Matthias Neumann

Schuld

Schuld

 

Sie hat den Ort ausgewählt. Es gefällt mir hier nicht. Sie mag es, wenn wir zusammen Neues entdecken. Es macht sie glücklich. Darum komme ich mit.

Ich war davon überzeugt, wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen würden, indem wir uns auch in meinem Haus aufhalten, würde es uns beide glücklicher machen. Das waren nur Argumente, die ich mir selbst vorgehalten habe … die ich mir eingeredet habe, um mich zu täuschen. In Wahrheit habe ich dabei nur an mich gedacht … was mir am besten gefallen würde. Ich bin davon ausgegangen, alles was mir gut tut, ist auch gut für sie. Dabei habe ich keine Rücksicht auf ihre Bedürfnisse genommen.

Der Herbstwind streift über das lange Gras. Wie Wellen auf dem Meer wiegt sich die dichte Oberfläche aus dunklem Grün. Sie geht mitten hindurch, taucht darin ein. Ich bleibe lieber auf dem Weg.

Ich wollte sie vor vollendete Tatsachen stellen und hatte, ohne etwas zu verraten, alles für einen spontanen Aufenthalt vorbereitet. Alles. Doch dann konnte ich mich doch nicht überwinden. Ich wollte sie auf keinen Fall drängen, lieber auf eine passende Gelegenheit warten. Dadurch wurde das Vorhaben immer wieder hinausgeschoben.

Wir gehen auf den Deich. Die an Touristen gewöhnten Vögel umkreisen uns in Schwärmen. Sie haben jede Scheu vor den Menschen abgelegt. Das unüberschaubare Gedränge schärft meine Sinne. Ich habe keine Angst vor den Tieren, halte aber Vorsicht für angebracht.

In der Zwischenzeit hatten mich viele Freunde besucht. Natürlich haben auch einige die Toilette benutzt, ich habe nur ein Badezimmer. Einige wussten auch die Zeichen zu deuten und sprachen mich darauf an. Die Zahnbürsten, die Handtücher ... das Offensichtliche. Viel zu spät fiel mir auf, dass ich ebenfalls die anderen Dinge habe offen liegen lassen ... gut sichtbar für alle. Auch die Windeln. Ich hätte mich nicht mit der Behauptung herausreden können, dass sie ein Kind hat. Das wäre naheliegend gewesen, denn niemand kannte sie. Doch die Verpackungen für Erwachsene sind eindeutig und auf den ersten Blick erkennbar ... Missverständnis ausgeschlossen.

Wir nähern uns dem Strand. Sie balanciert geschickt auf den Wellenbrechern. Wie schafft sie es, so unbeschwert zu sein? Wir haben nie darüber geredet, was sie alles durchgemacht hat, wie viele verletzende Erfahrungen sie erlebt hat.

Ob jemand die verräterische Verpackung wirklich wahrgenommen hat, kann ich bis heute nicht sagen. Darauf angesprochen hat mich niemand. Vielleicht ist es ihnen so egal wie mir ... oder sie sind einfach nur verständnisvoll. Doch man kann nie sicher sein, ob so eine Information nicht doch irgendwann einmal nach außen dringt ... auch nach so vielen Jahren. Zur Sicherheit habe ich alle infrage kommenden Kontakte vernachlässigt und schließlich ganz abgebrochen. Schon allein die Möglichkeit, dass es doch bekannt wird, möge sie noch so klein sein, und dass ich es erst möglich gemacht habe, wiegt für mich so schwer, als hätte ich es persönlich verraten.

Wir gehen durch das Watt. Meine Schuhe sitzen zu locker und drohen bei jedem Schritt stecken zu bleiben. Ich muss mich beim Laufen konzentrieren, damit ich sie nicht verliere.

Bisher ist nichts geschehen. Nur werde ich niemals die Gewissheit haben, ob meine Tat wirklich unentdeckt geblieben ist. Dieses Vergehen lastet immer noch auf mir. Es wird nicht verjähren.

Sie gräbt mit den Fingern im Schlamm, ist begeistert von den Dingen, die sie dabei entdeckt. Ich versuche wenigstens Interesse zu zeigen. Sie blickt hinter meine Fassade. Insgeheim findet sie Gefallen an meiner mürrischen Art.

Ich werde nie mit ihr glücklich sein können. Doch so lange sie es mit mir ist, werde ich alles tun, damit es so bleibt. Ich kann sie nicht verlassen … so einfach werde ich nicht davonkommen.

Es wird Zeit, dass wir gehen. Am Horizont ist nichts zu erkennen und wir sind nah am Ufer. Es kann nichts geschehen, selbst wenn wir unachtsam sind. Doch ich habe beständige Angst vor der Flut. Sie erkennt es und will unseren Aufbruch weiter hinauszögern. Sie mag diese Spielchen, versucht mich immer wieder aufzuziehen. In solchen Momenten denkt sie, ich ziere mich nur. Sie glaubt, ich habe genauso viel Spaß wie sie und kann es nur nicht zugeben. Sie hofft, dass sie mich ändern kann, mit auf ihre Seite ziehen, in mir die selbe Begeisterung wecken. Sie will erreichen, dass ich irgendwann meine heimliche Freude so offen zeigen kann wie sie. Das hält sie bei mir. Sie wird nie erfolgreich sein...

Ich gehe mit ihr noch ein kleines Stück weiter nach draußen und sehe nicht zurück. Das Ufer verspricht keine Sicherheit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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