Paul Theobald

Den treuen Weggefährten des Menschen gewidmet

Bisher habe ich nur über Personen geschrieben, die mir bekannt waren. Und so ist es an der Zeit, auch etwas über die treuen Weggefährten des Menschen zu schreiben. Wenn die Schlagersängerin Andrea Jürgens, die mittlerweile verstorben ist, mit dem Lied „Ein Herz für Kinder sollten alle haben“ ganz oben in der Hitparade stand, so hat sie die treuen Weggefährten des Menschen vergessen. Das sind die Tiere, für die man auch immer ein Herz haben sollte.
Als Kind machte ich meine ersten Erfahrungen mit dem Hund, der auf den Namen „Rolf“ hörte. Er gehörte den uns gegenüber wohnenden Wirtsleuten Diehl, die in der Kanalstraße 33 die Gaststätte „Zum Nachtlicht“ betrieben. Rolf war ein Hund, den man keiner Rasse zuordnen konnte. Vielleicht liebte er deshalb besonders Kinder, die mit ihm alles anstellen durften. Er wurde nie böse und ertrug alles geduldig. Kinder durften sogar auf ihm reiten. Wenn ich und mein Zwillingsbruder im Kinder-wagen auf der Straße standen, passte er auf, dass uns kein Erwachsener zu nahe kam. Nur meine Mutter ließ er an den Kinderwagen heran. Der Bürgersteig fiel zur Straße hin etwas ab. Drohte der Kinderwagen auf die Straße zu rollen, legte er sich vor diesen. Umso trauriger war das Ende von Rolf, denn er wurde von einem Auto überfahren. Noch heute erinnere ich mich, dass ich tagelang Ausschau nach Rolf hielt, meine Eltern und die Eheleute Diehl fragte, wo sich Rolf befindet, was mit ihm geschehen ist, bis man mir eines Tages sein Grab zeigte, das sich im Hof der Gaststätte befand. Einen besseren Freund als Rolf konnte ich als Kind nicht haben.
Der Bauer und Metzger Fritz Mehlmann, der nebenan wohnte, hatte ein Pferd, mit dem er, auf seinem Fuhrwerk sitzend, jeden Werktag nach dem Mittagessen auf seine Äcker fuhr, die sich in der Nähe des Strandbades befanden. Gegen Abend kam er zurück. Das Pferd war ein sehr braves, und wir Kinder durften es streicheln. Es freute sich, wenn es viele taten und wenn man es fragte, ob es noch gestreichelt werden will, dann nickte es mit dem Kopf.
Seit seinem dritten Lebensjahr war mein Vater Brieftaubenzüchter. Die Leistungen der „Rennpferde des kleinen Mannes“ habe ich immer bewundert, aus großer Entfernung den Weg in den heimatlichen Schlag zurück zu finden. Wie dies geschieht, ist bis heute nicht genau erforscht, aber ihr innerer Wegweiser zeigt immer nach Hause.
Eines Tages sagte mein Vater zu mir, dass er ein Junges habe, dessen Eltern durch das Pflanzen-schutzmittel E 605 umgekommen sind. Sie waren auf einem Feld, haben auf diesem Körner gefressen und dabei auch das Gift eingenommen. Das Junge wäre verendet. Aber es gab die Möglichkeit, das Junge mit der Hand groß zu bringen. Das ist möglich, wenn es nicht mehr mit auf den Speisebrei der Eltern angewiesen ist. Diese Aufgabe übernahm ich. Dazu musste ich Bohnen und Erbsen eine gewisse Zeit in Wasser aufweichen lassen. Dann konnte ich damit das Junge füttern. Es war ein hellgehämmertes Weibchen und hatte die Ringnummer 05399 63 1004. Diese Taube hat sich wohl daran erinnert, dass sie ihr Leben mir zu verdanken hatte. Wenn sie im Schwarm flog und mich auf der Straße sah, dann stürzte sie auf meine Schulter herab. Sie pickte an meinem Ohrläppchen, so als wollte sie sagen: „Guten Tag, ich bin da!“ Ich streichelte sie und sagte dann zu ihr: „Jetzt ist genug!“ und sie flog davon. In der Carl-Theodor-Straße, in die wir im Herbst 1959 von der Kanalstraße gezogen waren, war das Kath. Altersheim Heilig Geist und dessen Bewohner/innen sahen staunend, dass immer dieselbe Taube aus der Luft zu mir flog. Und so rätselten sie, wie dies möglich ist. Auf die Idee, dass ich diese Taube großgezogen hatte, kam niemand, bis ich sie darüber aufklärte.
Sie freuten sich darüber, dass die Brieftaube nun so anhänglich ist. Wenn die Heimbewohner/innen an einem Tag nicht sahen, dass sie auf meine Schulter flog, wurde sofort nachgefragt, ob ihr etwas zugestoßen ist.
In den 1950er und 1960er Jahren war es üblich, in den Häusern Tiere zu halten. Es gab sie in fast jedem Haushalt. Ich erinnere mich, dass meine Eltern einen Hund, Hühner, Hasen, Brieftauben, Hamster, Meerschweinchen, Fische und Katzen hatten. Die zehn Landwirte, die in unserem Stadtviertel waren, hielten Schweine, Kühe und Rinder, Ziegen und Pferde.
Die erste Katze, die meine Eltern hatten, war „Mohrle“, die so hieß, weil sie ein schwarzes Fell hatte. Sie weckte mich jeden Morgen, wenn sie von ihrem nächtlichen Ausflug zurück kam. Sie sprang dann in mein Bett, und zwar so, dass ich erwachte. Ich musste keinen Wecker stellen. „Mohrle“ kam immer um dieselbe Zeit, mit einer Abweichung von höchstens 5 Minuten. Nachteilig war nur, dass sie nicht wusste, wann ich nicht zur Arbeit musste. Dann sagte ich zu ihr: „Komm‘ und lege dich zu mir!“ was sie dann tat, und wir schliefen gemeinsam. Sie holte mich immer am Hauseingang ab und begrüßte mich, wenn ich zurück gekommen bin. Sie hörte, wie ich den Haustürschlüssel ins Schloss tat, dass ich es bin. Dann war sie nicht mehr zu halten und rannte an die Hauseingangstür. Als sie Anfang April 1989 starb, war sie fast zwanzig Jahre alt. Aber in meinem Herzen lebt sie, wie auch die anderen Tiere, immer noch, und ich sehe sie vor meinen Augen, wie sie mir entgegen kommt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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