Helene Hages

Der einsame Wolf

Er war der einzige Rüde in einem Wurf kräftiger dominierender Weibchen, und sein Kampf begann unmittelbar nach seiner Geburt um die ergiebigste Zitze am Bauch seiner Mutter, der Alpha - Wölfin.

Es blieb ihm zwar erspart das letzte, schwächste der Welpen zu sein, aber seine Schwestern begannen schon früh ihn mit spitzen Zähnen und hinterhältigen Finten zu traktieren. Sie packten mit ihren scharfen Fangzähnen sein weiches Fell und zerrten zu zweit, gar zu dritt an seinen empfindlichen Ohren, während eine Andere an seinem Schweif kaute. Er wehrte sich, so gut er konnte, doch meist suchte er letztlich sein Heil in der Flucht und verkroch sich in einer entlegeneren Ecke der Wurfhöhle, aus der ihn seine Mutter regelmäßig vorsichtig mit ihrem Maul im Genick packte und ihn zu den anderen legte.

Die Zeit verging, es wurde wärmer und die Welpen waren fast entwöhnt. Täglich verließ nun die Wölfin die Wurfhöhle länger um für alle jagen zu gehen.

Am Anfang noch blieben die Jungen ängstlich im Bau, doch allmählich siegte die Neugier und die erste junge Wölfin schob vorsichtig ihre kleine Lack - schwarze Nasenspitze nach draußen. Dort, vor dem Bau, tobten die Jungen wild während der Abwesenheit ihrer Mutter, wobei der kleine Rüde Mühe hatte sich zu behaupten.

Die alte Wölfin kehrte von ihrer Jagd zurück und würgte ihren Fang vor den Jungen aus. Sofort begann der Kampf um die besten Stücke. Er stand etwas abseits und beobachtete erst einmal. In einem Moment, in dem sich seine Schwestern knurrend und gierig um einen Fetzen Beute balgten, schoss er aus seiner Deckung und schnappte sich ein feines Stück Fleisch, dass er zurückgezogen unter einem dichten Busch genüsslich verspeiste. So entwickelte er eine Überlebensstrategie, die ihn zeitlebens auf eine gewisse Distanz zu anderen Wölfen hielt.

Sie wurden erwachsen und der Alpha - Rüde erlaubte in seinem Rudel keinem anderen Rüden sich fortzupflanzen. So wanderte der junge Wolf mit anderen Junggesellen in einem Rudel durch die Wälder, bis es zu Rangkämpfen zwischen ihnen kam. Er zog sich dann zurück und mied Auseinandersetzungen wo es nur ging. Schließlich streifte er meist ziellos durch andere Reviere, immer auf der Hut nicht in territoriale Kämpfe verwickelt zu werden. Hin und wieder schloss er sich fremden Rudeln an, befreundete sich auch mit jungen Wölfinnen. Es gelang ihm sogar einmal eine Alpha – Wölfin für sich zu gewinnen und hatte Junge mit ihr. Doch als im folgenden Jahr der angestammte Alpha – Rüde sein Territorium wieder verlangte, musste er das Rudel sofort verlassen, sonst wäre er getötet worden.

So vergingen viele Jahre, in denen er nie ein festes Rudel fand. Manchmal begleitete ihn ein Artgenosse einige Zeit lang oder er folgte einem Rudel, aber als er schließlich alt wurde, blieb er mehr und mehr alleine. Er jagte alleine, grub sich alleine eine Schlafkuhle, heulte alleine den Mond an und während sein Leben immer mühsamer wurde, vereinsamte er immer mehr. Er war zum Einzelgänger geworden und wurde immer scheuer. Er spürte, dass das nicht gut für ihn war. -

 

Es war eine dieser wolkenlosen Nächte.

Der Vollmond schien in voller Pracht und die Schneelandschaft reflektierte das Licht, so dass es fast taghell war.

Die gefrorene Oberfläche des Schnees, durch den er langsam zur Klippe hinauf schnürte, knarrte und splitterte bei jedem seiner Schritte. Das schienen die einzigen Geräusche auf Erden zu sein, alle anderen wurden vom Schnee verschluckt. Vor seinem Maul erschien in den regelmäßigen Abständen seiner Atmung eine helle Wolke, die sofort gefror und als kleine Eiskristalle hernieder segelte. Er nahm nichts von alledem wahr und trottete unbeirrt weiter den Hang hinauf. An seinen Schnurrhaaren und Lefzen bildeten sich winzige Eiszapfen, die er hin und wieder mit der Zunge ins Maul zog, wo sie tauten und seinen Durst stillten.

Der Weg war lang und anstrengend. Der Hang wurde immer steiler, so dass der Schnee keinen Halt mehr gefunden hatte, und der alte Wolf nun auf blankem eiskaltem Fels klettern musste. Sein Atem ging schneller, die Wölkchen vor seinem Maul erschienen häufiger, gingen sogar ineinander über.

Er musste eine Pause machen und blieb einfach dort stehen, wo er gerade war. Er ließ den Kopf hängen und atmete schwer. Seine Pfoten brannten, und er hob abwechselnd die Läufe, um sich etwas Linderung zu verschaffen.

Sein ergrautes Fell glitzerte vor Raureif und sein Atem ließ einen diffusen Lichtschein um ihn herum entstehen. In der Ferne, am Waldrand hörte er eine Eule rufen, und er bemerkte auch einen Schneehasen, der weit unterhalb des Hanges durch die gleißende Weiße des Schnees sprang. Einen Augenblick nur verspürte er Hunger und Speichel lief in seinem Maul zusammen. Doch das verging. Sein wahrer Hunger war mit einem Schneehasen nicht zu stillen.

Er kletterte weiter den Felsen hinauf, nur die leuchtende Scheibe des Mondes im Auge.

Schließlich erreichte er die Spitze der Klippe. Er ruhte sich einige Minuten aus, um zu Atem zu kommen.

Dann setzte er sich auf die Kante des Felsens über einem endlosen Abgrund, hob sein Maul dem Mond entgegen und begann zu heulen. Er heulte mit seiner ganzen letzten Kraft, die ihm geblieben war und legte all seine Qualen und sein ganzes Leid in seinen Gesang mit hinein.

Sein verzweifeltes Heulen breitete sich in der kalten Luft meilenweit aus und alle Wölfe, die es hörten, begannen sogleich in seinen Klagegesang mit einzustimmen.

Er sang lange. Als er aufhörte, konnte er das Echo seiner Artgenossen hören. Weit entfernt, zu weit für ihn. So weit weg, wie es auch immer schon gewesen war, sogar, wenn er in einem ihrer Rudel gelebt hatte.

Er warf noch einen Blick zum Mond hinauf und dann sprang er über die Kante der Klippe in die Tiefe.

Er fiel.

Während er fiel wurde sein Geist klarer, er verstand und wollte seinen Schritt rückgängig machen, aber er fiel.

Er sah auf seine Vorderläufe, die auf die Schwärze des Abgrundes zurasten. Er wunderte sich, dass es so lange dauerte, bis er schließlich aufschlagen würde und sein Geist endlich frei wäre.

Da bemerkte er, während er weiter fiel, dass sich seine Pfoten verformten, nackt wurden. Sein Fell verschwand, die Pfoten teilten sich in fünf lange Gliedmaßen. Sein ganzer Körper befand sich in einer Metamorphose, die an den Vorderpfoten begann und an den Hinterpfoten endete. Aus einer ihm unbekannten Kehle erscholl ein panischer Schrei.

Und er fiel weiter.

Ins Bodenlose.

 

Er erwachte auf dem Bauch liegend neben seinem Bett. Völlig erschüttert drehte er sich auf den Rücken. Eine lange Weile blieb er regungslos auf dem Boden liegen und starrte an die Decke. Dann begann er zu weinen, verzweifelt zu schluchzen und krümmte sich schließlich vor seinem Bett zusammen wie ein Embryo.

Langsam beruhigte er sich und setzte sich auf die Bettkante.

Ich bin das. - Das war sein erster Gedanke. -

Ich bin der einsame alte Wolf. Ich will mich aufgeben.-

Alles, was er geträumt oder in einer anderen Lebensform wie – auch – immer durchlebt hatte, stand klar und lebhaft vor seinem inneren Auge.

Dieser alternde, einsame Wolf hatte sein Leben beendet. Er, der Mensch, wollte das nicht. Das war ihm nun vollkommen klar. In dem Moment, in dem der Wolf über den Rand der Klippe sprang, hatte sich sein Geist von dem des Tieres gelöst, eine Entscheidung getroffen und konnte dann endlich in seine ursprüngliche menschliche Form zurückkehren.

Erleichterung machte sich in ihm breit. Er hatte gar nicht gewusst, wie verzweifelt er schon gewesen war. Nun hatte ihn dieser Traum oder was es auch immer gewesen war, dazu gebracht sich seiner Einsamkeit zu stellen.

Er war nicht mehr jung, aber auch noch nicht zu alt für aktive Gemeinschaften. Er beschloss sein Leben zu ändern. Mehr unter Menschen zu gehen, alte Freundschaften aufleben zu lassen und zu pflegen. Er wollte weniger arbeiten, mehr leben und erleben. Und wenn nötig, wollte er auch professionelle Hilfe annehmen.

Doch als erstes griff er zum Telefon und rief einen alten Freund an, mit dem er sich noch am selben Abend traf und bei dem er sich alles von der Seele reden konnte. Der Freund bestärkte ihn in seinem Vorhaben sein Leben zu ändern und bot ihm seine Hilfe an.

Er machte seinen Plan wahr und reduzierte seine beruflichen Pflichten auf das Nötigste. Er erkundigte sich nach Möglichkeiten, sich von Fachleuten helfen zu lassen. Er ging wieder wie in seiner Jugend in die Stadt und traf Menschen.

Menschen, die er noch von früher kannte und Menschen, die er neu kennen lernte. Langsam fand er in das Leben zurück. Er wurde zufriedener.

Der einsame verzweifelte alte Wolf, der den Ausweg in den Tod gewählt hatte, verblasste mehr und mehr in seinem Bewusstsein, bis er ihn, als er sich schließlich glücklich verliebte, endlich völlig vergaß.

 

 

© Helene Hages 2018

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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