Ingo R. Hesse

Ach könnte ich doch bei Google meine Brille anmelden!

Seit etwas über elf Jahren bin ich wieder frei. Junggeselle. Solist. Manche würden auch sagen ein selbstbestimmender Selbstbestimmer. Also gewissermaßen ein Relikt aus Vor-Emma-Zeiten.

 

Aber so schön dieses Leben auch ist. Ich erlebe auch Schattenseiten. Bin ich doch, seit ich im Internet unterwegs bin, zum Freiwild mutiert. Ich habe mich daran gewöhnen müssen, dass sich die schönsten, erfolgreichsten und erotischsten Frauen aus den verschiedensten Bundesländern um mich reißen. Und ich gebe zu, es schmeichelt mir auch hin und wieder. Obwohl es meistens nur lästig ist, so begehrt zu sein. Wenn ich auch die Freude an meinem wachen Geist und die Gier nach meinem magnetisch-maskulinen Körper durchaus nachvollziehen kann.

 

Anfangs, ich war noch schüchterner als heute, ließ ich mich nur ungern auf Telefonate mit den Bewerberinnen ein. Aber irgendwann, spätestens als ich einmal bemerkt hatte, dass ich nicht der vierundfünfzigjährigen Tantra-Masseurin aus Jena, sondern mit einem vierzehnjährigen Pennäler über meine intimsten Vorlieben gechattet hatte, bestehe ich selbst auf einem zeitnahen Fern- oder Ortsgespräch.

 

Und selbstverständlich speichere ich jede Rufnummer, von der ich denke, dass ich der betreffenden, einsamen aber durchaus willigen Dame eine Chance geben sollte. Also alle.

 

Und damit ich sie auseinanderhalten kann, man erfährt ja nicht in jedem ersten Gespräch den vollen Vor- und Nachnamen, habe ich da so meine ganz eigenen Gedächtnis-Stützen. Das kann dann die „ElfiLablueLeipzig“ sein, die „Dekolletee-Magdeburg“, „Mini-Köln“ oder „Sub-Schee-Eifel“. Natürlich gibt es auch „BeLehrerinFriendscout“ oder „CamSchnitte-Meerbusch“ und viele andere.

 

Zu viele andere inzwischen!

 

Denn, obwohl ich alle zwei Jahre einen neuen Mobilfunkvertrag abschließe, und obwohl ich in den elf Jahren nun schon das vierte Endgerät in Betrieb genommen habe, werde ich selbst „7KinderBoppard“ und „KopfschlächterinBonn“ aus dem Jahre 2007 nicht mehr los. Und, das muss ich wohl dazu erwähnen, ich bin absolut schusselig. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an das dazu passende Telefonat oder gar ein ein Foto oder ein Date erinnern.

 

Was bringt mir also eine „AussichtsreichBerlin“ oder eine „StrohwitweAndernach“, mit der ich vor acht Jahren einmal kurz telefoniert habe, an die mich mich aber (vielleicht berechtigter Weise) beim besten Willen nicht erinnern kann?

 

Also, so sagte ich mir vor ein paar Wochen als ich mein neues Smartphone in Betrieb nahm, wie immer mit Android-System, dieser Misere setze ich jetzt ein Ende.

 

Ich schrieb mir also die Rufnummern meiner vier langjährigen Freunde und die meiner drei platonischen Freundinnen auf. Dann löschte ich, noch am alten Handy alle Daten aus dem Telefonspeicher und von der SIM-Karte.

 

So!!! ...(dachte ich)

 

Dann nahm ich das neue Telefon in Betrieb. Und an irgend einer Stelle kam ich nur weiter, indem ich mein google-email-Konto angab. Wobei ich mir wie bei so vielem, eigentlich bei fast allem in meinem Rentnerleben, so gar nichts dachte.

 

Doch nun habe ich plötzlich wieder alle jemals gespeicherten Adressen und Rufnummern in diesem verd.. Handy!

 

Und als wenn das nicht reichen würde, habe ich nun, nachdem ich einmal versucht hatte, im Google Konto all meine Kontakte zu löschen, im ersten Moment scheinbar erfolgreich, ..all diese Kontakte seit 2006 gleich dreifach in diesem Gerät.

 

Schön verziert mit verschiedenfarbig unterlegten Anfangsbuchstaben. Das alles würde mich ja nicht so sehr aufregen, wenn diese Smartphones noch eine Wählscheibe hätten. Da hatte man ja noch zigmal die Möglichkeit, sich zu überlegen ob man wirklich, …. .

 

Nicht so bei dieser neuesten Technik. Einmal einen violetten Button (früher Knopf) eine Millisekunde zu lange schief angeschaut, und schon bin ich mit „VergissEsEmden“ oder „AuweiaFinyaLippstadt“ verbunden. Und habe keinen Schimmer, … .

 

Deshalb, egal wie sich das alles noch entwickelt, wenn ich doch nur bei google meinen Haustürschlüssel, meine Brille und meine Selbstachtung … !

 

Naja! ;-)

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