Wolfgang Küssner

Kleine Urlaubs-Geschichten 8 - Ein Mosaik

Casanova à la Thai

Ob die fragwürdige Leistung eines thailändischen Bezirksleisters nördlich von Bangkok für das Guinnes Buch der Rekorde reicht? Denn beachtlich ist es schon, was der jetzt 58-Jährige dieser Tage in einem Interview gestand: Er habe 120 gesetzlich geheiratete Frauen und mit ihnen 28 Kinder. Bei seinen Nachbarn gilt der Herr als liebenswürdig, angenehm, anerkannt und trägt den Beinamen Casanova.

Da er Bauunternehmer sei, habe er alle seine Frauen mit einem Grundstück und Haus versorgt. Sozusagen eine casa nuova vom Casanova. 22 seiner Frauen lebten vor Ort, die anderen über das Land verteilt. Nur die südlichen Provinzen stellten so etwas wie Brachland, wie jungsfräuliches Gebiet dar. Als Unternehmer sei er in vielen Orten mit dem Hausbau beauftragt worden. Doch als erstes habe er in diesen Gemeinden nach einer weiteren Ehefrau Ausschau gehalten. Und da er im Süden des Königreichs keine Bauten hochzuziehen hatte, blieben dortige Ehen aus.

Ob es keinen Streit zwischen seinen vielen Frauen gebe, wollte der Journalist wissen. Nein, er habe immer mit offenen Karten gespielt und sich für jeden Neuzugang die Zustimmung der schon vorhandenen Frauen eingeholt. Der Casanova wußte jedoch ergänzend zu erwähnen, daß er sich immer jüngere Frauen ausgesucht habe. "Ich mag keine älteren Frauen, sie streiten mir einfach zu viel; verursachen nur unnötigen Ärger.“ Ob der Leser mit dieser Weisheit des Casanovas etwas anfangen kann?

Übrigens: Polygamie ist in Thailand seit 1932 verboten, doch bis auf den heutigen Tag ist es üblich, sich neben der Hauptfrau eine Nebenfrau zu halten. Ein Feldmarschall namens Sarit Thanarat putschte sich 1958 an die Macht. Ein Viertel des Staatshaushalts soll er für seinen teuren Lebenswandel abgezweigt haben. Denn er hatte – wenn sich niemand verzählt hat – 171 Konkubinen zu versorgen. Und da das Guinnes Buch der Rekorde seit 1955 geführt wird, hat unser heutiger Casanova, bei aller bisheriger Anstregung, den Eintrag – noch – nicht erreicht.

 

Mittwochs nie

Mittwochs, zumindest nachmittags, sind in Deutschland viele Arztpraxen geschlossen. Ob die Ärtzte sich ein paar freie Stunden gönnen, Hausbesuche durchführen, versuchen, dem immer umfangreicher  werdenden Verwaltungsaufwand gerecht zu werden, bei ihrer Haus-Bank Kapitalanlage betreiben, oder gar wissenschaftliche Untersuchungen studieren, entzieht sich meiner Kenntnis. Gegönnt sei ihnen alles und noch mehr. Sie haben jedenfalls am besagten Tag häufig geschlossen und der Patient tut gut daran, sich gar nicht erst auf den Weg zu begeben. In Notfällen steht natürlich eine ärztliche Versorgung zur Verfügung.

Notfälle gibt es beim Friseur – von verhunzten Schnitten einmal abgesehen – meistens nicht. Und doch ist der Kunde auch hier gut beraten, den Friseur am Mittwoch nicht aufzusuchen. Das ist zumindest in Thailand ratsam. Das würde nicht gut enden. Davon sind die Thais jedenfalls überzeugt. Ihr Geisterglaube rät dringend davon ab. Mittwochs scheint so etwas wie Geisterstunde zu sein. Ob sich die bösen Geister nun beim Frisuer treffen, ist wohl eher eine typisch deutsche Fragestellung. Vielleicht ist einem Friseur vor Jahren an einem Mittwoch die Schere außer Kontrolle und an die Ohren geraten; vielleicht ist jemand auf dem Heimweg vom Friseur an einem Mittwoch ein Unfall passiert; eventuell ist auch nur in der Nähe eines Salons an einem Mittwoch ein Sack Reis umgefallen. Die bösen Geister müssen ihre Finger jedenfalls im Spiel gehabt haben. Also keine neue Frisur, kein Haarschnitt am Mittwoch.

Wobei die Geister generell Einwände gegen Schneiden am Mittwoch zu haben scheinen. Denn es ist an diesem Wochentag nicht nur ratsam, vom Kürzen Haare Abstand zu nehmen, sondern genauso empfohlen, die Finger- oder Fußnägel nicht zu kürzen. Als Europäer würde man vielleicht sagen, wer kann schon  etwas gegen gepflegte Personen haben. Doch die Geister sehen das offensichtlich total anders. Für einen Thai heißt es jedenfalls: Haarschnitt, Schneiden der Nägel? Mittwochs nie.

 

Der Sonntag

An den letzten goldenen Herbst oder weißen Winter wird sich der Leser vielleicht erinnern; an einen schwarzen Freitag mit Crash an der Börse vermutlich weniger, dafür ist der blaue Montag sicherlich ein fantasievoller Begriff. Apropos Montag: Dem Mond war dieser Tag im altbabylonischen Reich (ca. 1800 vor Christus) gewidmet. Das antike Rom hatte diese Zuordnung übernommen und für uns ist daraus der Mond-Tag, der Montag geworden. Ein jeder Wochentag hat seine Geschichte; längst der Historie zugeordnet, vergessen, ohne jeglichen konkreten Bezug.

In anderen Kulturen ist die Geschichte der Wochentage bis heute lebendige Realität, gelebter Alltag. Zum Beispiel in Thailand. Jedem Wochentag ist hier ein Schutzgott mit entsprechendem Reittier zugeordnet. Astrologische Regeln, die von hinduistischer Mythologie beeinflußt sind, bestimmen Namen und Farbe des jeweiligen Tages. Zusätzlich hat der Buddhismus jedem Tag eine Buddha-Figur in entsprechender Pose zugeführt.

Der Sonntag heißt auf Thai Wan Athit (wobei wan nichts anderes als Tag meint). Der Tag ist der Haupt-Sonnengottheit Surya des Hinduismus (auf Thai: Phra Athit) gewidmet. Surya kommt meist in einem von Löwen gezogenen Streitwagen daher. Der Wagen wird von Arun (aufgehende Sonne) gelenkt. Das Wahrzeichen Bangkoks ist der Tempel Wat Arun. Für den Himmelskörper Sonne steht Surya und die Farbe des Sonntags ist folglich Rot. Es darf nicht wundern, daß das zugeordnete Element das Feuer ist. Die vielleicht auch im Ausland bekannte politische Bewegung der Rothemden führt nicht wegen der Liebe oder revolutionärer Gedanken Rot im Namen, sondern weil sie sonntags für ihre Interessen demonstrierten. Milliardäre lenken die sogenannten Rothemden.

Zum Sonntag gehört eine Buddha-Figur in stehender Position. Der Buddha in Achtsamkeit. Die Arme sind leicht angewinkelt, die Hände liegen in Schoßhöhe; die rechte Hand befindet sich über der linken. Die Augen sind geöffnet.

Der Montag folgt.

Kopfende

Das Leben mit den bösen Geistern kann schon zu einer richtigen Belastung, fast möchte man von Plage schreiben, werden. Sie sind zwar nirgendwo zu sehen, doch überall gegenwärtig; treiben in allen Bereichen ihr Unwesen. Selbst vor ruhenden Menschen machen sie nicht halt, mischen sich bei kleinsten Fehlern ein.

Die Schlafgelegenheit eines Menschen sollte in Thailand so konzipiert sein, daß er in ruhender, schlafender Position nicht gezwungen ist, seinen Körper in Ost-West-Richtung zu platzieren, sodaß der Kopf Richtung Sonnenuntergang weisen müßte. Das wäre ein schwerer, fundamentaler Fehler, den die bösen Geister mindestens mit Albträumen, wenn nicht gar mit Schlafentzug bestrafen würden.

Die umgekehrte Lage wäre praktikabel. Ebenso würden Nord-Süd-Lagen, gleich wohin der Kopf zeigt, keine Probleme mit sich bringen. Aber niemals darf der Kopf Richtung Westen zeigen.

Natürlich gibt es eine Ausnahme. Der Todesfall. Jetzt darf der Kopf des Verstorbenen gern dem Sonnenuntergang zugewandt sein. Der Körper ist eh von allen guten Geistern verlassen und die bösen haben ausgespielt, können nichts mehr anrichten.

September 2017

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