Günther Würdemann

Der Malermeister und der Koch

Malermeister Pinsel war in unserem Dorf wohl bekannt. Wo immer es etwas zu streichen oder zu tapezieren gab, wurde er gerufen und erledigte seine Arbeiten gewohnt sauber, ordentlich und pünktlich zur Zufriedenheit seiner Kunden. Da Handwerk ja bekanntlich goldenen Boden hat, ging es ihm finanziell gut, so gut, dass er mit seiner Frau fast jeden Sonntag in einem der besten Restaurants am Ort ein gern gesehener Gast war. Er sparte auch nicht mit Lob dem Besitzer und dem Koch gegenüber, wenn es seiner Frau und ihm besonders gut geschmeckt hatte.

An einem Wochenende hatte ich das Glück, bei einer Hochzeitsfeier, zu der auch Meister Pinsel und Frau als Verwandte des Bräutigams geladen waren, dabei sein zu dürfen. Sie wurden am Eingang der Gaststätte vom Hausherrn und vom Koch per Handschlag willkommen geheißen. Nach dem vollzähligen Erscheinen auch der anderen Gäste begann die Feier mit einer mehrminütigen Tischrede. Danach speiste man vorzüglich in mehreren Gängen mit Vorsuppe, Hauptgericht und Nachtisch. Immer wieder erschien der Koch beim Malermeister, um sich die gute Qualität dessen, was die Küche angerichtet hatte, bestätigen zu lassen. Nach jedem Lob des Meisters konnte man förmlich sehen, wie die Körpergröße des Kochs zunahm, er buchstäblich über sich hinauswuchs. Man merkte allerdings auch, dass das zu häufige Erscheinen des Kochs dem Malermeister lästig wurde. Als der Küchenchef nach Beendigung des Essens erneut erschien, um sich noch mal ein dickes Lob für seine Kochkünste abzuholen, wurde diese Aufdringlichkeit dem Malermeister doch zu viel. Ihm platzte sozusagen der Kragen. Er lobte zum wiederholten Male die Künste des Küchenpersonals und die Qualität der Speisen, hatte aber einen kleinen Einwand und meinte, ihm habe eine wichtige Zutat gefehlt. Der Koch erstarrte kurz, sein Gesicht verfärbte sich ins Rötliche und er schrumpfte auf Normalgröße zurück. Nachdem er seine Fassung wieder erlangt hatte, erlaubte er sich, nachzufragen, was dem Gast denn nun auf der Zutatenliste gefehlt habe. Herr Pinsel verzog leicht die Mundwinkel und antwortete mit einem hintergründigen Lächeln: „ Meiner Meinung nach fehlte an der Bratensoße ein kleiner Tropfen Terpentin.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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