Gertraud Widmann

Karneval - anno dazumal


Bei uns in Bayern heißt das ja eigentlich „Fasching“, aber egal. Jedenfalls, für
diese Art Spaß hatten die meisten Leute in der Nachkriegszeit nichts übrig,
denn sie waren hauptsächlich noch damit beschäftigt, das zerbombte München
wieder aufzubauen.

Meinen kleinen Bruder Hubert und mich interessierte das damals eigentlich gar
nicht. Viel wichtiger war, dass die Mutter endlich den großen grauen  „Persil“-
Karton  vom Speicher holte, in dem das Jahr über die Utensilien für den Fasching
aufbewahrt wurden.
Heuer wollten wir uns als Cowboys - beziehungsweise "Cowgirls" - verkleiden.
Die Sachen für meinen Bruder waren eigentlich schnell hergerichtet: kariertes
Hemd, dunkle Hose, gelbes Halstuch und ein  Cowboy-Hut aus schwarzem Filz.
Bei mir war das schon schwieriger – wie das halt bei Mädl`s so ist. Doch dann
hatte auch ich alles beisammen: Eine weiße Bluse mit Manschetten aus rotem
Plastik, eine rote Weste, dazu passend ein rotes Halstuch, sowie einen beigen
Cowboy-Hut. Bis dahin ging`s ja noch, aber dass ich dazu diesen potthässlichen
schwarz-gelb-karierten Glockenrock anziehen sollte, das  hat mir ganz und gar
nicht gefallen. Ich hätte viel lieber so neumodische „amerikanische“ Jeans, die
man jetzt schon vereinzelt sah, gehabt. Doch die kamen nicht in Frage. Erstens
war ich mit meinen neun Jahren viel zu klein (ca. 1,20 m) und zweitens konnten
sich meine Eltern solche Hosen nicht leisten. Alles bitten und betteln bei meiner
Mutter half mir nichts. Ganz im Gegenteil! Sie hatte nämlich bei Vater  „gepetzt"
und der sprach schließlich ein Machtwort:
   »Du ziehst diesen Rock an - Aus, Äpfel, Amen«.
Dieses „Aus, Äpfel, Amen“ (was auch immer das bedeutete), das wir als Kinder
andauernd zu hören bekamen, hieß bei meinem Vater: Ende der Diskussion!
Übrigens, noch viel unmöglicher als der karierte Rock, das waren die braunen
Wollstrümpfe die ich dazu würde anziehen müssen ...

Aber das Allerwichtigste des ganzen Cowboy-Kostüms waren die silbernen
Kapsel-Revolver - mein Bruder hatte zwei davon, ich einen. Bestückt waren sie
jeweils mit einer kleinen (auswechselbaren) Papierrolle, auf der Zündplättchen
geklebt waren. Sie steckten in Revolvertaschen aus weißem Plastik, die mit
silbernen Nieten verziert und am Gürtel fest zu machen waren. Diese Revolver
mussten wir natürlich gleich ausprobieren, solange bis unserer Mutter der Krach
und der Gestank zu viel wurde und sie uns beide in den Hof verbannte.

Endlich war Faschingssonntag. Gleich nach dem Mittagessen zogen wir unsere
Kostüme an, schnallten die „Revolvergürtel" um und schon ging`s los.
Voller Übermut hüpften meine Bruder und ich den Rosenheimer Berg hinunter
und ballerten was das Zeug hielt. Ein paar ältere Leute, die wir mit dem Radau
erschreckt hatten, schimpften und drohten uns mit dem Zeigefinger.  Aber wir
konnten nur lachen - es war ja schließlich Fasching.
   Kurz vor der Ludwigsbrücke wollten wir zur Isar hinunter, da versperrten uns
plötzlich ein paar Buben, die nur ein wenig älter waren als ich, den Weg. Sie
kreisten meinen Bruder ein, schubsten ihn herum und rissen ihm beide Revolver
aus den Händen. Einer gab Hubert noch einen heftigen Rempler, sodass er der
Länge nach hinfiel - dann rannten sie dreckig lachend davon.

Das Ganze dauerte vielleicht ein, zwei, Minuten ... Ich stand da wie angewurzelt
und kapierte nix - aber schon gleich gar nix. Was passierte  hier eigentlich?
Weshalb hatte sich mein Bruder überhaupt nicht verteidigt? Wieso ließ er denn
das alles mit sich machen? Ich hatte keine Antwort.
   Schließlich rappelte sich Hubert ganz langsam auf. Dann putzte er sich wie in
Zeitlupe seine Hose ab und stolperte leise weinend auf mich zu. Ich dachte mir,
das sei`s jetzt gewesen - ja von wegen!  Auf einmal verzog er sein Gesicht und
begann fürchterlich zu schreien:
   »Geeertraaauuud, meine Revolver, duuuu, die da haben meine Revolver,
Geeertraaauuud, meine schönen Revolver, Geeertraaauuud …«.
   Dieses Geplärr ließ mich auf einmal „wach“ werden. Und als ich die Typen sah,
wie sie in der Nähe auf einer Bank hockten, lachten und grölten und ihre Beute
begutachteten, da wurde ich grantig. Aber so richtig grantig!
Ich lief auf sie zu - die Hände zu Fäusten geballt - baute mich vor ihnen in voller
Größe (wie gesagt 1,20 m) auf und schrie:
   »Wenn ihr Gloifel (Rüpel, unverschämte Kerle)  jetzt nicht s o f o r t die zwei
Revolver `rausrückt, aber dann schreie ich und zwar SO laut, dass das ganze
Stadtviertel zusammenläuft! «.
Die Rotzlöffel lachten nur. Und weder die deftigen Schimpfwörter (mei Liaba,
wenn die meine Eltern gehört hätten!) die ich denen an den Kopf warf, noch
mein Zorngerötetes Gesicht, beeindruckten sie.  Also musste ich es auf eine ganz
andere Tour probieren.
   »Hört mal, wie wär`s, wenn ich euch eine (!) Mark Lösegeld geben würde? «,
fragte ich scheißfreundlich.
Das wirkte tatsächlich. Ich gab denen also eine Mark, sie gaben mir die beiden
Revolver und der Tauschhandel war perfekt.

Für mich war das allerdings ein sehr schlechtes Geschäft, denn ich hatte jetzt für
den restlichen Monat kein Taschengeld mehr. Stattdessen aber einen zufriedenen
und glücklich grinsenden kleinen Bruder ...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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