Olaf Lüken

Der erfundene Prolet

Die deutsche Wirtschaftsgesellschaft scheint unfähig, weitergehenden sozialen Fortschritt zu produzieren.
Der Wohlstand für die Allgemeinheit sinkt. Wie auch, wenn in einer globalisierten Wirtschaft Geiz ungleich
geiler ist und soziale Tugenden auf den Müllhaufen der Geschichte landen. Unübersehbar sind die fehlen-
den Aufstiegs- und Zukunftsperspektiven, die einhergehen mit einer zunehmenden Ungleichbehandlung
in großen Teilen der Bevölkerung. Ernüchterung und Entmutigung sind das Resultat. Und das in einem
Land in dem der Ökonomiegedanke über alles steht und eine Kanzlerin das Wort von der "marktkonfor-
men Demokratie" redet. Bis zur "marktkonformen Kultur" ist es nur ein kleiner Schritt. In Zeiten
zunehmender Ungleichbehandlung wächst der Wunsch nach Nivellierung, zumindest der Wunsch, dass
Klassengegensätze nicht auch noch kränkend und für jedermann sichtbar abgebildet werden. Ihre Macher
und Magier bedienen seit Jahren ein relativ junges Publikum, das nicht zur Individualität erzogen wurde.
Also müssen Deutschlands kaufkräftige Konsumenten in eine permanent homogene Stimmung, ja Party-
laune gehalten werden. Und diese Mehrheit will eine Angleichung - beziehungsweise Akzeptanz - nach
unten. Achten Sie einmal auf die marketingkonformen Antworten, wenn deutsche Stars und Sternchen
auf persönliche oder private Dinge angesprochen werden. Da spricht nicht der Star, sondern dein Nach-
bar von nebenan.Grauenhaftes Mittelmaß bestimmt in Deutschland seit Jahrzehnten die Leit-
beziehungsweise Leidkultur. Warum ist das so?

Der einstige Traum vom Bürger, "der es geschafft hat" ist vorerst ausgeträumt. Da kann die Wirtschaft
noch so boomen. Der Unterhaltungsbranche ist es gelungen, das Bild vom Bürger mit Vorbildfunktion
nachhaltig zu verkitschen. In den Medien sitzt der Stand-up-Comedian als Star auf dem Altar eines neu-
en Menschenbildes. Zu den vielfach Umjubelten gehören Komödianten wie Mario Barth, Guido Cantz,
Atze Schröder und eine Cindy aus Marzahn, die 2016 von der Bildfläche plötzlich verschwand, als Re-
dakteurin zum Magazin stern ging und für 2018 ein Come Back plant. Dieser Riege folgen Figuren wie
die Geissens, Wollnys oder Reimanns. Wer davon nicht genug bekommen kann, zappt sich ins Dschun-
gel Camp, schaut beim Bachelor rein oder schaut zu, wie das ganze Land mit DSDS alljährlich den Su-
perstar sucht und Heidi Klumm ihre dürren Modells über den Laufsteg jagt. Wir sind immer dabei.

Der Inbegriff des Filmschauspielers als Vorbild für die Gegenwart ist der amerikanische Schauspieler
Bruce Willis, vielen bekannt in seiner Rolle als New Yorker Underdog-Polizist. Immer ein Haudrauf-
Genosse und motherfuck-fluchender Held. Er trägt einen Kapuzenpulli oder ein T-Shirt und fläzt sich
breitbeinig in der Rolle eines unrasierten Randalierers durch die Szene als Markenidol der urbanen
Unterschicht. Erinnern Sie sich noch an die deutschen Edelkommissare Horst Tappert oder Erik Ode?
Das war einmal. Abgelöst wurden sie vom halb verwahrlosten Junggesellen Schimanski und seinen
prollig aussehenden Nachfolgern. Eleganz im Kostüm deutscher Ordnungsmacht schöpft in unseren
Tagen eher Verdacht.

Gesellschaftlich gepflegt wird in den Medien das Bild eines Menschen, der roh, unbehauen, vor allem
kulturfern und erdverbunden ist. Der Mann, grobschlächtig, mit aufgekrempelten Ärmeln und einem
gestählten Bizeps. Abgebildet wird das Ideal eines edlen Wilden, der von der Zivilisation weder ero-
bert noch verdorben werden konnte. Ungebildet und unverbildet und ungeschlacht. Der Proletarier als
ewiger Sieger der Geschichte. Immer kerngesund und stets zeugungsfähig. Was aber soll uns der ganze
Mummenschanz vom edlen Wilden sagen ? Aus dem Malocher vergangener Zeiten ist mittlerweile ein
IT-Spezialist geworden. 45 Prozent eines Schuljahrgangs machen heute Abitur (2017). 1955 waren es
noch 8 Prozent. Auch die Frau ist schon lange kein dekorativ anzusehendes Mäuschen mehr, das sich
dem stets potenten Männchen jederzeit fröhlich unterwirft. Wir erleben jetzt die dunkle Seite einer
vormals hochgelobten Wissensgesellschaft. Der Aufstand richtet sich jetzt gegen die Zumutung le-
benslangen Lernens, das einhergeht mit einem gefühlten Erfolgs- und Bildungsterrors, ohne staatliche
Zusage auf Karriere und materieller Absicherung. Der anfängliche Unmut in der Bevölkerung steigert
sich zum Intellektuellenhass. Im Fernsehen erfahren wir von den Herren Lesch und Nuhr, dass Gott
alternativlos tot ist. Auch Armut wird heutzutage gerne mit Prekariat verwechselt und gilt als unaus-
ausgesprochen vulgär. Vulgär ist der Bürger, der zu Zwecken der Anbiederung oder Steigerung seines
Machotums als Prolet auftritt. Vulgär ist der verbeamtete Kommissar, der in der Öffentlichkeit zum
Underdog stilisiert wird. Vulgär sind die Atzes, Marios, Lafers und Lichters, die vom Fernsehen dafür
bezahlt werden, dass sie sich - zusammen mit den Fußballhelden - als unsere Freunde gerieren, die
sie in Wahrheit nicht sind. Vulgär ist vor allem die Lüge, die mit der medialen Inszenierung "Wir sind
alle Prolls" Beifall und Nachahmer findet.

(c) Olaf Lüken

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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