Wilhelm Westerkamp

Ein Mann und seine Neurosen

Der Mann stand mit dem Rücken zur Wand und die Innenflächen seiner Hände lehnten sachte dagegen. Sein Blick war glasig, was schwer zu erkennen war, weil er andauernd zu Boden schaute und sein spitzes Kinn berührte dabei beinahe seine breite Brust.
Zudem trug er eine hellblaue Jeans und dazu einen schwarzen Ledergürtel. Und dazu passend, noch ein neonfarbenes T-Shirt, welches ihm gut zu Gesicht stand. Doch was man dem gutaussehenden Mann nicht unbedingt gleich ansah, war, das es ihm gesundheitlich gar nicht so gut ging, wie man hätte vermuten können, denn er war bereits fünfzig Jahre alt und seine kurzen Haare waren bereits seit Jahren völlig ergraut.
Die Midlifecrisis hatte er bereits hinter sich gelassen, so hat sie ihn aber schwer belastet und er spürte förmlich, dass er körperlich schwächer wurde, und auch seine bestechende Merkfähigkeit hatte nachgelassen, auch wenn er mit diesen Einschränkungen sich nicht wie ein Greis fühlte, aber betroffen machte ihn das schon.
Wenn er sich in seinem Badezimmer befand und dort mürrisch in seinen extravaganten Spiegel schaute, dann sah er einen Mann mit dem er sich nicht identifizieren konnte, obwohl er es ja selber war, den er in seinem Spiegel misstrauisch beäugte. Diese pathologische Abneigung sich nicht im Spiegel betrachten zu können, lässt wohl darauf schließen, das der Mann sich nicht so recht leiden konnte, was er seelisch gesehen auch durchaus spüren konnte.
Eine Psychotherapie, die Jahre zurück lag und lange andauerte, brachte keinen Erfolg, jedenfalls nicht den, den er sich davon erhofft hatte. So wurde die Therapie zum absoluten Tiefpunkt in seinem Leben, so dass er dem behandelndem Psychiater nach dem Leben trachten wollte, er aber vernünftig genug war, dies nicht in die Tat umgesetzt zu haben. Und so blieb er unglücklich trotz der Therapie bei diesem namhaften Therapeuten. Auf eine weiterführende Gesprächstherapie bei einem anderen Psychiater, hatte er aber keine Lust mehr.
So stand er noch immer in seinem Badezimmer vor seinem Luxusspiegel und starrte unablässig dort mit grimmiger Miene hinein. Dennoch war er ganz ruhig dabei geblieben, so als hätte er sich narkotisiert, was aber nicht sein konnte, denn er war weder Arzt noch Anästhesist. Aber vielleicht war alles nur Einbildung und hatte mit der Realität wenig gemein - doch ein Funken Wahrheit, wird in dieser Geschichte wohl schon stecken.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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