Peter Kröger

Rosenquist

 

 

Um dem Hochwasser führenden Rhein im neuerdings fahrig daherkommenden Januar meinen Gruß zu entbieten plante ich einen Sprung von der Hohenzollernbrücke in das kühlende Nass des quirligen Gesellen, geriet aber dann wie so oft durch eine Ungenauigkeit des Wollens auf gedankliche Abwege und zog es schließlich vor, wie tausende und abertausende Kunstfreunde vor mir, die Rosenquist-Austellung zu besuchen. Aber Rosenquist enttäuschte mich, der Eintritt in seinen Kosmos gelang mir nicht. Zudem machten mir Horden von Schulklassen das Leben schwer, und ich flüchtete und betrank mich in einem Bierlokal, einer üblen Spelunke, wie man sie gelegentlich aufsucht im Zustand großer innerer Zerrissenheit. Finstere Burschen zerrten mich schließlich ins Freie, schlugen mich zusammen und raubten mich aus, sodass ich mich mit einer Barschaft von wenigen Cent sowie einer Kopfplatzwunde und geprellten Rippen im Dreck liegend auf der Domplatte wiederfand. Dieser Banausenklüngel! Die Stadt war voll von solchen Herrschaften. Oh, wie ich Rosenquist verfluchte, er hatte mich von der Hohenzollernbrücke gelockt, er hatte all meine Hoffnungen auf ein Kunsterlebnis der besonderen Art zunichte gemacht und mich in die Arme von Wegelagerern und Spitzbuben getrieben. Ich war Vater Rhein untreu geworden und hatte die Quittung erhalten. Um Rosenquist machte ich fortan einen großen Bogen. Doch die Chance, mich mit dem Flusse treulich zu verbinden, war ebenso unwiderruflich dahin, mochten Februar und März, Schneeschmelze und gute Absichten noch so großspurig daherkommen. Noch heute denke ich oft über das Verhältnis von Verlorenem und Bewahrtem nach. Die prügelnden Lumpen von damals sind längst meine Freunde geworden; ein ganz klein wenig, wohlgemerkt mit der Grazie eines Hauchs, wurde ich wie sie. Alles renkt sich ein, irgendwann. Das Hochwasser verging und verschwand. Doch viel fehlte nicht, und mein Kopf hätte Schaden genommen. Es war der Seele vorbehalten, zu erfühlen, was Rosenquist mir nahm: den sicheren Tod, den Glauben an das Schöne. Gleichviel, er rettete mich, das Gute gewann die Oberhand. Schulklassen kommen und gehen. Die Dämmerung küsst meine Lippen und flutet das Land.

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