Olaf Lüken

Der erfundene Prolet

Die deutsche Wirtschaftsgesellschaft scheint unfähig, trotz hoher technischer Standards zusätzlichen sozialen Fortschritt zu produzieren. Der Wohlstand für die Allgemeinheit sinkt. Wie denn auch, wenn in einer  globalisierten Wirtschaft Geiz ungleich geiler ist und geistige Werte und soziale Tugenden auf den Müllhaufen der Geschichte landen. Unübersehbar sind die fehlenden Aufstiegs- und Zukunftsperspektiven, die einhergehen mit einer zunehmenden Ungleichbehandlung in weiten Teilen der Bevölkerung. Ernüchterung und Entmutigung sind das Resultat. Und das in einem Land, in dem der Ökonomiegedanke über alles steht und die Kanzlerin das Wort von der "marktkonformen Demokratie" redet. Bis zur "marktkonformen Kultur" ist es nur ein kleiner Schritt. Weiß Angela Merkel nicht, dass ihr Reich, die EU, ein vom Verfall bedrohtes Reich ist, das heute von Portugal bis Polen reicht ? Europa, wirtschaftlich mächtig wie Amerika, läuft Gefahr, von den ganz großen Mächten an die Wand gespielt zu werden. 
 

In Zeiten zunehmender Ungleichbehandlung wächst bei vielen Menschen der Wunsch nach Nivellierung, zumindest der Wunsch, dass Klassengegensätze nicht auch noch kränkend und für jedermann sichtbar abgebildet werden. Ihre Macher und Manipulateure bedienen seit Jahren ein relativ junges Publikum, das nicht zur Individualität erzogen wurde. Deshalb sollen auch Deutschlands Konsumenten in eine permanent homogene Stimmung, ja "never-ending-Partylaune" gehalten werden. Dauerbespaßung bis zum Abwinken.  Und diese Mehrheit ist es auch, die eine Angleichung - beziehungsweise Akzeptanz - nach unten fordert.  Prinzipiell heißt es nichts anderes als: Wir sind eine Gemein -schaft, ein Team und  gleich. Der sinnstiftende Intellektuelle war einmal.

Der Wunsch nach dieser Art "Gleichmacherei" wurde zuerst von der verlogenen und amoralischen Medienindustrie aufgenommen und bedient. Die öffentliche Lüge findet sogar auf dem Laufsteg statt: Achten Sie einmal  auf die Antworten, wenn deutsche Stars und Sternchen über persönliche  und private Dinge vor laufender Kamera befragt werden: Da antwortet nicht der Star zum Publikum, sondern dein Nachbar bzw. deine Nachbarin von nebenan. Ganz persönlich, ganz nah und ganz privatim. Für den Promi sind selbst die banalsten Dinge immer eine gute PR (Public Relations) wert. PR ist eine Form von Öffentlichkeitsarbeit, mit der der Star für sich wirbt. Ganz nach dem Motto: Rede Gutes, damit die Nachfrage nach mir oder meinem Produkt am Markt  zunimmt. Das Gespräch dient der Eigenwerbung, nicht der Suche nach Menschen aus anderen Schichten, um mit "solchen" auch noch befreundet zu sein. Der Promi ist es, der denkt, dass er den Marschallstab trägt, weil er etwas geschaffen hat. Public Relation entwickeltete sich aus der Propaganda. Und Propaganda klinkt sich in die neuronalen Netzwerke des Individuums ein und öffnet Tür und Tor für die Manipulation der Massen. Propaganda, Reklame und Werbung sind Waffen in Händen derer, die etwas von dir und anderen haben wollen, ohne das "WOFÜR"  ehrlich zu erklären. Propaganda erinnert an ihre einstigen Protagonisten, die Hitlers, Goebbels und Streichers. Manipulateure der Massen, wie die Trumps, Erdogans oder Putins.  Zu denken, dass der A-B-C- oder D-Promi dein verständnisvoller Freund und hilfreicher Nachbar ist, ist völlig absurd. Es geht um ein von den Medien  wirksam  inszeniertes Image und soll uns, Konsumenten, die wir sind,  in die Welt der Illusionen transformieren.  Deine wahren Wünsche und Ziele interessieren uns  nicht.  

Was ist aber  aus dem einstigen Traum vom Bürger geworden, der den "Marschallstab" mit sich führt ? Der Marschallstab, verstanden  als Poten -zial des Menschen, größere Leistungen irgendwann einmal Wirklichkeit werden zu lassen ? Dieser große Traum vom Bürger, der seine Vor -stellungen verwirklichen will ist für die Mehrheit  vorerst ausgeträumt. Da kann Deutschlands Ökonomie boomen und brummen wie sie will. 

Der Medienindustrie ist es bereits  vor Jahren  gelungen, das Bild vom Bürger mit Vorbildfunktion, nachhaltig zu verkitschen. In den Medien sitzt heute  der Stand -up-Comedian als Star auf dem Altar eines neuen Menschenbildes. Zu den heute Umjubelten gehören Charaktere wie Mario Barth, Guido Cantz, Atze Schröder und viele andere. Dieser Riege folgen sprachprollige Soapfiguren wie die Geissens, Wollnys oder Reimanns. Wer von ihnen nicht genug bekommen kann, zappt sich ins Dschungel Camp, schaut beim Bachelor rein, unterhält sich beim Frauentausch oder sieht zu, wie das ganze Land mit DSDS alljährlich den Superstar sucht und Heidi  Klum bei GNTM ihre dürren Modells über den Laufsteg jagt. Der Jungbauer, der öffentlichkeitswirksam nach einer  Frau für den Bauernhof Ausschau hält, ist so grotesk und zeitnervend wie die Lafers, Lichters und Poletos. Wir werden belogen, betrogen, getäuscht und verarscht. Als blöde und von der Wirtschaft nicht ernst gemeinte Konsumenten, sind wir immer dabei.  Den Medien sei Dank.  Ob Kochklamauk, Bares für Rares  oder "Die Heute Show," wir strampeln,  trampeln, klatschen, grölen  und feixen. Weiblein  wie  Männlein.  Mit Werbung und viel Musik. Die Dichterin Ingeborg Bachmann sah die Dinge intuitiv voraus. Ihr Gedicht "Reklame" schreit die Perversion des aberwitzigen Konsumwahns in die Welt. Und die Welt hat es nicht begriffen. Aber: Sei ohne Sorge, sei ohne Sorge, heiter... und mit Musik. Wir sind im Dauerrausch und haben ständig  Angst, dass die Never-Ending-Party doch einmal zu Ende gehen könnte. Was aber dann ?

Der Inbegriff des Filmschauspielers als Vorbild für die Gegenwart ist der amerikanische Dauer-Hero Bruce Willis, vielen bekannt in seiner Rolle als New Yorker Underdog-Polizist. Immer ein Haudrauf und motherfuck-fluchender Held.  Er besticht durch muskulöse Coolness und ist absolut geschmacksneutral. Er trägt einen Kapuzenpulli oder ein T-Shirt und fläzt sich breitbeinig in der Rolle des unrasierten Randalierers durch die Szene als Markenidol der urbanen Unterschicht. Erinnern Sie sich noch an die deutschen Edelkommissare Horst Tappert oder Erik Ode? Das war einmal. Abgelöst wurden sie vom halb verwahrlosten Kripo- Junggesellen Schimanski und seinen ebenfalls recht prollig aussehenden Nachfolgern. Eleganz im Kostüm deutscher Ordnungsmacht schöpft in unseren Tagen eher Verdacht. Unser Ideal ?  Sozialabsteiger vom Schlag eines Georg 'Wilsberg, einst als Jurist den Job verloren und als Antiquar und Detektiv ständig in Geldnöten oder jener einzel- und draufgängerische Kommissar Herbert Thiel. Seine Liebe gehört dem Fußballsport und dem FC Sankt Pauli. Wilsberg und Thiel sind immer in Aktion.Thiels Vater ist ein in die Jahre gekommener Taxifahrer mit Junkieerfahrung. Beide Tatort-Protagonisten haben nicht zufällig  im dunkel-katholischen Münster ihr Revier aufgeschlagen.  Da ist auch  der schrullige Professor Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne, Rechtsmediziner, Narzisst und Lebemann mit deutschtümelnder Akademikermentalität. Hinzu gesellt sich die neurotische und nahezu ständig qualmende  Staatsanwältin Wilhelmine Klemm. Beide werden dem Fernsehzuschauer als die  "wahren  Underdogs dargestellt. Endlosbespaßung für die Dauerverlierer der Nation.  43 Prozent eines Jahrgangs machten 2017 ihr Abitur. Der Nachwuchs muss schnell lernen und entsprechend funktionieren. Pubertäre Probleme gehören auch  heute nicht wirklich ins Klassenzimmer. Und was kommt danach ? Wie steht es wirklich um die Karriereaussicht für Jugendliche aus einfachem Hause ? Pech gehabt, es sei denn, Mutti und Vati haben Geld und  entsprechende Beziehungen. Dann klappt es auch mit der UNI-Karriere. Der Rest muss Geld aufnehmen und gerät unmittelbar in die Schuldenfalle.  Angela Merkel will ganz Europa beglücken, was sie nicht kann und treibt das eigene Land an den Rand des Wahnsinns. Die Republik ist ein Dauer-Hort für Lug, Trug und Ge- zänk geworden,. Selbst die Wirtschaftsbosse aus der Banken- und Autobranche haben dem Land einen schweren Schaden zugefügt. National und international. Dennoch werden die Medienvertreter alles tun, um uns in einer künstlichen Nebelblase verschwinden zu lassen. Wir wollen und  sollen ständig unterhalten werden. Können, Fleiß und Empathie sind heute weniger nachgefragte Attribute.

Gepflegt wird von den Medienvertretern das Bild eines Menschen, der roh, unbehauen, vor allem kulturfern und erdverbunden ist. Der Mann, grobschlächtig, mit aufgekrempelten Ärmeln und einem gestählten Bizeps. Abgebildet wird das Ideal eines edlen Wilden, der von der Zivilisation weder erobert noch verdorben werden konnte. Ungebildet und unverbildet und damit ungeschlacht. Der Proletarier als ewiger Sieger der Geschichte. Immer kerngesund und stets zeugungsfähig. Was aber soll uns der ganze Mummenschanz vom edlen Wilden sagen ? Aus dem Malocher vergangener Zeiten ist mittlerweile ein IT-Spezialist geworden. 43 Prozent eines Schuljahrgangs machen heute Abitur (2017). 1955 waren es noch 8 Prozent. Auch die Frau ist schon lange kein dekorativ anzusehendes Mäuschen mehr, das sich dem stets potenten Männchen jederzeit fröhlich unterwirft. Wir erleben die dunkle Seite einer vormals hochgelobten Wissensgesellschaft. Der Aufstand richtet sich heute gegen die Zumutung lebenslangen Lernens, das einhergeht mit einem gefühlten Erfolgs- und Bildungsterrors, ohne staatliche Zusage auf Karriere und materieller Absicherung. Der anfängliche Unmut in der Bevölkerung steigert sich zum Intellektuellenhass. Und Gott ist tot, weil nicht auffindbar. Wir sind unzufrieden, können unseren Ärger aber nur unzureichend deuten. Wir sind arm geworden. Innerlich und oft auch äußerlich. Menschen, die uns offen ihre Armut zeigen, ohne sie gleich zur Schau zu stellen, bezeichnen wir gern als vulgär.

Vulgär ist aber der Bürger in der Verkleidung eines Filmschauspielers oder Sportlers, der zu Zwecken der Anbiederung oder Steigerung seines Machotums öffentlich sich als Prolet geriert. Vulgär ist der verbeamtete Kommissar, der in der Öffentlichkeit zum Underdog stilisiert wird. Vulgär sind die Atzes, Marios, Lafers und Lichters, die vom Fernsehen dafür bezahlt werden, dass sie sich - zusammen mit den Fußballhelden - als unsere Freunde andienen, die sie in Wahrheit gar nicht sind. Vulgär ist vor allem die Lüge, die mit der medialen Inszenierung "Wir sind alle Prolleten" Beifall und Nachahmer findet. Sapere aude.

(c) Olaf Lüken (2017)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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