. Der Prophet
trug zu Lebzeiten gern grüne Gewänder und einen grünen Turban. Grün wurde nach dem Tod
Mohammeds die Wappenfarbe islamischer Nachfolgestaaten.

Grün ist mehr als eine Kombination von Blau und Gelb. Grün ist die Farbe organischer Natur und
eine Gewissensfarbe für die Nationen schlechthin. Auf der Erde wird Grün eines Tages den end-
gültigen Sieg davon tragen. Mit uns oder ohne uns.

(c) Olaf Lüken

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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