Hartmut Müller

Meine Obscuritis I

Es ist zum Verzweifeln, aber man sieht mich nicht. Erfolglos frage ich mein halbes Leben nach dem Warum.  Blei-be ich dem Auge des Betrachters entzogen und sozusagen verdeckt und versteckt, weil ich so unauffällig bin? Andere Leute würden ein Vermögen darum geben, wenn sie diese Eigenschaft hätten, denn Unsichtbarkeit gehört zu den ältesten Menschheitsträumen wie Fliegen und Fernsehen. Wir sind einerseits alle irgendwie ähnlich und andererseits höchst unterschiedlich, und eines wissen wir auch: wenn wir uns mit irgendeiner Materie näher beschäftigen, stellen wir fest, wie alles zunehmend komplizierter und unübersichtlicher wird, was wir anfänglich noch ziemlich sicher wussten, wird zu einem weiten Feld bzw. löst sich mehr und mehr in Nebel auf, und so ist es auch hier. Ich nehme an, dass du von dem Problem persönlich nicht betroffen bist, und deshalb bin ich dir, was das Wissen um Unsichtbarkeit betrifft, momentan vielleicht ein paar Schritte voraus, aber ich will gerne versuchen, dass du zu mir aufschließt. Es ist nämlich so, dass wir es zumindest mit zwei Typen zu tun haben, ich nenne sie gleich mit ihren wissenschaftlichen Namen: Obscuritis I und II, und du wirst sehen, dass es große Unterschiede zwischen beiden gibt (der Kürze halber nenne ich sie ab jetzt O I und O II, und noch eins: beim Aussprechen wird „Obscuritis“ auf der dritten Silbe betont, also dem i).
Man kann ja ganz allgemein nur etwas mit einiger Sicherheit beurteilen, wenn man es am eigenen Leib erfahren hat, einem Kind kann man hundertmal erklären, dass es keine heiße Herdplatte anfassen soll, und erst, wenn es sich die Finger verbrannt hat, weiß es bescheid.
Ich leide an O I und kann dir versichern, dass das ein sehr zweifelhaftes Vergnügen für mich ist. Ich habe sie mir nicht ausgesucht, sondern ich habe sie, und etwas genauer: sie hat mich. Ihre weiteren Kennzeichen sind, dass sie unzuverlässig ist und man sie nicht an- und abstellen kann. Ihre Unzuverlässigkeit bemerke ich daran, dass ich von einigen Wesen ganz offensichtlich wahrgenommen werde und von anderen nicht, und das will ich dir zum besseren Verständnis nachfolgend an verschiedenen Beispielen erläutern.
Kürzlich wurde mir an der Mole einer bekannten Hafenstadt von einer großen frechen Silbermöwe im Vorbeiflug ein gerade gekauftes Fischbrötchen aus der Hand gerissen, also muss sie mich doch gesehen haben, oder sah sie vielleicht nur den Matjeshering? Dass diese Tiere ausgerechnet Silbermöwen heißen, ist mir rätselhaft, sie sind groß, braunscheckig und können unglaublich laut schreien. Ich nehme ein besseres Beispiel. Wenn ich im Sommer abends in den Garten gehe, fliegen mir verschiedene Amseln mit plötzlichem Geflatter hautnah am Kopf vorbei, weil sie sich durch mich gestört fühlen, denn sie betrachten Haus und Grundstück als ihr Revier, sehen mich als Eindringling und wollen mir Angst machen. Kürzlich stand ich vor einem Schaufenster und erschrak, weil mir eine Taube aus dem fünften Stockwerk die Überreste ihrer letzten Mahlzeit klatschend und spritzend auf den haarlosen Kopf verabfolgte, eine eindeutige, beabsichtigte und gezielte Unverschämtheit. Ich kann daraus nur schließen, dass Vögel mich sehen, denn das können nicht alles Zufälle sein.
Wenn dir diese Beispiele noch zu subjektiv gefärbt oder als Behauptungen eines Pessimisten erscheinen, dessen Glas immer halb leer ist, dann will ich weitere Beweise antreten, die dich überzeugen werden. Ich bin selber erstaunt, was da zusammenkommt, fange am besten in der Gegenwart an und gehe dann gedanklich zurück. Das jüngste Beispiel stammt vom heutigen Tag, es ist eben passiert. Ich war im Krankenhaus zu einer periradikulären Infiltration S1li mit Xylocain und Volon A40 wegen einer lang anhaltenden Lumboischialgie mit starken Schmerzen, die selbst im Schlaf noch zubissen. Als halbnacktes und halb blaugefrorenes Bündel kam ich aus dem CT- Gehäuse, wurde im Bett auf den Flur geschoben und dort vergessen. Alle, die nach mir kamen, waren längst um hundert Ecken und Etagen in ihren Zimmern, nur ich nicht. Heerscharen von WeißkittelInnen waren an mir vorbeigezogen, einzeln und in Pulks, hin und zurück, bis eine mitleidige Schwester staunte, dass ich immer noch hier auf dem zugigen Flur liege, und sie versuchte, bei der Schiebertruppe Dampf zu machen. Ergebnis: nach weiteren 10 Minuten kam einer, der links und rechts noch alles Mögliche zu erledigen hatte und nahm mich dann irgendwann mit. Als ich ihm sagte, dass ich hier schon weit über eine Stunde liege und man mich wohl vergessen hätte, meinte er „Hier wird niemand vergessen, und länger als zehn Minuten hat noch niemand gewartet!“ Ich blieb stumm, weil ich keinen Streit anfangen wollte, und schon gar nicht in meiner Situation, aber mir war wieder einmal klar: ich bin ein Niemand, und niemand sieht man nicht. Ich hoffe, dass du dich nicht langweilst, aber ein letztes Beispiel muss ich noch loswerden: ich fahre mit dem Auto durch Berlin, als es rechts einen Knall gibt und ich mich nach einer 180- Grad- Hochgeschwindigkeitskehre auf der anderen Seite der 6- spurigen Straße wiederfinde. Ein Fahrer kam nämlich mit gutem Tempo aus einer Seitenstraße, überfuhr zunächst ein Stoppschild und landete in meiner rechten Seite. Er blieb ganz ruhig und behauptete zu den zwei Polizisten, neben denen sich alles ab-gespielt hatte, er hätte niemanden gesehen. Ja, so ist das mit mir, und ich könnte die Reihe solcher Erlebnisse beliebig fortsetzen.
Schon in der Schule hatte ich unter meiner O I zu leiden, obwohl ich damals noch gar nichts von dieser Krankheit wusste. Wenn Aufsatzhefte zurückgegeben und die Noten vor der Klasse verlesen wurden, kamen alle dran, nur ich nicht, obwohl ich als Einziger eine 1 hatte. Entweder hatte der Lehrer mein Heft irgendwo liegenlassen, oder es war in seinem Schrank nach ganz unten und ganz hinten gerutscht. Bei der Wahl der Mannschaftszu-sammenstellung stand ich zum Schluss ganz allein auf dem Sporplatz, von niemand gerufen oder gebraucht.
Sitze ich mit ein paar Bekannten in einer Gaststätte, bekommen alle ihr bestelltes Essen, nur meine Bestellung wurde sonderbarer Weise nicht aufgenommen.
Wenn ich im Wald nordic walke, grüße ich jeden dem ich begegne, aber niemand grüßt zurück, vermutlich denken sie, Opfer einer Halluzination zu sein.
Wir können einen Versuch machen und uns z.B. beim Metzger nach Blutwurst anstellen. Ich prophezeie dir: wenn ich vorn stehe und du hinter mir, wirst du als Erster gefragt! Aber wie ich dich kenne, stehen diesem kleinen Versuch von deiner Seite drei Dinge entgegen: es ist dir zu mühselig, du isst keine Blutwurst oder so spannend ist das Thema für dich nun auch wieder nicht.
Übrigens ist die zuletzt geschilderte Szene eine Standardversion bei mir, und wenn ich dann frage, warum man mir nichts verkaufen will, werde ich als Stänker und Drängler beschimpft.
Soweit zur O I unter spezieller Berücksichtigung meiner Person.
Aber es gibt auch andere bzw. gegenteilig erscheinende Erfahrungen, die jeder Logik entbehren und mich irritieren, weil es unter mehreren Personen immer nur mich allein trifft.
Als es in Europa noch streng kontrollierte Grenzen gab, gingen die uniformierten Typen relativ schnell durch den Bus, um vor mir stehen zu bleiben, meine Papiere andächtig zu studieren und mich zur Leibesvisitation zu bitten, der Bus konnte mindestens eine halbe Stunde nicht weiter, und wenn ich dann zurückkam, wurde ich von verschiedenen Seiten beschimpft.
Bei den Soldaten war es ähnlich, da wurde immer jemand für besonders unangenehme Aufgaben gesucht, und das war ich.
Wenn irgendwo ein rostiger Nagel auf der Straße liegt, bohrt er sich in mein Hinterrad, und ein kleiner Stein im Schwarzbrot zertrümmert mir einen Backenzahn, mir allein.
Solche Sachen meinte ich, als ich die O I als unzuverlässig bezeichnete.
Bei der O II dagegen kann man selbst darüber verfügen, ob ja oder nein, und wenn ja: wann, wo, wie, wie lange usf., sie ist also unserem freien Willen unterworfen. Das mag zunächst komfortabel oder positiv klingen, aber wo unser freier Wille herrscht, gibt es immer einen oder mehrere Haken. Ich halte die O II übrigens für grundsätzlich negativ, ja sogar für kriminell, denn sie ist in meinen Augen nur was für Neugierige, Spanner und ähnliches lichtscheues Gesindel, die sie lediglich zur Befriedigung krankhafter Gelüste oder für Erpressung, Raub u.a. Verbrechen nutzen, ohne Entdeckung oder Bestrafung fürchten zu müssen. Sie wird von Grimmelshausen in einem Band seiner umfangreichen Lebensbeschreibung detailliert geschildert, kommt da aber viel zu gut weg. Werkzeug zur Unsichtbarmachung auf eigenen Wunsch ist bei ihm übrigens ein schwer zu beschaffendes Vogelnest, und wer es in Händen hielt, war quasi durchsichtig. Hier ist der Vollständigkeit halber hinzuzufügen, dass Grimmelshausen die Unterschiede zwischen O I und O II nicht bekannt waren und in seinem Werk deshalb ausgeblendet bleiben mussten. Schade.
Später wurde über das Problem ernsthaft nachgedacht, aber bisher ist keine befriedigende praktische Lösung bekannt geworden, es sei denn, dass es sie längst gibt, sie aber wegen der Brisanz ihrer Anwendung und aus Kostengründen lediglich Geheimdienstexperten zugänglich ist. Nur soviel: Man kann sich einen aufrecht stehen-den kreisrunden Zylinder (etwa wie die verkleinerte Ausführung einer Litfaßsäule) vorstellen, der außen mit einem Stoff aus Totalreflexionsfasern verkleidet ist, bei dem die dicht an dicht nebeneinander liegenden Ein- und Aus-tritts- Faserenden radial nach außen zeigen und genau um 180° versetzt sind. Bei höheren Ansprüchen kann man an eine Lichtverstärkung etwa in Faserlängsmitte denken. Der Zylinderdurchmesser muss dabei etwa 750 und die -höhe 1995 mm betragen, und innerhalb des Zylinders stehst oder gehst du, denn du weißt ja, dass ich mit der O II nichts zu tun haben will. Einige Möglichkeiten, die sich Grimmelshausen als Besitzer des Vogelnestes ausmalte, sind heute längst von anderen und ganz unspektakulären Medien übernommen worden, beispielsweise das Beobachten von Menschen in allen denkbaren Intimsituationen: kein Film, in dem nicht Männer beim Pinkeln oder Paare beim Sex beobachtet werden.
Man kann sich also auch anders helfen, und doch gibt es die O II tatsächlich unter uns, ohne dass wir sie greifen können, das ist ja auch ihr eigentlicher Sinn, und auch dafür wenigstens 2 Beispiele:
Ich kenne einen gewissen A, der in dem Moment unsichtbar wird, wenn es um anstrengende Arbeit geht, ein Symptom, das er schon im zarten Alter von 6 Jahren an sich bemerkte und ihm treu geblieben ist, er ist jetzt 72. Vermutlich handelt es sich dabei um eine O I- Sonderform, ich nenne sie Sequentielle Obscuritis vom Typ I, es ist jedoch auch möglich, dass es sich um einen Grenzfall zwischen O I und II handelt, das ganze Gebiet scheint mir noch in den Kinderschuhen zu stecken.
Einen ähnlichen Fall kenne ich durch einen Bekannten B, dem vor etwa zehn Jahren exakt 400.000 € abhanden kamen, und die Hälfte davon hatte er als Kredit aufgenommen. Alles ging an einen Finanz- und Immobilienmakler, der ihm eine Superrendite versprach, und der ist seither so unsichtbar, als sei er vom Erdboden verschluckt. B war sieben Jahre lang in Privatinsolvenz und hat dabei eine gesunde Lebensweise entwickelt (Fahrrad statt Auto, kein Internet, viel Wald und Natur statt Musikantenstadl, alle Tabletten konnten abgesetzt werden…), und so hat immer alles zwei Gesichter, mindestens.                                                                                                                2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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