Arnold Nirgends

Rosamunde Tecot - 9 Jahre alt

Wie versprochen stand Bilok bei der Laterne vor der Taverne ‚Honest Chicken‘, welches am Doronir Circle gelegen recht nahe am Stiegenaufgang zum ‚Flaming tower‘ gelegen war. Er stand in seiner schicken Kadettenuniform da und sah darin wirklich toll aus. Legionsblau passt einfach zu ihm, dachte Rosamunde und hakte sich nach einem Kuss auf die Wange beim geliebten Bruder ein.
„Was machen die Hühner?“, fragte sie Bilok gut gelaunt.

„Habe ihnen heute drei Kühe verfüttert“, antwortete sie beiläufig und griff sich den Apfel, den ihr Bilok mitgebracht hatte.
Rosamunde war seit 2 Monaten Stallmädchen im Hippogriffgestüt. Sie hasste diese Tiere, aber ihre Eltern waren so voller Stolz gewesen, als das Hippogriffgestüt sie als einzige Bewerberin sofort aufgenommen hatte, dass sie es nicht übers Herz gebracht hatte abzusagen.

Diese Arbeit hatte aber auch ihre Reize stellte sie bald nach ihrem Dienstantritt fest. Mit 2 ANMASS war sie sogar als Stallmädchen schon sehr gut bezahlt. Und wenn sie eine Begebenheit aus dem Gestüt zu erzählen begann, verstummte meist jedes Gespräch im Umkreis und alle wollten wissen, was die wilde ‚Hipporosa‘ zu erzählen hatte. Mit ihren 9 Jahren war es für sie gar nicht so leicht gewesen ins Internat zu wechseln. Aber die Internatsschule hatte einen ausgezeichneten Lehrkörper. Und die Aussicht in ein paar Jahren als ausgebildete Hippogriffreiterin in den Weiten von Ost-Caltha für Arca-Nihil streiten zu dürfen, war eine tolle Perspektive für das junge Mädchen. Das obwohl sie die monströsen Tiere eigentlich nicht recht leiden konnte.

Die vom Internat ausgebüchste Rosamunde und Bilok verließen die Stadt und wanderten wie in ihrer Kindheit über Ledan, dann jedoch statt nach Doronir weiter in Richtung Westend. Wohlweislich die Hauptstraße meidend und Feldwege benützend waren sie erst weit nach Mitternacht an ihrem Ziel.
Ein hoher Zaun konnte sie nicht aufhalten, weil Bilok schon Wochen zuvor eine Schwachstelle gefunden hatte, wo sie durch eine Lücke am Boden durchkriechen konnten. Die Hundezwinger waren heute leer, wussten sie. Der zuständige Arzt hatte Rosamunde den Untersuchungs- und Impftermin leichtsinnigerweise Verraten.

Dass das Gelände wegen der fehlenden Hunde fast lückenlos ausgeleuchtet war und überall Wachtürme mit aufmerksamen Wachen waren, störte die Beiden nicht. Bilok hatte ein Faible für schwierige Passagen und Rosamunde folgte immer schlafwandlerisch ihrem Bruder.

Es dauerte nicht lange und sie kamen an der ersten der fünf riesigen Hallen an.

Riesig ist da gar kein Ausdruck, dachte Rosamunde tief beeindruckt, als sie im Schatten der Halle war. Diese Hallen haben das Zeug den ‚Flaming tower‘ klein aussehen zu lassen. Ihrer aktuellen Schätzung nach maß die Halle vor ihr 150 Meter in der Länge und war mindestens fünfzig Meter breit und hoch.

„Im zweiten Stock sind die Fenster offen“, flüsterte Bilok in diesem Moment der staunenden Schwester zu.

„Warte aufs Seil“, sagte er noch und war schon zwischen Außen Streben und Rohren nach oben unterwegs. Rosamunde kletterte danach geschickt am heruntergeworfenen Seil hoch.

Die Beiden kletterten durch eines der offenen Fenster und sie landeten auf der anderen Seite auf einer Galerie, welche die Wand entlang lief. Leider war es vollkommen dunkel in der Halle und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen.

Also verweilten sie eine Zeitlang im Schatten, um den Augen Zeit zu geben sich an die geänderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Währenddessen arbeiteten die anderen Sinne. Die Ohren vernahmen ein leichtes Brummen, das nicht zuordenbar war und mögliche andere, leisere Geräusche überdeckte. Erfolgreicher war der Geruchssinn. Tausende Gerüche schienen auf ihre Nasen einzuwirken und man konnte durch das Vielerlei fast keine klaren Erkenntnisse ziehen. Es roch unglaublich und Rosamunde sollte diesen Geruch nie mehr vergessen. Die Geruchsmixtur bestand hauptsächlich aus frischem Holz, Harz, Kleber, Leder und etlichen anderen Gerüchen. Es war ein Mix, den es sonst nirgends auf Arca-Nihil geben würde und es roch einfach nach ‚Luftschiff‘.

Als sich die Augen angepasst hatten, war es auch nicht mehr so stockdunkel, wie beim Einstieg durch die Fenster. Von außen durch Mauerritzen und Fensteröffnungen eintretende Lichtstrahlen verursachten ein Netz aus feinen Lichtspuren und zeigten den Eindringlingen ein gigantisches, die halbe Halle ausfüllendes Gerüst. Und im Zentrum dieses Gerüstes befand sich ein riesengroßer torpedoförmiger Körper gigantischen Ausmaßes.

„Die ANS Doomsday“, flüsterte der tief beeindruckte Bilok.
„Wir sehen hier das erste Luftschiff das jemals das Licht unserer Welt erblicken wird.“, sprach er weiter und dann kichernd, „Und wir sehen es bevor irgendjemand Anders es gesehen hat.“

Sie kletterten Stiegen hinauf und hinunter und wanderten auf verschiedenen Ebenen gehend um das ganze Luftschiff herum. Für Rosamunde, die sehr pragmatisch dachte ergab sich dabei eine grundsätzliche Frage.
„Du Bilok, zugegeben das Luftschiff ist riesengroß. Aber warum muss man dafür eine noch um so vieles größere Halle darüber bauen? Das ist doch Verschwendung.“, meinte sie an den Bruder gewandt.

„Ah, Schwesterlein. Die ANS Doomsday ist ein Schiff der Olbiaklasse. Hast Du nicht mitbekommen, dass es viel größere Schiffe geben soll. Unser Schiff hier ist ein Aufklärer. Die großen Schiffe benötigen dann die ganze Halle. Die Doomsday ist scheinbar halb so lang wie die größten geplanten Schiffe.“

Endlich fanden sie den Hauptschalter und auf einen Schlag leuchteten alle Glühbirnen in der ganzen Halle. Rosamunde musste sich die Hände vor die geblendeten Augen halten, bevor sie den Stolz der Arca-Nihil Luftfahringenieuere jetzt in voller Pracht bestaunen konnte.

Ein riesengroßer torpedoförmiger Ballon schwebte über einer vergleichsweise kleinen, aber wunderschönen Holzgondel. Dazwischen waren viele Seile und Strickleitern sowie feste Verstrebungen an denen sich drei Propeller befanden.

Auf der Gondel gab es ein Geländer, war das letzte was sie wahrnahm bevor Bilok das Licht wieder ausschaltete und sie nach oben zu den Fenstern kletterten, weil von überall Wachen in die Halle stürmten.

Fast hätten sie es bis zum Loch im Zaun geschafft. Aber zwei aufmerksame Wachen hatten sie in eine  Schatten huschen gesehen und stellten die Flüchtenden.

„Halt wer da?“, sagte der eine aus nächster Nähe. Der Andere neben ihm hielt ein Gewehr schussbereit in der Hand.
Rosamunde ging gefolgt von Bilok ruhig und ernsten Blickes aus dem Schatten auf die beiden Wachen zu.
„Es ist nichts passiert. Niemand war zu sehen!“, sagte sie eindringlich, begleitet mit einer wischenden Geste der rechten Hand.

 „Es ist nichts passiert. Niemand war zu sehen!“, wiederholten die beiden Wachmänner, setzten ihre Runde aufmerksam fort und ignorierten die beiden zum Loch im Zaun Flüchtenden.

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